HR Trends & Praxis – Channel

remote work –

für viele verlage (noch) ein fremdwort


Immer schneller, immer flexibler – das gilt für viele Prozesse in Unternehmen, vornehmlicher Treiber dafür: die Digitalisierung. Zwangsläufig sind auch die Arbeitsmodelle davon betroffen, Buzzwords wie NewWork, Arbeit 4.0 oder RemoteWork schwirren durchs Netz. Wie aber sieht die Realität in Unternehmen aus? Wir haben Kolleginnen und Kollegen aus Medienunternehmen, aber auch Dienstleister einmal dazu befragt, wie eigentlich real ihre Arbeitssituation in den Unternehmen aussieht. An der „Blitzumfrage Arbeits(zeit)modelle in Medienunternehmen“ haben 561 Personen teilgenommen. Gleichzeitig war dies die zweite Erhebung ihrer Art, die erste fand im September 2017 statt.

Warum gehen wir eigentlich arbeiten?

„Arbeitest du, um zu leben – oder lebst du, um zu arbeiten?“ – diesen Satz haben sicher viele stressgeplagte Berufstätige schon zu hören bekommen. Tatsächlich wird hier ein Gegensatz suggeriert, der für viele heutzutage kein Widerspruch ist (oder sein sollte). Die aktuelle Studie „Von der Personalnummer zur Person“ von ADP, einem internationalen Anbieter von HR-Lösungen, kommt zu dem Ergebnis: „Das Gehalt ist immer noch der Ausgangspunkt für jede Art von Motivation. Doch über alle Altersgruppen hinweg zeigt unsere Umfrage, dass die Zufriedenheit am Arbeitsplatz fast genauso stark motiviert wie die Bezahlung. Kein Aspekt überwiegt. Beide sind extrem wichtig zur Aufrechterhaltung der Motivation der Belegschaft, und keiner sollte auf Kosten des anderen vernachlässigt werden.“

„Weiche“ Faktoren abseits der monetären Entlohnung rücken in einer Dienstleistungsgesellschaft immer mehr in den Mittelpunkt. Zu diesen gehört auch die Art und Weise der jeweiligen Tätigkeit und deren Umfeldbedingungen.

Wie wollen wir arbeiten?

Deloitte, internationales Wirtschaftsprüfungsunternehmen und Analyst, hat sich im Rahmen der Studie „ Arbeitswelten 4.0 im Mittelstand“ einmal genauer angeschaut, wie sich das Konstrukt „Arbeit“ im Moment verändert: „Die befragten Unternehmen verstehen dabei unter Arbeitswelten 4.0 eine Flexibilisierung der Arbeit…weniger aber konkrete Veränderungen von Strukturen und Prozessen…Bezogen auf den konkreten Arbeitsplatz nehmen Heimarbeit und mobile Arbeit zu, jedoch meist nicht als aktives Programm, sondern eher aus der Not heraus, wenn potenzielle Mitarbeiter dies fordern. Dabei sind Unternehmen, die derartige Arbeitsformen freiwillig anbieten und vertraglich regeln, erfolgreicher als andere.“ In der Studie wurden Unternehmen auch danach befragt, wie sie „Arbeitswelt 4. 0“ eigentlich definieren: „Wie die Ergebnisse zeigen, spielen Flexibilisierung der Arbeit (64 %), lebenslanges Lernen (58 %) und neue Qualifikationsanforderungen (55 %) die wichtigste Rolle, aber auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“ Dennoch hat man den Eindruck, dass Unternehmen hier eher Getriebene, nicht aktive Gestalter dieser Veränderungen sind.

Arbeitsmodelle in Verlagen

In der „Blitzumfrage Arbeits(zeit)modelle in Medienunternehmen“ wurden die 3 Kernelemente jeder Arbeit, nämlich das eigentliche Zeit-Modell, dessen Flexibilität (Gleitzeit) und die Königs-Disziplin, Homeoffice/RemoteWork abgefragt. 

Beim Thema Arbeitszeit zeigt sich ganz klar: eine Kernarbeitszeit mit flexiblen Regelungen ist die Struktur der Wahl (88 %), nur 7 % der Befragten haben noch feste Arbeitszeiten – aber auch nur 4 % haben völlig freie Zeit-Regelungen. Auch die Nutzung von Gleitzeit ist den meisten erlaubt: in 73 % der Unternehmen haben alle Mitarbeiter die Möglichkeit dazu, in 27 % der Unternehmen hat nur ein Teil der Belegschaft die Möglichkeit zu „gleiten“.

Wie aber sieht es mit Heimarbeit aus? Diese ist in 25 % der Unternehmen offiziell für alle Mitarbeiter erlaubt, in 63 % für Teile der Belegschaft – und in 12 % ist Heimarbeit nicht erlaubt. In Summe also auf den ersten Blick ein hoher Grad der Flexibilisierung in den Verlagen, wobei dies natürlich nichts über Quantität und schon gar nichts über die Zufriedenheit der Mitarbeiter mit den geltenden Regelungen aussagt. 

Homeoffice: Angebote und Nutzung

Gefragt wurde auch, für welche Bereiche respektive Abteilungen in Verlagen denn Homeoffice angeboten wird. Klar an der Spitze liegen Geschäftsführung und Abteilungs- und Bereichsleiter (37 %), gefolgt von Lektorat und Redaktion (30 %). Für Mitarbeiter aus den Bereichen Marketing (13 %), Vertrieb (12 %) und Herstellung/Produktion (8 %) sind die Angebote, auch einmal von zu Hause aus zu arbeiten, eher unterentwickelt.

Aber wie oft nutzen Mitarbeiter eigentlich die Möglichkeit zur Heimarbeit? Im Durchschnitt verbringen alle, die auch die Möglichkeit dazu haben, 4,2 Tage im Monat am Heimschreibtisch, also etwa 1 Tag in der Woche (zum Vergleich: bei den ebenfalls befragten Dienstleistern für die Medienbranche liegt diese Zahl doppelt so hoch). Und gefragt danach, wie viele Heimarbeitstage alle(!) Teilnehmer der Umfrage gerne hätten, geben sich diese gar nicht revolutionär: im Durchschnitt würden 5,7 Tage im Monat ausreichen.

Auch die abgefragten Kern-Forderungen („Was würden Sie im Zusammenhang mit Ihren Unternehmensregelungen zu Arbeitszeit, Gleitzeit, Homeoffice, Kinderbetreuungsmöglichkeiten verbessern?“) klingen ebenso vernünftig wie vermeintlich realisierbar:

  • Verbindliche, für alle Mitarbeiter gültige Regelungen, keine Abhängigkeit von irgendwelchem „goodwill“
  • Bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch größere Flexibilität der Arbeitszeiten und -orte
  • Schaffung einer Unternehmenskultur, die RemoteWork auch anerkennt ("Weg von der Kontroll-Kultur")
  • Schaffung einer technischen und organisatorischen Struktur und Arbeitsumgebung, um sinnvoll im Homeoffice arbeiten zu können

Dass all diese Maßnahmen auch dazu dienen, ein Unternehmen zukunftsfähig zu machen, schimmert übrigens in vielen Antworten durch, wie etwa hier: "Meines Erachtens ist es dringend überfällig, Homeoffice anzubieten, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu motivieren, zu halten und neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen.“

Wenn nun also in 87 % der Verlage Homeoffice ganz oder teilweise erlaubt ist und die Nutzung derer, die daheim arbeiten dürfen, nicht sehr weit weg von den Wünschen liegen, könnte man eigentlich ein halbwegs positives Bild der derzeitigen Arbeitssituation in Verlagen zeichnen. Dem widerspricht aber die Antwort auf die Frage „Ich finde die offiziellen Regelungen zur Arbeitszeit, Heimarbeit usw. in meinem Unternehmen ausreichend und bin zufrieden“: Nur 53 % bejahen diese Frage, 47 % sind nicht zufrieden.

Aus den Antworten lässt sich der Grund dafür ablesen: zwischen offizieller Regelung und tatsächlicher Handhabung besteht oft eine große Lücke (Thema „goodwill“), zumal 63 % der Verlage Heimarbeit auch nur für einen Teil der Belegschaft anbieten (i n der Regel meist die Führungskräfte), was zu einer gefühlten „Gerechtigkeitslücke“ führt.

Dabei sind die Schritte zu deren Vermeidung ganz klar: transparente Regeln, für alle gültig, und eine Ausweitung und Flexibilisierung dieser Regeln. Und am Ende des Tages auch das Vertrauen von Führungskräften in die eigenen Mitarbeiter – Flexibilisierung hat immer etwas mit „Loslassen“ zu tun. Aber gerade Unternehmen abseits von Fließbändern, Stückzahlen, physischer Kundenfrequenz und 9to5-Jobs sollten hierzu in der Lage sein. Allein die Messung von Arbeitsleistung auf der Grundlage von Anwesenheit in einem Unternehmen statt in echter Projektarbeit ist eigentlich ein Unding.

Digitales Arbeiten: Zwiespältig

Wer „Heimarbeit“ sagt muss auch „Arbeitsumgebung“ sagen. Wie werden (vertrauliche) Daten gehandelt, wie sieht es mit Tools zur effektiveren Zusammenarbeit aus? Auch dies wurde in der Umfrage ermittelt. Auf die Frage „Falls Sie die Möglichkeit zur Heimarbeit (Homeoffice) haben - nutzen Sie Arbeitsausrüstung (Telefon, Computer etc.) des Unternehmens oder eigene?“ antworteten gerade einmal 42 ´% der Befragten, dass sie ihre Arbeitsausrüstung vom Unternehmen gestellt bekämen, 33 % bekommen diese nur teilweise und 25 % kümmern sich selbst um die technische Ausrüstung des heimischen Arbeitsplatzes. Dies ist aus Investitionsgründen zwar nachvollziehbar, unter dem Aspekt der heutzutage dringend nötigen IT-Sicherheit eigentlich ein Desaster.

Und wie sieht es mit prozessunterstützenden Tools aus?

Die Frage „Werden digitale Tools (Skype, Slack, Trello etc) zur Zusammenarbeit genutzt, um dezentrales Arbeiten zu erleichtern?“ beantworten gerade einmal 46 % der Befragten, die Heimarbeit nutzen, mit „Ja“, 24 % würden gerne mehr dieser Tools einsetzen und 30 % sagen: „Nein, aber ich würde gerne digitale Tools zur Zusammenarbeit einsetzen.“

Der Einsatz von Heimarbeit mag ein probates Mittel sein, Mitarbeiter zu binden oder überhaupt für neue Mitarbeiter attraktiv zu werden. Letzten Endes darf dies aber nicht zu einem Verlust an Produktivität führen. Über die Hälfte aller Mitarbeiter, die Homeoffice nutzen, fühlt sich nicht oder nicht ausreichend durch digitale Prozesse in der eigenen Effizienz unterstützt. 

Auch hier müssen klare Regeln und Vorbilder her, nicht jeder Arbeitnehmer, der auf der einen Seite gerne eine Flexibilisierung des Arbeitsortes möchte, ist auf der anderen Seite bedenkenlos bereit, Unternehmensprozesse auch daheim digital abzubilden. Michael Kroker, Journalist (u.a. WirtschaftsWoche) hat sich kürzlich eine Studie des Netzwerkausrüsters Cisco zu diesem Thema genauer angeschaut: „Digitales Arbeiten – damit verbinden die Erwerbstätigen in Deutschland hauptsächlich flexibles Arbeiten: 45,2 % der 2500 Befragten nennen dies als größten Wunsch an den digitalen Arbeitsplatz. Das papierlose Büro folgt mit großem Abstand auf Platz zwei mit 13,4 % der Nennungen. Der Weg zum Wunschbild ist aber offenbar unklar: 43 % der Erwerbstätigen sagen, sie haben kein Interesse an der Arbeit mit digitalen Tools für die virtuelle Zusammenarbeit. Rund 7 % geben an, davon überhaupt noch nie gehört haben. Unter Führungskräften ist der Einsatz digitaler Tools am weitesten verbreitet: 27,6 % nutzen sie sehr häufig, 16,3 % verwenden sie, würden dies aber gern intensivieren. Doch auch hier sperrt sich rund ein Drittel gegen die Nutzung entsprechender Werkzeuge (33,7 %). Das zeigt: Es mangelt offenbar an den Leitfiguren in den Unternehmen, die ihre Mitarbeiter ganz konkret durch den Wandel führen und begleiten. Die Manager müssen ihre Beschäftigten bei der Digitalisierung endlich mitnehmen."

In der eingangs zitierten Studie von Deloitte wird ebenfalls ein sehr gemischtes Bild der technischen Ausstattung in mittelständischen Unternehmen ermittelt: „Am Arbeitsplatz an sich ergibt sich eine recht bunte Mischung von Lösungen … einige Unternehmen vertrauen nach wie vor auf E-Mails und persönliche Kommunikation, andere hingegen wenden sich eigens programmierten oder standardisierten Instant-Messaging-Services wie Skype oder Webex zu, die nicht nur für Web- und Telefonkonferenzen, sondern auch für die tägliche Kommunikation verwendet werden.“

Nicht verwunderlich: Der Arbeitsplatz in Verlagen ist noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen

Die Mitarbeiter in Verlagen wollen, eingebettet in klare Regeln, eine freizügigere Gestaltung von Arbeitszeit und Arbeitsplatz. So viel ist klar. Und dabei nicht einmal Wildwest und völlige Auflösung der bisherigen Struktur – mit einem Tag in der Woche ist hier schon viel gewonnen. Und viele Verlage sind hier schon auf gutem Weg, auf dem Rest der Strecke müssen jetzt aber auch technische Strukturen geschaffen werden.

Dazu noch einmal die Deloitte-Studie: „Im Mittelstand trifft die tradierte Unternehmenskultur auf neue Arbeitsformen wie Co-Working, Cloudworking und Crowdworking. In Anlehnung an Samuel Huntington kann von einem ‚Clash of Cultures‘ gesprochen werden. Dieser muss jedoch nicht unbedingt negativ sein … Bezüglich anderer Aspekte wie Work-Life-Integration, Home Office und mobiler Arbeit müssen die Unternehmen nach einem Weg suchen, wie verbindliche und zugleich strategisch sinnvolle Ansätze gefunden werden können, die weder den Alt-Mitarbeitern noch neuen Mitgliedern der Belegschaft ein Gefühl der Isolation geben.“