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digitalisierung wird techniknahe verlagsberufe aufwerten

über den dpr-Gehaltsreport und eigene Erhebungen

Zu den Gehaltsstrukturen in der Buchbranche gibt es wenig Untersuchungen, deshalb ist der dpr-Gehaltsmonitor eine erfreuliche Initiative. Auf der Basis eigener Auswertungen mit deutlich höherer Stichprobe (über 1000 Teilnehmer) kann ich die Ergebnisse der dpr-Umfrage weitgehend bestätigen, jedoch auch Abweichungen feststellen. Aber Vorsicht! Es handelt sich in beiden Fällen nicht um repräsentative Zahlen, sondern allenfalls um Tendenzen.

Dass in der Verlagsbranche mehr Frauen als Männer tätig sind, scheint sicher zu sein, da auch andere Untersuchungen zum gleichen Ergebnis kommen. Unsere Stichprobe meldet 64 % Frauen. Schaut man sich die einzelnen Berufsgruppen an, ergeben sich folgende Befunde:

Frauenanteil in verschiedenen Verlagsressorts:

  • Lektorat (fiction)/Redaktion (non fiction): 82 bzw. 74 %
  • Vertrieb: 63 %
  • Herstellung: 65 %
  • Presse: 92 %
  • Lizenzen/Foreign Rights: 93 %
  • Verlagsleitungen/Geschäftsführungen: 26 %
  • Kaufmännische Leitungen: 19 %

Wie wir wissen, gibt es eine Korrelation zwischen Frauenanteil und Gehaltshöhe eines Berufs. In stark feminisierten Tätigkeitsfeldern sind die Verdienstmöglichkeiten eher nicht üppig. Macht auch die Verlagsbranche keine Ausnahme?

Einstiegsgehälter sind noch gleich

Interessanterweise sind die Einstiegsgehälter von jungen Männern und Frauen ziemlich gleich – in unserer Stichprobe haben die Frauen sogar etwas die Nase vorn und halten diesen kleinen Vorsprung bis in den Mittelbau (bis ca. fünf Jahre Berufserfahrung). In den frauenstarken Ressorts (siehe oben) geht die Schere erst danach auseinander, scheinbar allerdings nicht dramatisch. Dies kann aber auch eine statistische Verzerrung sein, denn wir haben einfach nur Mittelwerte gebildet und die Abweichungen nach unten wie nach oben nicht berücksichtigt. Schon wenige Top-Verdiener verzerren jedoch den Median. Sichtbare Ausnahmen sind die Durchschnittsgehälter im Vertrieb und in den obersten Führungspositionen. In der Herstellung übrigens konnten wir keine Gehaltsunterschiede feststellen. Eher ist es so, dass Frauen ihren kleinen Vorsprung bis in die Führungsposition hinein halten.

Beispielhaft dargestellt:

Karrierestufe

Mittelwert Gehalt


Mittelwert Gehalt Frauen





Redaktion

Nachwuchs

27.000

28.000

Mittelbau

40.800

41.300

Leitende oder verantwortliche Position, überwiegend mit Führungsverantwortung

69.000

66.000




Vertrieb

Nachwuchs

30.500

30.900

Mittelbau

42.500

42.100

Leitende oder verantwortliche Position, nicht zwingend mit Führungsverantwortung*)

80.100

74.000




Herstellung

Nachwuchs

30.300

30.300 **)

Mittelbau

43.000

43.600

Leitende oder verantwortliche Position, überwiegend mit Führungsverantwortung

71.700

72.000




Geschäftsführungen/Verlagsleitungen


127.000

109.300


*) Einschließlich Key Account-Manager/innen mit hoher Umsatzverantwortung

**) Stichprobe enthält keine männlichen Nachwuchskräfte

Gehälter bei Fachinformationen liegen höher

In unserer Stichprobe unterscheiden wir nicht nach Unternehmensgröße oder inhaltlicher Ausprägung. Aus Erfahrung weiß ich allerdings, dass die Gehälter in Fachinformationsverlagen im Durchschnitt geschätzt ca. 25 % höher sind als in Publikumsverlagen. Der Grund ist nachvollziehbar: Meist setzt eine Tätigkeit im Bereich Fachinformationen ein spezifisches Studium voraus (Jura, Medizin, Maschinenbau etc.). Will man entsprechend qualifizierte Fachkräfte bekommen, muss man die Einkommensmöglichkeiten der jeweiligen anderen Branchen berücksichtigen. Der Arbeitsmarkt für Geistes-, Sprach- und Medienwissenschaftlerinnen und Medienwissenschaftler hingegen ist recht unspezifisch und die Zahl dieser Absolventen höher. Der Berufszugang über die Studiengänge Buchwissenschaft, Mediapublishing oder Verlagswirtschaft fällt zwar leichter, führt aber nach meiner Beobachtung nicht zwangsläufig zu einem höheren Gehalt.

Grundsätzlich kann ich sagen, dass Berufsgruppen, die primär technisches, aber nicht unbedingt verlagsbezogenes Wissen besitzen müssen – wie z. B. Fachkräfte in der IT – deutlich mehr verdienen als der Durchschnitt. Sie finden einen großen Arbeitsmarkt vor und gehören zu intensiv gesuchten Berufsgruppen auch außerhalb der Verlagsbranche. Da steigert den Marktwert.

Arbeitszufriedenheit bei Medien insgesamt hoch

Die Auswertung der dpr-Fragebögen ergibt, dass die meisten Teilnehmer/innen eine hohe Zufriedenheit und Identifikation mit ihrem Job besitzen. Aus vielen Gesprächen mit Kandidaten kann ich das bestätigen. Allerdings ist die Arbeitszufriedenheit in anderen Bereichen der Medienbranchen ebenfalls relativ hoch, wie die sehr lesenswerte Untersuchung „MehrWert – Arbeiten in der Buchbranche heute“ (herausgegeben von BücherFrauen e.V.) darstellt. Getrübt wird die Freude am Job jedoch durch unsichere wirtschaftliche Perspektiven der Buchbranche (Stichwort Digitalisierung).

Verdienen Verlagsmenschen eigentlich viel oder wenig? Der deutsche Durchschnittsarbeitnehmer erhält jährlich ca. 37.000 Euro brutto. Unsere vier beispielhaft aufgeführten Berufsgruppen bekommen ein Durchschnittsgehalt von 56.000 Euro – was jedoch aufgrund der nicht repräsentativen Zahlenbasis kein belastbarer Wert ist. Insbesondere von jungen Nachwuchskräften höre ich die Klage, dass sie sich unterbezahlt fühlen. 

Junge Nachwuchskräfte unterbezahlt

Eine junge Lektorin verdient im ersten Berufsjahr (nach Hochschulabschluss und Volontariat) ca. 28.000 Euro. Das entspricht dem Einkommen z. B. eines Krankenpflegers nach der Berufsausbildung. Allerdings hat dieser während der Lehrzeit schon eine Vergütung von ca. 1000 Euro monatlich erhalten, während die junge Lektorin mit Bachelor und Master im besten Fall 735 Euro BAföG-Höchstsatz erhalten hat. Ein junger Assistenzarzt bekommt ca. 52.000 Euro, eine Juristin verdient beim Berufseinstieg selten unter 40.000 Euro. Demgegenüber machen sich die Einstiegsgehälter der jungen Nachwuchskräfte in der Tat recht kläglich aus. 

Warum ist das so? Auf die Schnelle fallen mir diese Argumente ein: 

  • Rigide Zulassungsbeschränkungen bestimmter Studiengänge verknappen das Fachkräfteangebot.
  • Generalisten sind weniger gesucht als Fachexperten.
  • In Dax-notierten Konzernen oder im öffentlichen Dienst gibt es andere Gehaltstarife.
  • Das gesellschaftliche Ansehen (nicht unbedingt der gesellschaftliche Nutzen!) der Berufe schlägt sich auf das Gehalt nieder.
  • Patriarchalische Tradition: Berufe mit hohem Frauenanteil werden diskriminiert. Besonders deutlich wird dies in sozialen Berufen.

Nicht zuletzt bestimmt auch das volkswirtschaftliche Umfeld das Gehaltsgefüge. Die anhaltend gute Konjunktur und niedrige Arbeitslosigkeit hat zu einer Umkehr des „Machtgefüges“ geführt. Arbeitnehmer mit gesuchten Skills können sich ihre Stellen derzeit aussuchen und die Gehälter erfolgreich verhandeln. Oder sie verlassen das Verlagsumfeld und wandern in Branchen ab, die mehr bezahlen und bessere Rahmenbedingungen (Stichwort flexible Arbeitszeiten) bieten, was insbesondere Frauen mit Familie wichtig ist. 

Ich vermute, dass die fortschreitende Digitalisierung die techniknahen Verlagsberufe in Zukunft gehaltlich aufwerten wird, während der klassische Content-Bereich womöglich stärker ausgegliedert wird. Für die vielen Mitarbeiterinnen in den Lektoraten wäre das – nicht nur gehaltlich – eine ungute Entwicklung.


Sabine Dörrich

ist Geschäftsführerin und Partnerin bei Dörrich Kleinhans & Partner, Spezialistin für Buch und Content, Lektorat, Herstellung und PR. War unterforderte Buchhändlerin, berufstätige Publizistik-Studentin, engagierte Weltverbesserin und leitende Mitarbeiterin in mehreren Independent-Verlagen, bevor sie vor vielen Jahren ihre Leidenschaft für die Personalberatung, Software unterstützte Prozessoptimierung (Spezialgebiet Datenbanken) und für Caniden entdeckte. Ihr Motto frei nach Goethe: „Es muss [der/die] das Beste irgendwo zu finden sein“.


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