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"new work ist leider zum buzzword verkommen!"

Geht es nur mir so, dass mich beim Lesen des Artikels von Christian Rampelt eine trotzige Lust zum Widerspruch packt? Obwohl (oder vielleicht weil?) doch eigentlich alles so total p.c. ist, was er schreibt? Nach Rampelt hilft „New Work“ den Unternehmen dabei, den War of Talents siegreich zu bestehen. Man müsse nur interdisziplinäre Projektteams statt starrer Abteilungen bilden, Hierarchien abbauen, Verantwortung umverteilen, Desk-Sharing einführen und flexible Arbeitszeiten anbieten. Dazu – ergänze ich jetzt mal – noch ein geschicktes Employer Branding mit dem Etikett „Wir praktizieren New Work“ – und schon stehen die besten und schlauesten Köpfe Schlange, um anheuern zu dürfen … Prima. Damit wäre doch schon mal das drängende Problem des Fachkräftemangels gelöst. In der Theorie zumindest.

Auf dem Begriff New Work segelt eine immer größer werdende Flotte von Trainern, Beratern, Publizisten, aber auch Fachkräfte und Unternehmen. Es ist inzwischen zu einem Buzzword mutiert, dessen sich jeder nach Belieben bedient. Es fragt sich allerdings, ob alle wissen, was sie da tun.

Der Erfinder des Begriffs New Work ist der emeritierte austro-amerikanischen Philosophie-Professor Frithjof Bergmann, ein fast 90 Jahre alter, charismatischer und origineller Denker mit buntem Lebenslauf. Er war als junger Mann mit einem Stipendium nach Amerika gekommen, hatte dort als Tellerwäscher, Preisboxer, Fließbandarbeiter und Bühnenautor gejobbt und zeitweise als Selbstversorger auf dem Land gelebt, bevor er seine akademische Laufbahn begann.

Bergmann ist überzeugt davon, dass das System der Lohnarbeit, welches vor circa 200 Jahren mit der Industrialisierung begann, nicht mehr zeitgemäß ist, denn: „Die große Mehrheit der Menschheit lässt sich verführen, eine Arbeit zu verrichten, die sie müde macht und klein hält, um dann Dinge zu kaufen, die sie nicht braucht. Wir hätten dank des technologischen Fortschritts die Möglichkeit, mit wenig Aufwand die Dinge herzustellen, die wir zum Leben brauchen, und die Armut weltweit abzuschaffen. Stattdessen strampeln wir uns, angetrieben von Konsum- und Wachstumswahn, in sinnentleerten Jobs müde, verbrauchen Ressourcen im Übermaß und verschärfen die Kluft zwischen Reich und Arm.“ (Tagesanzeiger)

Der Ausweg sei, so meint Bergmann, dass der Mensch befähigt wird herauszufinden, „was er wirklich, wirklich will“, und eine Tätigkeit ausübt, die ihn glücklich macht. Dank moderner Technologien könne vieles, was der Mensch zum Überleben braucht, in kleinen regionalen Netzwerken produziert werden, zumal der Konsum zurückgehen werde, wenn der befreite Mensch zu sich gefunden habe. In einer Übergangszeit würde der Mensch weiterhin einer Erwerbsarbeit nachgehen, allerdings in zeitlich viel geringerem Umfang, weil die Automatisierung der Produktionsprozesse keine Vollbeschäftigung mehr böte. Im Übrigen sei das massenhafte Wegfallen vieler Jobs durch die Digitalisierung keine Tragik, sondern ein Grund zur Freude.

Viele aktuelle Veröffentlichungen unter der Überschrift New Work lassen wesentliche Teile der Theorie von Bergmann außer Acht. Dem Philosophen geht es nämlich keineswegs darum, die Erwerbsarbeit durch Reformen wie z. B. flexible Arbeitszeiten oder flache Hierarchien angenehmer zu machen. Und schon gar nicht darum, Unternehmen zu helfen, im War of Talents zu gewinnen. In einem Interview sagte er: „Die Neue Arbeit sollte schon etwas anderes sein als das, was sich derzeit einige auf die Fahnen schreiben. Das kratzt nur an der Oberfläche und meint lediglich verschiedene Führungsmodelle oder -stile, allein zu dem Zweck, die Mitarbeiter noch mehr auszubeuten.“

Bergmann geht es um deutlich großformatigere Veränderungen, nämlich um die radikale Abschaffung des Lohn- und Arbeitssystems, wie wir es seit 200 Jahren kennen. Ihm schwebt als nächste Entwicklungsstufe eine Art maßvoller, humanistischer Kapitalismus vor, der geläutert ist von der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft und natürlicher Ressourcen. Wie realistisch das ist, mag jeder für sich selbst beantworten.

Um wieder auf die Ausgangsdebatte zurückzukommen: Zweifellos beziehen sich die im Artikel von Rampelt aufgeführten neuen Arbeits- und Organisationsformen auf die Gruppe der Wissensarbeiter. Also auf Menschen, die beruflich hoch qualifiziert sind und Tätigkeiten ausüben, die sich nicht standardisieren lassen und auch nicht an Zeit und Ort gebunden sind. Unwillkürlich frage ich mich, was mit den anderen, den Nicht-Wissensarbeitern, ist. Wird sich hier nicht eine tiefe (noch tiefere) Kluft auftun zwischen jenen, die beispielsweise in der Pflege oder im stationären Handel arbeiten, und denen, die am Quellcode einer Software tüfteln? Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn die einen im starren Korsett vorgegebener Arbeits- und Organisationsformen verharren müssen, während die anderen – salopp gesagt – arbeiten dürfen, wie und wo sie wollen?

Wird sich eine neue Hierarchie in Unternehmen entwickeln, eine Ebene der Wissenselite, die sich nicht nur wie bisher durch höhere Einkommen, sondern künftig auch durch besondere Privilegien abgrenzt zum Rest der Belegschaft?

Oder die Flexibilisierung von Arbeit radikal weitergedacht: Wenn Wissensarbeit durch digitale Technologie nicht mehr an Ort und Zeit gebunden ist, kein festes Team mehr benötigt und auch keine exklusiven Arbeitsmittel – macht eine Festanstellung dann eigentlich noch Sinn? Wird sich das sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnis perspektivisch ablösen durch Gig-Jobs und Freiberuflichkeit? Und wenn ja, mit welchen Folgen?

Ein Experte der New-Work-Bewegung, Markus Väth, prognostiziert: „Das Gefälle zwischen Arm und Reich wird größer: Technologie […] begünstigt stets die höher qualifizierten Arbeitskräfte, sorgt dafür, dass mehr Ertrag auf die Eigentümer von Kapital entfällt als auf Arbeit, und verschafft den Superstars noch mehr Vorsprung vor den anderen. Alle diese Trends lassen die Schere größer werden – zwischen Beschäftigten und Arbeitslosen, zwischen hoch und minder Qualifizierten, zwischen den Superstars und dem Rest der Welt. “

(Markus Väth, Arbeit – die schönste Nebensache der Welt. 2016; Gabal Verlag; zitiert nach Handelsblatt)

Um auf Frithjof Bergmann zurückzukommen: New Work hat viel mehr Dimensionen als nur die Neuorganisation von Arbeit. New Work stellt auch diese Fragen: Auf der Ebene des Individuums – welche Arbeit erfüllt mich mit tiefer Freude? Auf der Ebene der Politik – wie schaffen wir eine Welt, in der Reichtum gerecht verteilt ist und natürliche Ressourcen nicht maßlos ausgebeutet werden? Auf der Ebene der Technologie – wie können wir Hightech nutzen, um die nötigen Dinge des täglichen Lebens selbst herzustellen und dem Diktat des Konsums zuwiderzulaufen?

Ich finde, es lohnt sich, darüber nachzudenken.

Sabine Dörrich  ist Geschäftsführerin und Partnerin bei Dörrich Kleinhans & Partner, Spezialistin für Buch und Content, Lektorat, Herstellung und PR. War unterforderte Buchhändlerin, berufstätige Publizistik-Studentin, engagierte Weltverbesserin und leitende Mitarbeiterin in mehreren Independent-Verlagen, bevor sie vor vielen Jahren ihre Leidenschaft für die Personalberatung, Software unterstützte Prozessoptimierung (Spezialgebiet Datenbanken) und für Caniden entdeckte. Ihr Motto frei nach Goethe: „Es muss [der/die] das Beste irgendwo zu finden sein“.