DPR THINK TANK
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Reden ist Gold!

Der Audio-Boom

Erscheinungstermin: August 2019

Kaum ein Tag mehr, an dem es nicht neue Podcasts, Skills und andere hübsche Sachen gibt, die mit Sprache zu tun haben. Das Thema Audio und Sprache werden das Web und seine Inhalte mehr verändern, als wir uns vorstellen können. Dumm nur, dass Deutschlands Medien darauf anscheinend nicht wirklich gut vorbereitet sind. 

Seit kurzem ist ein kleines Tool auf dem Markt, das heißt Flashtalk. Man kann damit browserbasiert kleine „Flash Briefings“ für Amazons Smartspeaker bauen. Ganz einfach, unkompliziert, keinerlei Coding nötig (eine ausführliche Anleitung kommt in den nächsten Tagen in meiner How-to-Kolumne bei den Freunden von LEAD).

Das wäre nicht weiter spektakulär, schließlich ist die Idee, im Netz auch ohne Coding-Kenntnisse publizieren zu können, ungefähr so alt wie WordPress, verdammt alt also. Gerade aber dieser Vergleich mit WordPress zeigt, wo die Reise hingeht: Spätestens, wenn etwas Massenpopularität bekommt, wird die begleitende Technik deutlich einfacher. So gesehen ist „Flashtalk“ also das deutlichste Zeichen dafür, wie rasant das Thema Audio gerade an Bedeutung gewinnt. Es ist zu einem Massenmarkt geworden. Verblüffend, vor allem, wenn man daran denkt, wie das Thema Audio noch vor wenigen Jahren in den Nischen des Internet sein Dasein fristete und alle Welt ausschließlich von Videos redete.

Video verändert nichts, Audio alles

Dabei gibt es einen Aspekt, der Audio und Sprache in der Bedeutung weit über das Thema Video stellt: Video verändert nichts, es ist nur eine Darstellungsform mehr, in der wir uns Inhalte anschauen können. Sprache hingegen ändert alles: unseren kompletten Zugang zum Thema Internet und Information. Was wir – immer noch – mühselig mit unseren Fingern auf kleine Tastaturen eintippen, wird zunehmend einfacher durch Sprachsteuerung. Die Ergebnisse unserer Arbeit und die Inhalte des Netzes hören wir immer öfter, anstatt sie zu lesen.

Für Medienmenschen und überhaupt alle, die mit Kommunikation zu tun haben, ändern sich die Dinge gerade dramatisch. Wenn Sprache eine derart dominierende Rolle spielt, müssen wir auch die entsprechenden Inhalte bereitstellen. Davon sind viele Häuser immer noch weit weg. Im Gegenteil, man geht da häufig mit einer erstaunlichen Bräsigkeit heran. Wenn jemand einen Podcast und einen Alexa-Skill sein eigen nennt, ist er mittlerweile ja schon fast die Speerspitze des Fortschritts.

Vielleicht muss man sogar soweit gehen: Das Thema Audio ist ein weiterer kleiner Schritt in die Bedeutungslosigkeit für solche Gemischtwarenläden. Weil es ein zusätzliches Feld ist, auf dem sie zwangsweise den Anschluss verlieren werden. Sieht man von den berühmten Ausnahmen ab, die wie immer die Regel bestätigen, dann erkennt man bei vielen durchschnittlichen Tageszeitungen, aber auch bei Radio- und TV-Sendern kaum einen vernünftigen Ansatz, wie man mit dem Groß-Thema der kommenden Jahre umgehen will. Stückwerk statt Strategie, das gilt auch im Jahr 20 der flächendeckenden Digitalisierung.

Keine Strategien für Audio: Geschichte wiederholt sich doch

Was das für Journalisten und Redaktionen heißt? Sprache lernen, und zwar schnell. Inhalte entwickeln, die mehr sind als das reine Vorlesen von bereits Vorhandenem. Das hat, die Älteren erinnern sich, bereits vor 20 Jahren nicht funktioniert, als man dachte, es sei ausreichend, Zeitungsartikel und Fernsehsendungen einfach ins Netz zu stellen. Vor allem in der Kombination mit Interaktion und Mobilität wird Sprache schon bald das wichtigste Tool sein, das wir haben.

Die Hoffnung, dass das funktioniert, ist allerdings überschaubar. Sieht man von Exoten wie detektor.fm ab (langes Interview mit Geschäftsführer Christian Bollert, natürlich auch mit Audio: hier), ist für die meisten das Thema Audio immer noch ein fataler Mix aus Recycling und Irrelevanz.

Dabei ist die Sache ganz einfach, so einfach wie schon beim Start in das kommerzielle Web vor 20 Jahren: Wer jetzt keine plausible Idee für den Umgang mit Audios hat, steht ein paar Jahren dumm in der Ecke. Dass mir dann aber – buchstäblich – keine Klagen kommen: Google arbeitet schon an seiner Google-News-Variante für Audios.


 Christian Jakubetz ist Journalist, Berater und Dozent. Er war Redaktionsleiter bei diversen Tageszeitungen, beim ZDF und N24, danach Redaktionsdirektor von Kirch New Media, Bereichsleiter bei SevenOne Intermedia (ProSiebenSAT1). Zeitweise war er in der Redaktion der deutschen Wired und erstellte mit Kollegen das Journalisten-Lehrbuch „Universalcode“. Er arbeitete u.a. mit an der "Rundshow" des Bayerischen Rundfunks und bloggt hauptsächlich für den BR (blog.br24.de) und berät diesen bei neuen Projekten.