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Microsofts kurzer Flirt mit dem eBook

Erscheinungstermin: Juli 2019

Es hätte alles so schön sein können: Anfang 2017 hatte ich bereits über Microsofts Ambitionen berichtet, wieder zu einem relevanten Player in der eBook-Welt werden zu wollen. Zusammen mit Windows 10 gab es auch die große Ankündigung für einen ins Betriebssystem integrierten Online-Shop für Mobile-Apps, Spiele, Musik, Videos – und eben auch eBooks. Als entsprechende Software-Plattform bekam der neue Microsoft-Browser Edge eine Lese-Funktion für EPUB spendiert. Kaum zweieinhalb Jahre später ist von diesen großen Ambitionen nahezu nichts mehr übriggeblieben: Der eBook-Shop wurde bereits nach zwei Jahren Laufzeit wieder eingestellt und auch bei der Weiterentwicklung von Microsoft Edge ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Ein Überblick über Microsofts extrem kurzen Flirt mit dem eBook.

eBook-Vertrieb über Windows 10: Gut gemeint, schnell gescheitert

Der eBook-Store für Windows 10 war 2017 mit großen Ambitionen für ein umfassendes Content-Angebot im Microsoft-Ökosystem gestartet – bereits Anfang 2019 zog Microsoft aber schon wieder den Stecker und verkündete die Einstellung des Angebots. Wie Nate Hoffelder auf The Digital Reader süffisant kommentierte, war dies nach dem seinerzeit ersten eBook-Store für das Microsoft-Reader-Format und dem gescheiterten Engagement bei der Nook-Plattform von Barnes & Noble nun bereits der dritte erfolglose Microsoft-Vorstoß in den eBook-Markt innerhalb von 10 Jahren, der am Ende mit hohen Verlusten eingestellt werden musste.

Besonders viele Kunden kann der Shop denn auch nicht gefunden haben: Neben der kurzen Lebensdauer von nicht ganz zwei Jahren machte sich Microsoft nicht einmal die Mühe, sich um die Übernahme der Kunden durch einen anderen Dienstleister zu kümmern. In anderen ähnlichen Fällen wie etwa bei Sony, Samsung oder Waterstones, war in den vergangenen Jahren Kobo in die Bresche gesprungen und hatte Kundenstamm und eBook-Bibliotheken übernommen. Microsoft hingegen erstattete zwar alle eBook-Käufe anstandslos zurück – die eBook-Bibliotheken der Kunden aber lösten sich nach dem Stichtag buchstäblich in Luft auf. Kulturkritische Stimmen kommentierten den Vorgang als „ebook apocalypse“ (Wired) oder mit „Verlust des kulturellen Gedächtnis“ (Süddeutsche) – letztlich dürfte im Falle von Microsoft die Symbolwirkung doch deutlich größer gewesen sein als der praktische Verlust.

Kaum ein Experte im eBook-Markt dürfte über die Entwicklung wirklich verwundert gewesen sein, und auch aus meiner Sicht war Microsofts eBook-Shop von Anfang an eher eine Lösung auf der Suche nach ihrem Problem: Der Consumer-Markt für eBooks war zum Zeitpunkt des Marktstarts schon stabil unter den großen Playern aufgeteilt. Ohne ein eigenes eBook-Lesegerät oder eigene Mobilplattformen musste der Shop letztlich ein Solitär im Angebots-Portfolio von Microsoft bleiben. Eine mögliche Marktnische wäre allenfalls noch ein Angebot für Fach-Zielgruppen und Firmenkunden gewesen: Aber auch hier sind die großen Zielgruppen wie Mediziner und Recht/Wirtschaft/Steuern-Fachleute längst in spezialisierten Online-Datenbanken unterwegs. Software-Entwickler und IT-Spezialisten, aus Sicht von Microsoft sicher eine der interessantesten  Fachzielgruppen, sind dagegen mit Großkunden-Angeboten wie Safari Books Online oder LinkedIn Learningdeutlich besser bedient.

Der EPUB-Reader in Microsoft Edge: Opfer der Umstellung auf Chromium

Mit Edge ist es Microsoft tatsächlich gelungen, einen Web-Browser zu entwickeln, der sich schon bald nach den ersten Versionen unter Web-Entwicklern einen Ruf als stabile und standardkonforme Web-Plattform erworben hat – ganz im Gegensatz zum verhassten Internet Explorer. Zusätzlich bekam Edge im Zuge der eBook-Initiative auch einen Lese-Modus für EPUB-Dateien spendiert, um als eBook-Leseplattform unter Windows fungieren zu können. Edge brachte alle üblichen Standard-Funktionen für Navigation, Content-Erschließung und Layout-Anpassungen in eBooks mit, die man auch von anderen EPUB-Readern gewohnt ist. Darüber hinaus erhielt er aber auch noch einen Vorlese-Modus für die Inhalte, die Fähigkeit zum Offline-Caching von online gekauften Inhalten und – besonders spannend für alle eBook-Produktioner – eine Web-Inspector-Funktion für interaktives Debugging von HTML und CSS.

Ende 2018 überraschte Microsoft dann aber selbst Insider damit, dass die Entwicklung der zugrunde liegenden Render-Engine EdgeHTML komplett eingestellt wird und stattdessen für alle zukünftige Versionen Googles Chromium-Engine verwendet wird. Offiziell wurde dieser Schritt als Teil von Microsofts Strategie begründet, sich sehr viel stärker als bisher für Open-Source-Projekte zu öffnen. Inoffiziell jedoch war an nicht wenigen Stellen zu lesen, dass Microsoft es schlicht satt hatte, in seiner eigenen Browser-Implementierung ständig um die Spezialitäten von Googles Web-Diensten herumzuprogrammieren. Mutig ist dieser Schritt jedenfalls insofern, als damit bereits einige von Microsofts zentralen strategischen Initiativen mehr oder weniger direkt auf der Codebasis des Konkurrenten Google aufsetzen. Edge wird in Zukunft also als Produkt weiterentwickelt, ist damit aber faktisch nur noch eine GUI auf Basis der Chromium-Engine.

Als Kollateral-Schaden dieser Entwicklung bleibt somit jedoch leider auch der EPUB-Reader in Edge auf der Strecke: Mit dem Umstieg auf die Chromium-Engine wird diese Komponente nicht weiter gepflegt bzw. soll sogar bald komplett aus der Codebasis entfernt werden. Die aktuellen Edge-Versionen warnen bereits beim Öffnen von EPUB-Dateien und legen dem Nutzer einen Wechsel auf einen anderen EPUB-Reader nahe. Wahrscheinlich ist das am Ende der schmerzlichste Punkt am Scheitern von Microsofts eBook-Initiative: Mit Edge verschwindet der bisher beste EPUB-Reader für Windows wieder vom Markt – und dem Web-Inspector für EPUB wird sicher so mancher eBook-Produktioner nachtrauern.

Was bedeutet die Entwicklung für den eBook-Markt?

Aufgrund der zumindest in Europa und Deutschland de facto nicht vorhandenen Markt-Durchdringung werden sich die unmittelbaren Auswirkungen auf den eBook-Markt doch sehr in Grenzen halten. Bezeichnend ist die Entwicklung allerdings insofern, als sie wieder einmal zeigt: Der eBook-Markt stellt eine derart spezielle Nische im Content-Vertrieb dar, dass selbst globale Tech-Konzerne hier Schwierigkeiten bekommen, wenn sie ihre Initiativen nicht sehr gut mit dem Rest ihres Angebots-Portfolios verzahnen und so einen klaren und kommunizierbaren Nutzen für Ihre Kunden entwickeln können.

Wichtiger erscheint auf lange Sicht, dass sich mit Microsoft einer der wenigen wirklich engagierten Tech-Konzerne komplett aus dem Thema EPUB verabschiedet: Denn nicht nur verschwindet hier mit dem EPUB-Reader von Edge eine der wenigen guten eBook-Plattformen für Windows nach kurzer Zeit wieder vom Markt. Auch im W3C und seinen Arbeiten rund um das Publizieren im Browser und die Web Publications war Microsoft schlichtweg der einzige Browser-Hersteller, der ernsthaftes Interesse an den Ergebnissen von Publishing@W3C gezeigt hatte. Im Sommer dieses Jahres hat die Publishing Working Group im W3C ihre Arbeit am Konzept für die Web Publications de facto eingestellt – was sicher stark im weitgehenden Desinteresse der anderen Browser-Anbieter und großen Tech-Plattformen am Thema ePublishing begründet liegt. Einen starken Entwicklungspartner wie Microsoft hätte man hier gut brauchen können.


Fabian Kern ist freier Berater, Projektmanager und Trainer mit Schwerpunkt auf Entwicklung und Produktion digitaler Medien. Er bloggt bei digital publishing competence und smart digits über Digitalthemen, ist Dozent bei der Akademie der Deutschen Medien und an der LMU München sowie aktives Mitglied in der IG Digital im Börsenverein des Deutschen Buchhandels.