DPR THINK TANK
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Hals über Kopf in eine nicht durchdachte Digitalisierungsstrategie

Micro-Trends, Start-ups als Innovationsmittel, Corporate-innovation-Fit und Innovation-Profiling

Erscheinungstermin: September 2018

Viele Unternehmen tun sich schwer mit Innovation im weitesten Sinne - warum eigentlich?

Innovation ist ein teilweise sehr schwer greifbares Konstrukt. Das sorgt bei vielen Unternehmen zur Verunsicherung. In meinen Augen gibt es dabei zwei Extreme, denen man immer wieder in der Praxis begegnet.

Aus Angst etwas zu verpassen, stürzen sich viele Firmen Hals über Kopf in eine nicht durchdachte Digitalisierungsstrategie. Wundern kann das einen nicht, denn, wenn man der aktuellen Berichterstattung folgt, möchte man fast denken, dass es ohne eine grundlegende Veränderung aller Prozesse kein Morgen mehr gibt. Immer mehr Unternehmen möchten eine Innovationskultur im eigenen Geschäft etablierten und das ist richtig. Das eigene Geschäft aufzurütteln und alles verändern kann gut sein, doch es muss durchdacht geschehen. Nicht selten kommt es vor, dass zwar das Management bereit für eine innovative Veränderung in den Unternehmensstrukturen und -prozessen ist, die Mitarbeiter jedoch keine Veranlassung sehen mitzuziehen. Wandel ist ein langfristiger Prozess und muss mit Geschickt angegangen werden.

Das zweite Extrem sind die Firmen, die sich völlig der Innovation verschließen. Zukunftsskepsis ist besonders in deutschen Unternehmen sehr verbreitet. Doch der Ansatz „Das hat schon immer so geklappt – das wird auch weiter so klappen“ ist durch neue Technologien und veränderte Zielgruppenanforderungen heutzutage veraltet. Wenn man seine Geschäfte auf diese Methode führt, ist ein langfristiges Bestehen nicht unbedingt garantiert.

Die Beste Methode ist es daher den Mittelweg zu gehen. Nicht jede Innovation ist für jedes Unternehmen geeignet. Es braucht einen Corporate-Innovation-Fit. Wenn man also ein wenig experimentiert und auch eine offene Innovationskultur schafft, die alle Mitarbeiter integriert, kann man schnell positive Entwicklungen verzeichnen, ohne das ganze Unternehmen, wie es bisher war, umzuwerfen!

Ist die Zusammenarbeit mit Start-ups ein Weg der Innovation?

Die Zusammenarbeit mit Startups ist eine Möglichkeit, um Innovation ins eigene Unternehmen zu bringen. Doch ist hier ein hoher Grad an Einfühlungsvermögen notwendig. Man darf nicht vergessen, dass die meisten Start-ups noch ganz neu auf dem Markt sind. Sie mögen eine großartige Idee haben oder eine Vision verfolgen, die eine ganze Branche revolutionieren könnte, doch fehlt ihnen häufig die Erfahrung in der Praxis. Genau das ist es aber, was Unternehmen mit Jahren der Erfahrung, mit angestammten Prozessen, häufig verwirrt. Gerade das Ausbrechen aus festen Strukturen und eingefahrenen Mindsets ist das Problem vieler Unternehmen, die zwar den Drang zur Innovation empfinden, diesen jedoch nicht auszuleben wissen. Start-ups bringen daher einen frischen Wind ins Unternehmensumfeld, wenn beide Seiten sich gegenseitigen respektieren und die Eigenart des anderen verstehen. Es daher in Kooperation mit Start-ups viel zu bedenken. Sowohl die klassischen Unternehmer als auch die Start-ups müssen sich bewusst auf das Experiment einlassen und aufeinander Rücksicht nehmen. Nur so kann es zu einer erfolgreichen Kooperation kommen, die die Innovation stark beflügelt!

Wieso sind Trends so relevant für die Zukunft von Medienunternehmen?

Wir leben in einer spannenden Zeit. Unsere Innovationszyklen werden immer kürzer – und schon in zwei Jahren kann die Welt, wie wir sie heute kennen, eine ganz andere sein. Technologien wie Blockchain, Artificial Intelligence oder das Internet der Dinge werden unseren Alltag prägen. Virtual Reality und Augmented Reality unsere Art, Content zu konsumieren, grundlegend verändern. Unternehmen müssen sich auf diese Welt von morgen vorbereiten und Strategien entwickeln, die einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil garantieren. Unternehmen müssen dabei auf Spurensuche gehen und die passenden Trends identifizieren. Ich sprach bereits vom Corporate-Innovation-Fit. Unternehmen müssen den Unterschied zwischen Trend und Trendy frühzeitig erkennen und so herausfinden, was für ihr Unternehmen und ihre Zielgruppe auch in fünf oder zehn Jahren relevant sein wird. Mega-Trends wie Individualisierung, die Sharing Economy oder das zunehmende Verschmelzen von klassischen und digitalen Kanälen werden Medienunternehmen vor neue Herausforderungen stellen, diesen jedoch auch Chancen eröffnen.

Bei der Suche nach der richtigen Strategie ist es aber auch wichtig, die „Mythen“ von den Fakten zu unterscheiden. Es gibt keinen Fahrplan in die Zukunft und auch keine Vorlage, wie man seine eigenen Prozesse ummodelt, um für die Medienwelt von morgen bereit zu sein. Für jedes Unternehmen ist es ein individueller Prozess, der viele Faktoren beinhaltet.

Sie sprechen auch von „Micro-Trends“ - können Sie uns Beispiele dafür geben?

Micro-Trends sind häufig Vorboten oder Begleiter großer Mega-Trends. Ein Beispiel für einen solchen Trend ist beispielsweise die Gestensteuerung, die unsere komplette Interaktion mit Geräten verändern wird. Wir kennen frühe Formen dieses Micro-Trends bereits durch das Swipen auf unseren mobilen Endgeräten, doch das ist erst der Anfang einer Entwicklung, die sich auf alle erdenklichen Bereiche ausbreiten wird. Aus diesem Grund müssen Unternehmen nach diesen Ausprägungen suchen und mit ihnen experimentieren. Es kann dabei sein, dass es nicht sofort ein Erfolg wird, doch gerade bei solchen Micro-Trends ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man auf kurz oder lang mit ihnen konfrontiert wird. Sieger ist dabei der, der schon frühzeitig Erfahrungen gesammelt hat.

Sie nennen sich selbst „Innovation-Profiler“ – braucht man für das Innovationsmanagement kriminologische Fähigkeiten?

So seltsam es auch klingen mag: Innovation hat mehr mit einem Kriminalfall gemein, als man vielleicht glauben mag. Unter Profiling versteht man in der Kriminologie die Erstellung, Aktualisierung und Verwendung von Profilen für die Sammlung, Analyse und Auswertung von Informationen. Der Profiler nimmt dabei die Perspektive des Täters ein, um dessen Verhalten zu rekonstruieren und zu interpretieren. Nichts anderes müssen Unternehmen in ihrem Innovationsmanagement tun. Sie müssen die Spuren des Wandels lesen und den Markt wie einen Tatort lesen und interpretieren. Gerade in Zeiten des digitalen Wandels gab es schon so manches „Opfer“, welches den Übergang in die Unternehmenswelt der Zukunft nicht geschafft hat. Meine Innovation-Profiling-Methode setzt genau hier an. Gemeinsam mit den Unternehmen gehe ich in Workshops, Coachings oder Beratungen auf Spurensuche. Wir suchen dabei gemeinsam nach den „Spuren des Wandels“, also den Trendbewegungen, ob technologisch oder gesellschaftlich, die die Zukunft der Firma aller Voraussicht nach grundlegend prägen werden. Dabei gilt es Mitarbeiter und Kunden ins Verhör zu nehmen, um ihre Beweggründe und Probleme besser zu verstehen und auf dieser Basis neue Lösungen zu schaffen.

Mit den Insides und der Reflektion über das eigene Unternehmen entsteht ein detailliertes Bild der eigentlichen Innovationspotenziale. Das Innovation-Profiling ist also kurzgesagt ein Werkzeug, um den Tatort Zukunft zu lesen.




Alexander Pinker ist Innovation-Profiler, Futurist und Start-up-Experte. 2011 gründete er die Medialist Group (www.medialist.info), die sich mit dem digitalen Wandel mittels Innovation-Profiling beschäftigt. Außerdem ist er Vorstand des Startup-Netzwerk SUN e.V., einem europaweiten Verein zur Förderung junger Gründer, Projektmanager für Multimedia und neue Technologien in der Münchner Agentur GMM AG und Dozent für Trend- und Innovationsmanagement in Würzburg.