#9/ 2021
4/22

Ihr habt den Pfiff nicht gehört!

Auf Einladung des Netzwerks Young + Restless war ich zu Gast in einer hochkarätig besetzten Diskussionsrunde zum Thema “Digitaler Journalismus - echte Innovation statt Bullshit-Bingo”. Mit dabei u.a. die in der Medienszene bestens bekannten Sebastian Turner, Nico Lumma und Stefan Niggemeier sowie Eva Werner, Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios. Ich freue mich über die Einladung zu solchen Diskussionsrunden, obwohl ich manchmal selber nicht mehr so genau weiß, warum eigentlich. Denn wie so oft habe ich auch bei eben dieser Veranstaltung am Ende wieder desillusioniert feststellen müssen, dass die überwiegende Zeit mit Zeter und Mordio vergeht. Stereotyp werden einige längst bekannte Positivbeispiele herausgekramt und ansonsten nur nach staatlicher Unterstützung für die Medienunternehmen gerufen. Dabei steht für mich schon lange fest: Innovationskraft wird von den Medienhäusern und Verlagen gebremst - nicht durch mangelnde Regulierung! 

Das ewige Rufen nach Unterstützung durch den Staat und den Gesetzgeber lenkt letztlich nur von jahrzehntelangen eigenen Versäumnissen ab. Dass bis heute in Sachen Datenjournalismus und Einsatz Künstlicher Intelligenz flächendeckend lediglich einige Leuchtturmprojekte - vom Feinstaubradar über Radmesser bis zu den „Super-Kühen“ - augenfällig geworden sind, dokumentiert nur, wie weit die Medienlandschaft immer noch anderen Branchen hinterherhinkt. Würde hier genauso viel Energie investiert wie etwa bei steuer- oder leistungsschutzrechtlichen Aktivitäten, Datenjournalismus wäre längst kein Nischenphänomen mehr, sondern längst eine Grundlage für die redaktionelle Arbeit und vor allem die redaktionellen Produkte. 

Wie es tatsächlich um die Digitalisierung im redaktionellen Umfeld bestellt ist, hat jeder Journalist in der Corona-Zeit schmerzlich zu spüren bekommen. Was an anderer Stelle - wenn noch nicht selbstverständlich, so dann aber doch schnellstmöglich - umgesetzt worden ist, nämlich Mitarbeiter mit Hardware und Mobilfunkverträgen auszustatten, die ortsunabhängiges und datenbasiertes Arbeiten möglich machen - hat die allermeisten Redaktionen vor enorme Schwierigkeiten gestellt. Spätestens hier wirkt es so als seien die Medienhäuser und Verlage vollends aus der Zeit gefallen. Es stellt sich für mich die Frage, welches Anspruchsdenken eigentlich dahintersteckt.

“Wer die Digitalisierung nicht begreift, wird ihre Vorteile nicht nutzen können und nur unter ihren Nachteilen leiden”, so hat es der DataScientist Michael Kreil vom BR in der besagten Runde formuliert und Recht hat er. Das genau ist der Grund, warum die Verlegerlandschaft seit circa 15 Jahren auf Nebenkriegsschauplätzen unterwegs ist und Ausnahmen von allgemeingültigen Gesetzen fordert, darunter das Datenschutzgesetz und den Mindestlohn. Das dokumentiert die Besitzstandswahrung der Medienszene Deutschlands. Und auf der anderen Seite? Keinerlei ernsthaftes Bemühen, das Berufsbild und die Ausbildung der Journalistinnen geschweige denn die Arbeitsumfelder auf den neuesten Stand der Digitalisierung zu bringen. Sieht so Zukunftsfähigkeit aus?

Die Anzeigen- und Werbeerlösmodelle der Verlage sind durch die Digitalisierung mehr als nur beeinträchtigt - sie sind mehr oder weniger ein Auslaufmodell. Dass das redaktionelle Kernprodukt vor diesem Hintergrund bis heute nicht zeitgemäß ist, belegt nicht die Schutzwürdigkeit traditioneller, um nicht zu sagen anachronistischer Printprodukte, sondern letztlich nur die Versäumnisse der Verlagsmanager. Gefühlt saßen sie in ihrer komfortablen Business Lounge und haben weder den Zug einfahren, geschweige denn abfahren sehen. Sie haben ganz einfach den Pfiff nicht gehört!

In der Verlagslandschaft ist aus den letzten Jahrzehnten genug Geld vorhanden um mit ordentlichem Unternehmertum in KI-Projekte zu investieren und so den Journalismus auf die Höhe der Zeit und den Bedarf der Nutzer heben. Also: Raus aus dem Sessel!


Der Autor

Saim Alkan ist Gründer und CEO von AX Semantics. Der Wirtschaftsingenieur und KI-Experte erkannte früh die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz zur automatisierten Texterstellung in den Bereichen E-Commerce und Verlagswesen.