#9/ 2019
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gründerspirit inklusive einhornglitzer

verlage, start-ups und CONTENTshift

Mehr Innovation in die Medienbranche – die Notwendigkeit besteht schon seit dem Beginn der langsamen Disruptierung der Gutenberg-Welt im Jahr 1989. Wie aber umsetzen? Aus eigener Kraft erscheint dies meist nicht möglich, also muss Know-how von anderen Marktteilnehmern her – z. B Start-ups. Auf Verbandsebene versucht sich der Börsenverein seit einigen Jahren daran, hier Plattformen anzubieten, zuerst mit dem Prototype-Projekt, danach mit dessen Nachfolger, CONTENTshift. Wie steht es um dieses Vorhaben, die Innovationsfähigkeit von Verlagen und der Partizipation auch kleinerer Verlage? Fragen an Cigdem Aker, zuständig für Strategie und Innovation im Verband.

Das CONTENTshift-Projekt der Börsenvereinsgruppe hat ja eine lange Vorgeschichte, der eine oder die andere wird sich noch an „Prototype“ erinnern, eine offene BarCamp-ähnliche Veranstaltung, in der es um Ideen für neue Produkte ging. Jetzt ist CONTENTshift seit einigen Jahren Bühne für etablierte Unternehmen aus dem Contentsektor auf der einen und Start-ups auf der anderen Seite. Es gibt den Accelerator, den „startup club“ – wie sehen denn die strategischen Überlegungen hinter den Projekten aus?

Die Idee hinter CONTENTshift steckt schon im Namen. Mit dem Medienwandel verändert sich nicht nur die Rezeption auf Kundenseite; sie erfordert auch ein Umdenken bei der Entwicklung, Produktion und Vermarktung von Content. Auch dieser eher abstrakte Begriff ist mit Absicht gewählt: Zwar ist die Plattform im Kern aus dem Buchmarkt heraus entstanden, für uns ist es vor dem Hintergrund der wachsenden Medienkonvergenz jedoch wichtig, Innovation gemeinsam mit anderen Branchen, z. B. Games oder Audio, zu gestalten. Genau an dieser Schnittstelle ist die Zusammenarbeit mit Start-ups so fruchtbar, denn diese bringen mit ihrer agilen, lösungsorientierten Arbeitsweise einen frischen Blick auf bisherige Prozesse und Produkte mit und tragen so Innovationen von außen in den Content-Sektor hinein. Gleichzeitig profitieren beide Seiten, etablierte Unternehmen wie Start-ups, unheimlich von dem gegenseitigen Austausch, denn gerade das Zusammenspiel zwischen langjähriger Branchenerfahrung und neuen Ideen bildet die Basis für erfolgreiche, nachhaltige Innovationen.

Nichts währt ewig: Hat sich das Format so auf die nächsten Jahre etabliert oder sind neue Projekte in Planung?

Um es mit Heraklit zu sagen: „Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung.“ Es wäre schon kurios, wenn wir den Innovationsgedanken nicht auch in unserer täglichen Arbeit leben würden, oder? Einerseits stellen wir bestehende Projekte wie den Accelerator regelmäßig auf den Prüfstand und suchen nach Verbesserungen im Kleinen. Andererseits überlegen wir, mit welchen großen neuen Initiativen wir die Innovationskultur in der Branche noch stärker stimulieren können. Sicher sind jetzt viele neugierig, was wir aktuell in der Pipeline haben. Viel verraten kann ich noch nicht – außer, dass wir uns derzeit intensiv mit den folgenden Fragen befassen: „Welche Möglichkeiten der Refinanzierung von Innovationsvorhaben gibt es?“ und „Wie können wir dabei unterstützen, dass vielversprechende Ideen auch tatsächlich umgesetzt werden?“ 


Der Accelerator ist ja im Gegensatz zum offenen „Prototype“-Projekt eher eine „closed show“, so jedenfalls die Meinung mancher kleineren Verlage.

Prinzipiell ist auch der Accelerator ein Projekt, an dem wir die gesamte Branche teilhaben lassen. Auf unserer Webseite kann man beispielsweise mehr über die aktuellen und vergangenen Teilnehmer erfahren und auf verschiedenen Branchenevents, u. a. beim Pitchfinale auf der Frankfurter Buchmesse, stellen wir regelmäßig die Geschäftsideen und die im Wettbewerb gewonnenen Erfahrungen vor. 2019 gibt es für die Expertenjury auch erstmalig die Option einer Junior Investor-Beteiligung, die sich konkret an kleinere Unternehmen richtet. Darüber hinaus bieten wir auch immer wieder niedrigschwellige Formate an – zuletzt im Rahmen der Leipziger Buchmesse in diesem Jahr eine Kreativsession für Kleinverlage. 

Können kleinere Verlage in Zeiten von VG-Wort-Rückzahlungen, KNV-Insolvenz und sechs Millionen abtrünnigen Lesern und Leserinnen überhaupt noch finanzielle und humane Ressourcen aufbringen, um sich mit dem Thema Start-ups zu beschäftigen? Wird hier die Kluft zwischen „groß“ und „klein“ auch in Sachen Innovation in Zukunft größer?

Gerade Start-ups sind ja ein Paradebeispiel dafür, dass man für die Entwicklung innovativer Ideen keine Unsummen und Heerscharen an Mitarbeitern braucht. Tatsächlich haben sie, was Struktur und Philosophie betrifft, viel mit Kleinverlagen gemeinsam. In kleinen Teams mit kurzen Entscheidungswegen liegen auch viele Chancen. Einige kreative Neugründungen im Buchmarkt der letzten Zeit beweisen das, z. B. Matabooks, Reisedepeschen Verlag oder Arkanite.

Und was die Kluft zwischen Groß und Klein betrifft: Genau diese wollen wir im Verband überbrücken. Wobei man ehrlicherweise sagen muss, auch die Großen in unserer Branche haben im Vergleich zu anderen Industrien nur begrenzte Mittel für Innovationen zur Verfügung. Umso wichtiger ist es, Kooperationen und Bündnisse mit Partnern in und außerhalb der Branche zu bilden – vor allem wenn es um die Entwicklung aufwändiger technologischer Lösungen geht. Ich sehe die großen Unternehmen unserer Branche durchaus auch in der Verantwortung, beim Thema Innovation als Vorreiter voranzugehen und die kleineren Marktteilnehmer daran partizipieren zu lassen. Die Tolino-Allianz ist ein gutes Beispiel dafür, wie durch die Zusammenarbeit ein besseres Produkt entstanden ist, das Investitionsrisiko auf mehrere Schultern verteilt werden konnte und letztendlich die gesamte Branche von der Lösung profitiert hat. Mit einer solchen Teamwork-Strategie erreichen wir mehr als jeder Einzelkämpfer! 

Wenn man mit Start-ups über die Beziehung zu Verlagen und die oft unterschiedliche „Kultur“ redet, hört man oft den Einwurf, dass in den Verlagen Ansprechpartner fehlen würden und die Zuständigkeiten sehr chaotisch und für Außenstehende nicht durchschaubar wären. Abgesehen davon haben viele auch Probleme mit den gefühlt viel zu langsamen Entscheidungswegen. Konkret würde es an „Business Developern“ fehlen, in deren Bereich die systematische Erschließung solcher Kooperationen fiele. Wie ist Ihre Einschätzung?

Im Vergleich zu anderen Branchen, wo es klare F&E-Abteilungen oder Business-Development-Units gibt, ist die Unternehmensentwicklung in Verlagen oft an mehreren Stellen angedockt, zum Beispiel in der IT, Herstellung oder auch im Produktmanagement. Das ist in vielen Fällen auch sinnvoll, weil die operative Nähe eine hohe Praxisorientierung und Beteiligung der betroffenen Kollegen ermöglicht. Riskant daran ist allerdings die fehlende strategische Flughöhe, die das Gesamtunternehmen mit allen Prozessen im Blick behält. Daher ist es meiner Meinung nach wichtig, dass die Geschäftsführung die Richtung vorgibt und eine Unternehmenskultur vorlebt, in der jeder Mitarbeiter ein Verständnis dafür entwickelt, wie wichtig Innovationen für die Zukunft des Unternehmens sind. Dezidierte Business Developer können dabei als Ansprechpartner intern wie extern sehr hilfreich sein, um eine systematische Weiterentwicklung vorantreiben, aber ohne die Unterstützung des restlichen Unternehmens stehen sie dabei auf verlorenem Posten.

Die unterschiedlichen Kulturen und Geschwindigkeiten sind selbstverständlich immer wieder ein Knackpunkt – das ist aber kein branchentypisches Problem, sondern tritt immer dann auf, wenn Neues auf Bewährtes trifft. Hier muss man sich seiner eigenen Ziele bewusst sein und die andere Seite mit ihren Erwartungen kennen und verstehen lernen. Voraussetzung dafür sind Formate, die einen Austausch und Vernetzung ermöglichen, wie wir sie beispielsweise mit unserer Eisbrecher-Tour anbieten.

Mal Hand aufs Herz: Wozu brauchen Start-ups im Medienumfeld überhaupt Verlage? Den Zugang zur Zielgruppe können diese doch viel schneller und effektiver herstellen und wenn es um Inhalte geht, könnte man mit den Autoren und Autorinnen heutzutage doch direkt reden. Ist es am Ende nur die Marke, die interessant ist?

Viele Start-ups, die bei CONTENTshift dabei waren, schätzen sowohl die Marktkenntnis als auch die Reichweite der Verlage und Buchhandlungen. Oft haben die Start-ups zwar eine Problemlösung entwickelt, wissen aber gar nicht, ob diese überhaupt für den Markt relevant ist. Ein gutes Beispiel dafür ist das Hypethema Blockchain, auf dessen Zug viele Start-ups aufgesprungen sind. Zusammen mit den erfahrenen Branchenunternehmen können dann konkrete Use Cases entwickelt werden, die sich stärker an den Bedürfnissen der Zielgruppe orientieren. Durch die Nutzung der etablierten Netzwerke und Vertriebswege kann außerdem eine schnellere Durchdringung der Geschäftsidee erreicht werden. Auch der Zugang zu den Inhalten ist für die Start-ups ein entscheidender Grund für die Zusammenarbeit mit den Verlagengrößere. 

Zurück zu CONTENTshift: die dort vertretenen Start-ups stammen größtenteils aus dem deutschsprachigen Raum. Viel an Innovation kommt aber aus den Bereichen Technologie, digitale Produkte und Communities/Plattformen. Das ist per se aber Länder- und Sprachen-unabhängig. Wäre es nicht sinnvoller, sich hier international auf Trüffelsuche zu begeben?

Genau in diese Richtung entwickeln wir uns derzeit mit dem CONTENTshift-Accelerator: Etwa ein Drittel aller Bewerbungen im vergangenen Jahr stammten bereits aus dem Ausland – ebenso zwei der Sieger der vergangenen Jahrgänge. Ähnlich ist es mit dem Technologiefokus. Im letzten Jahr haben wir mit Sigmund Talks und SummarizeBot zwei Start-ups aus dem KI-Bereich ausgezeichnet, deren Lösungen zunächst nicht für die Contentbranche entwickelt worden sind, sich für unsere Bedürfnisse aber sehr gut adaptieren lassen. Ohne CONTENTshift wären die Start-ups jedoch gar nicht auf die Idee gekommen, dass hier ein spannender Markt auf sie wartet. 

Würden Sie eigentlich gern in einem Start-up arbeiten?

Wer würde nicht gerne in einem hippen Co-Working-Space mit Kicker und Gratis-Cola arbeiten? Nein, im Ernst: Ich habe einen großen Respekt davor, wie Gründer für ihre Idee brennen, jede Menge harte Arbeit hineinstecken und oft nicht wissen, ob es das Unternehmen am Ende des Jahres noch geben wird. Und natürlich reizt mich der Gedanke, selbst irgendwann mit einem großartigen Team DIE eine weltverändernde Geschäftsidee zu entwickeln, aber mehr bewegen kann ich im Moment, in dem ich den Start-up-Spirit Tag für Tag in unsere Branche hole – Einhornglitzer inklusive.

                                                                        

Noch bis 15. Mai 2019 können sich Start- ups mit ihrer Geschäftsidee für die Contentbranche für den diesjährigen CONTENT- shift-Accelerator bewerben. Weitere Informationen unter: www.contentshift.de                                                       

    

Cigdem Aker verantwortet beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels den Stabsbereich Strategie & Innovation mit Projekten wie CONTENTshift. Davor war sie in verschiedenen Positionen bei Holtzbrinck ePublishing, Bookwire, dem Zeitverlag und Wiley-VCH tätig. Neben der Arbeit engagiert sie sich ehrenamtlich als erste Vorsitzende beim Junge Verlagsmenschen e.V. – dem größten Nachwuchsnetzwerk der Branche.