#8/ 2020
4/12

„Im Büro war es ziemlich einsam“

Immer mehr Unternehmen etablieren mobiles Arbeiten. Wie sieht es bei Medienunternehmen damit aus? Eine dpr Blitzumfrage liefert Antworten

Arbeiten außerhalb des gewohnten festen Büros – für Siemens das „Kernelement der neuen Normalität“. Alle 140.000 Siemens-Mitarbeitenden sollen künftig an zwei bis drei Tagen pro Woche mobil arbeiten können, also etwa im Homeoffice. "Wir haben gesehen, wie produktiv und effektiv das mobile Arbeiten sein kann. Da haben sich einige Vorurteile in Luft aufgelöst", so Jochen Wallisch, Manager im globalen Personalbereich von Siemens. Mit solch klaren Statements sind globale Unternehmen noch zurückhaltend, aber trotzdem: fünf von zehn Firmen wollen weiterhin mit verstärktem Homeoffice arbeiten (so eine Studie des Ifo-Instituts). Und das Fraunhofer-Institut hat erhoben, dass vier von zehn Firmen die aufgrund von Corona beschleunigt etablierten Homeoffice-Optionen für ihre Mitarbeiter noch ausbauen wollen.

Wie aber sieht es im Medienumfeld aus?

Hier bekommt man in persönlichen Gesprächen auf Führungsebene zumeist ein "Wir haben uns eingerichtet, alles läuft gut" zu hören, meist aber mit dem Unterton einer vorläufigen Situation. Erst kürzlich hat Penguin Random House US eine deutliche Aussage dazu gemacht, dass die Mitarbeitenden des Unternehmens vorläufig nicht in ihre Büros zurückkehren werden: „Clearly, we miss being together and would want to quickly get back to the offices if it meant we could safely return to in-person meetings and conversations. But just as clearly, most of us feel that the current state of virus risk means that it would not be comfortable or responsible to come back together in our office spaces anytime soon“, so CEO Madeline McIntosh. „On the bright side, the vast majority report that, overall, working remotely is going quite well, and some are feeling they prefer it as a long-term solution.“ Wird sich mobiles Arbeiten also langfristig durchsetzen? Und in welcher Form?

Mit unserer Blitzumfrage "Zoom-Fatigue oder Digital-Paradies?" wollten wir dem aktuellen Stand und der zukünftigen Entwicklung des mobilen Arbeitens auf den Grund gehen. Die über 500 Rückmeldungen haben wir für Sie hier analysiert.


Eine Entwicklung, die vermutlich mit der Kurve der Infektionszahlen korreliert. Aber in den Unternehmen ist man (zu Recht) vorsichtig, erst 20 % sind wieder im „alten Normal“ angekommen. Wir hatten den Umfrage-Teilnehmenden auch die Möglichkeit gegeben, Kommentare abzugeben, zwei davon erscheinen sehr symptomatisch für viele andere: „Mit den ersten Lockerungen wurde das Recht auf Homeoffice gestrichen. Mitarbeiter mit Kindern konnten individuelle Vereinbarungen treffen, dass sie einen Teil zu Hause arbeiten. Mit Beginn der Sommerferien ist auch das nicht mehr möglich.“ Andere sahen aber (teils augenzwinkernd) die Vorteile des Arbeitens im Firmenbüro: „Im Büro war es ziemlich einsam, aber Arbeiten sehr gut möglich - auch weil‘s ruhiger war als zu Hause mit kleinen Kindern.“



Eine klare Mehrheit der Umfrage-Teilnehmenden zieht eine Mischung aus beiden Arbeitsformen vor – tatsächlich auch nicht sehr verwunderlich, da beide ihre jeweiligen spezifischen Vorteile haben. Auch hierzu ein klares Statement eines Teilnehmenden: „Es sollte ohnehin schon viel länger gelten: nicht wo, sondern wie man seine Arbeit tut!“ Allerdings war auch nicht jeder begeistert von der Aussicht auf (mehr) Homeoffice: „Ist für Fleißarbeit und für Menschen, die keine Inspiration brauchen. Nach fünf Jahren wirst du seltsam und bist nicht mehr teamfähig.“


Das Ergebnis ist mehr als deutlich: Die Einstellung der Medienunternehmen zu Homeoffice hat sich massiv geändert, zieht man frühere Umfrageergebnisse etwa des „dpr Medienmonitor Gehalt 2019“, in dem auch dieser Punkt abgefragt wurde. Weniger Wohlmeinende würde vermutlich ergänzen, dass den Unternehmen auch nichts anderes übrig blieb in den letzten Monaten. Diese Widerwilligkeit zeigt sich auch in den Kommentaren: „Wird eher geduldet“ oder „Meine Vorgesetzten wünschen sich mehr Anwesenheit im Office, haben aber auch grundsätzlich Verständnis dafür, dass Homeoffice manchen Leuten besser gefällt“. Oder: „Homeoffice wird möglich gemacht (auch schon vor Corona), allerdings wird der Hauptarbeitsort immer noch in Verlag gesehen.“


Eine große Mehrheit ist inzwischen also offen für alternative Arbeitsmodelle. Wie hat sich diese Einstellung aber verändert im Vergleich vor und nach Pandemie? Ein Kommentar dazu: „Es wurde erkannt, dass es so auch funktioniert - und man ist daher offener geworden für ein etwas durchmischteres Arbeitsmodell.“ Hier zeigt sich die Pandemie-Lernkurve: „Das Unternehmen kann es sich jetzt auch in größerem Stil vorstellen, weil es gemerkt hat, dass es gut funktioniert und auf die Mitarbeiter Verlass ist.“ In vielen Kommentaren schimmert auch immer ein eher emotionales statt technisches Problem durch – Homeoffice hat sehr viel mit Vertrauen zu tun: „Weil jetzt offensichtlich ist, dass fast alles mit Remote Work erfolgreich vorangebracht werden kann und es bei den Ergebnissen keine großen Unterschiede zu Prä-Corona-Zeiten gibt.“


Ob der Rechtsanspruch auf Homeoffice jemals kommen wird kann im Moment niemand sicher voraussehen. Und auch die Teilnehmenden der Umfrage sind über der Frage uneins, ob dies auch wirklich nötig ist: „Es fällt mir schwer, mich für eine der beiden Antworten zu entscheiden. Ich hoffe, Remote Work wird sich dauerhaft als Option etablieren können und hoffe, dass der Rechtsanspruch unnötig sein wird. Es wäre sehr wünschenswert, wenn Mitarbeiter*innen da, wo es möglich ist, ihren Arbeitsplatz selbst wählen können.“


Natürlich kann eine solche Blitzumfrage keine fundierte wissenschaftlich fundierte Untersuchung sein, sondern nur eine Momentaufnahme. Aber diese sind in ihren Kernaussagen doch recht klar: Die Einstellung zu Homeoffice hat sich massiv durch die gemachte Erfahrung verändert, sowohl auf Seiten der Unternehmen als auch der Mitarbeitenden. Natürlich mitunter mit Skepsis und Zähneknirschen. Das alte Prinzip des Taylorimus, basierend auf Faktoren wie detaillierte Vorgabe der Arbeitsmethode und exakte Fixierung des Leistungsortes und des Leistungszeitpunktes hat sowohl generell im 21. Jahrhundert als auch speziell in Kreativberufen ausgedient. Dass es zu dieser Erkenntnis in vielen Unternehmen erst eine globale Pandemie benötigte ist mehr als bedenklich. Bleibt zu hoffen, dass einer der positiveren Nachwirkungen die nachhaltige Flexibilisierung der Arbeitsmodelle sein wird. Der Wunsch danach ist ganz klar vorhanden.


Umfragebasis
An der Umfrage haben 517 Personen teilgenommen – 75 % aus Medienunternehmen, der Rest verteilt sich gleichmäßig auf Agenturen, Consulting und Dienstleistungsunternehmen.