Corina Lingscheidt
Liebe Redakteure, warum lasst ihr euch von KI die Jobs wegnehmen?
Kolumne: Medien & Innovation
Selbst das umsatzstarke und weltbekannte Medienhaus Axel Springer reihte sich schon im Frühjahr 2023 unter anderen mit seinen Marken BILD und WELT ein in die Riege der Unternehmen, die derzeit Personalabbau ankündigen. In diesem Zusammenhang erklärte Springer-CEO Mathias Döpfner, welche Gefahr er für die Jobs zahlreicher Mitarbeitenden sieht: Ihre Arbeit könnte wegautomatisiert werden.
Informationen im Netz recherchieren und zusammenfassen, Fotostrecken bauen, Videos schneiden oder Podcasts transkribieren kann schon heute das ein oder andere Tool genauso schnell und gut – oder schneller und besser – als der menschliche Kollege. Überleben werden nur die Medienunternehmen, die uniquen Content produzieren. Döpfners Forderung an die eigenen Teams lautet daher in etwa: Konzentriert euch auf investigative Geschichten, macht originäre, einzigartige Stories, die den Journalisten als Marke (und den dahinterstehenden Verlag) unersetzbar machen.
Wer sich als Journalist zur Marke macht, wessen Namen die LeserInnen kennen und dessen Beiträge sie schätzen, der wird so schnell keine KI im Wettlauf um den Job fürchten müssen. Wer aber eher als Content-Manager auftritt und Berichte ab- und umschreibt, der könnte branchenweit ebenso wie SchnittassistentInnen, Community-ManagerInnen oder GrafikerInnen über kurz oder lang weggespart werden.
Diese Einschätzung ist überraschend offen und ehrlich. Denn bisher hieß es in wirklich jedem einzelnen Panel, Webinar oder Workshop zum Thema AI in der Medienbranche, dass es um Himmels willen nicht darum ginge, Jobs zu ersetzen. Man wolle lediglich repetitive und monotone Arbeiten automatisieren, um die gewonnene Zeit sinnvoller in feingeistigere Tätigkeiten zu investieren. Genau das habe ich selbst auch schon mehr als einmal im öffentlichen Raum voller Überzeugung von mir gegeben.
Was dabei aber regelmäßig unausgesprochen bleibt, ist die Frage, ob wir hier von denselben Personen sprechen, die perspektivisch im halbautomatisierten Medium die hochwertigen Leitartikel schreiben oder ob es nicht trotzdem erst einmal zu Entlassungen ersetzbarer Content-ManagerInnen – bei späteren Neueinstellungen anderweitig qualifizierter MitarbeiterInnen – kommt.
Und hier kommen Medien-ManagerInnen ebenso ins Spiel wie die JournalistInnen selbst. Der Transformationsprozess ist bereits angelaufen, der Zug hat keine Bremsen. Wer heute die Fortschritte der Technik und die Möglichkeiten, die künstliche Intelligenz auch und gerade in Medienunternehmen bietet, klein- und wegredet, der riskiert seinen eigenen Job und/oder geht fahrlässig mit der Zukunft seiner Angestellten um. Noch ist der richtige Zeitpunkt, sich mit den aus dem Boden sprießenden Tools zu befassen und neugierig dazuzulernen, Werkzeuge auszuprobieren, die die eigene Arbeit besser und den Lebenslauf spannender machen.
Für Entscheidungsträger und Führungskräfte gilt analog: Geht offen und transparent mit den neuen Möglichkeiten und der unsicheren Zukunft um, versprecht nicht, was ihr nicht halten könnt, gebt euren MitarbeiterInnen die Chance über Teamgrenzen hinweg ihr Tätigkeitsprofil zu schärfen und im Zweifel zu optimieren. Lernt gemeinsam dazu und nehmt die Menschen hinter den Stellenbeschreibungen mit in eine Zukunft mit sich immer schneller wandelnden Berufsbildern.
Vielleicht ist der Werkstudent, der bisher mit händischer monkey work beschäftigt wird, ja genau die richtige Besetzung für den Prompt Engineer, der alle Artikelbilder kreativ und kostengünstig mit ChatGPT neu generiert? Oder die erfahrene Journalistin wird durch den Einsatz von selbstentdeckten AI-Tools in ihren Recherchen derart unterstützt, dass ihr die investigativen Artikel nur so vor die Füße fallen, die sie dann in ihrem unverkennbaren Stil verständlich und sarkastisch an die treue Leserschaft bringt. Oder der SEO-Content-Manager entdeckt seine Liebe zum Fact-Checking und zur Liveberichterstattung.
Beide Richtungen werden noch wichtiger werden, als sie es heute schon sind: Technikaffinität und Individualität. Der ideale Medien-Bewerber der kommenden Jahre ist beides: Ein mit Tools jonglierender Mensch mit Ecken und Kanten, der seine Marke als Journalist herausstreicht und dabei selbstbewusst und open-minded mit allen Hilfsmitteln arbeitet, die ihm oder ihr das Leben und die AI zuwirft. Dafür muss man nicht zwingend programmieren können, aber technisches Verständnis schadet definitiv nicht.
Woran ich hingegen nicht glauben würde: Daran, dass das wieder weggeht mit dieser KI, dass keiner die Absicht hat, Jobs abzubauen, oder dass mein heutiges Fertigkeitenprofil ausreicht, um meinen Job bis zur Rente gut und sicher machen zu können. Lebenslanges Lernen war und ist immer wichtig, aber heute wird es überlebenswichtig. Ärgert euch bitte übermorgen nicht über eure Arroganz von heute!
![]()
Corina Lingscheidt ist seit 10 Jahren als Geschäftsführerin in der Medienbranche aktiv. Unter der Dachmarke der MM New Media GmbH betreibt die studierte Journalistin und Psychologin mit ihrem Team u. a. die reichweitenstarken Websites news.de, unternehmer.de und qiez.de. Dabei setzt sie auf eine hybride Redaktion und ergänzende automatisierte Nachrichtenerstellung. Ihre Themen sind: Online-Medien, KI und New Work.