#7-8/ 2021
4/19

3 %, 30 % oder 300 % – wie viel KI darf es sein?

Henry Ford gehört zu den bei Vorträgen und Kommentaren wohl am häufigsten zitierten Menschen. Und so darf er auch in meiner Kolumne nicht fehlen. Ihm wird unter anderem das Zitat zugeschrieben: „Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie schnellere Pferde gesagt.“ Was hat das Ganze mit KI zu tun? Ganz einfach. Künstliche Intelligenz bedeutet echte Disruption und Veränderung – und eben nicht Optimierung. Und damit sind wir beim Thema KI-Strategie.

Wer mit der Verfügbarkeit von KI-Technologien nicht seine strategischen Ziele hinterfragt und überdenkt, der wird ganz zwangsläufig keine tiefgreifende Veränderung und Verbesserung herbeiführen können. Wer an den alten Zielen festhält und KI dazu benutzt, um zu optimieren, der wird unter dem Strich im besten Falle eine Kostenoptimierung erzielen - mehr nicht. Es wird nicht wenige Entscheider geben, die sich damit begnügen. Allerdings muss die Frage erlaubt sein: Warum eigentlich? Für mich ist diese „Controller-Mentalität“ gleichlautend mit mangelndem Veränderungswillen, Mut- und vor allem Phantasielosigkeit.

Nicht selten werden nach der Einführung von KI-Technologien Verbesserungen aufgezeigt. Da erstreckt sich dann die Selbstzufriedenheit der Verantwortlichen auf Verbesserungen im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Drei Prozent besser als vorher - das reicht dann schon für einen Jubelsturm, der allerdings überlagert, dass mit dem konsequenten Einsatz auch 30 oder gar 300 Prozent möglich gewesen wären.

Nehmen wir als Beispiel den KI-Einsatz im Text- oder Content-Bereich. KI-basierte Textautomatisierungen jeglicher Art – ob als NLG Technologie für Chatbots oder strukturierte Texte oder in der Übersetzung – dienen oft nur der Ressourcenschonung (Maschine satt Mensch) oder ganz simpel als Möglichkeit der Suchmaschinenoptimierung für Webseiten oder Online-Shops. Dass jenseits von (mehrsprachigen) Produktbeschreibungen oder maschinengestützten Supportbots noch ganz andere Dinge möglich wären, bleibt leider meistens außen vor.

Wer Content Marketing und Commerce ausschließlich in Blogs, Produkttexten oder ‑darstellungen denkt, läuft der Masse hinterher, kommt im Zweifel zu spät und wird sich im Zweifel eben mit kleinen Verbesserungen begnügen. Wer das Thema weiter denkt, der stellt fest, dass beispielsweise die FAQs – vorausgesetzt, sie sind gut aufgebaut und gehen mit KI-Technologien tief genug – sehr gern von Google & Co. übernommen werden. So finden Suchende die Antworten dort, wo die Frage auftaucht – ein perfektes Einfallstor für die eigene Webseite. So sieht eine veränderte, auf die neuen KI-Technologien angepasste Strategie jenseits der bloßen Optimierung aus.

Diese kann aber noch viel weiter gehen. Denn es geht längst nicht mehr nur um Reichweite. KI ermöglicht Unternehmen – vorausgesetzt, sie wird strategisch wirklich eingesetzt – vor allem eines: Relevanz! Wer das konsequent zu Ende denkt, der wird feststellen, dass das bis zum Dialog mit dem einzelnen Kunden funktioniert. Segmentierung war gestern - Personalisierung ist jetzt! Wer sich diese Strategie auf die Fahnen schreibt, ist dort angekommen, wo die KI-Technologien schon seit einiger Zeit sind. Willkommen in der Disruption!


Der Autor

Saim Alkan ist Gründer und CEO von AX Semantics. Der Wirtschaftsingenieur und KI-Experte erkannte früh die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz zur automatisierten Texterstellung in den Bereichen E-Commerce und Verlagswesen.