#7-8/ 2021
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Schnellschüsse ins Gehirn

Die Kraft der visuellen Wahrnehmung

Sehen ist weit mehr als nur ein einfacher mechanischer Vorgang. Es ist ein optischer, chemischer, vor allem aber neuronaler Prozess. Ein Viertel des Gehirns und 60 Prozent der Großhirnrinde, des Sitzes zentraler Hirnfunktionen, sind mit der Verarbeitung des Datenstroms beschäftigt, den unser Auge konstant über den Sehnerv anliefert. 

Diese Datenübermittlung und die parallel stattfindende Datenverarbeitung verlaufen extrem schnell. Unser Sehnerv funkt in einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 45 km/h oder fünf bis 20 Metern pro Sekunde in den Hirnlappen, der sofort damit beginnt, die gesendeten, chaotischen Rohdaten zu filtern, zu analysieren und zu interpretieren. 

Schnelles und langsames Denken

Der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman beschäftigt sich in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ mit dem Tempo der neuronalen Datenverarbeitung und der Abhängigkeit unseres Denkens von visueller Wahrnehmung. Kahneman unterscheidet dabei zwei verschiedenen Systeme des Denkens: Als „System 1“ bezeichnet er unser schnelles, unbewusstes, intuitives Denken. „System 1“ läuft automatisch ab, ist emotional geprägt und auch stereotypisierend. Diese Art zu denken ist immer aktiv und eng mit dem verbunden, was wir wahrnehmen und was wir sehen.

Darüber hinaus bedienen wir uns laut Kahneman noch einer anderen Art des Denkens, die er „System 2“ nennt. Dieses System ist langsamer, läuft bewusst ab, ist berechnend und logisch, findet aktiv statt und strengt uns auch viel mehr an als „System-1-Denken“. Wenn wir visuell wahrnehmen, treten diese beiden Arten des Denkens miteinander in Konkurrenz. Kahneman beweist dies mit einem Bild. Der Psychologe erläutert hierzu: „Das Bild ist nicht weiter bemerkenswert: zwei horizontale Linien unterschiedlicher Länge (...). Die untere Linie ist scheinbar länger als die darüber. Das sehen wir alle, und wir glauben spontan, was wir sehen. Aber wenn Sie dieses Bild schon einmal gesehen haben, wissen Sie, dass es sich um die berühmte Müller-Lyer Illusion handelt. Wie Sie leicht selbst überprüfen können, indem Sie die horizontale Linie mit einem Lineal nachmessen, sind beide tatsächlich genau gleich lang. Jetzt, nachdem Sie die Linien gemessen haben, haben Sie – Ihr System 2, das mit Bewusstsein begabte Wesen, das Sie ‚ich‘ nennen – eine neue Überzeugung: Sie wissen, dass die Linien gleich lang sind. (...) Sie haben sich entschieden, der Messung zu glauben, aber Sie können System 1 nicht von seiner gewohnten Aktivität abhalten; Sie können nicht durch einen Willensentschluss Ihre Wahrnehmung so verändern, dass Sie die Linien als gleich lang sehen, obwohl Sie wissen, dass sie gleich lang sind.“

So kurz wie ein Wimpernschlag

Auch der Medienwissenschaftler Malcom Gladwell, bekannt als Autor des wegweisenden Buches „Tipping Point“, befasst sich mit der Geschwindigkeit und dem Automatismus unseres Denkens in Zusammenhang mit visueller Wahrnehmung. In seinem Buch „Blink“ geht es ihm dabei um die Geschwindigkeit des „ersten Eindrucks“: Seine zweite Publikation ist den intuitiven Mechanismen menschlicher Entscheidungsprozesse gewidmet. Seiner These zufolge fällen wir viele Entscheidungen bereits in den ersten zwei Sekunden – „in the blink of an eye“ (während eines Wimpernschlags) –, und oft sind diese unbewusst und intuitiv getroffenen Entscheidungen richtig. 

Laut Gladwell ist unser Gehirn in den ersten Augenblicken einer Situation in der Lage, aus der Vielfalt der Informationen genau die „herauszuschneiden“, die für eine Entscheidung am wichtigsten sind. Er nennt dieses Phänomen „thin-slicing“ (in dünne Scheiben schneiden). Je länger der Moment der Entscheidung jedoch anhält, desto mehr verlieren wir die Fähigkeit der Selektion. Wir nehmen weitere Informationen, auch irrelevante, hinzu und kommen dadurch auch öfter zu Fehlurteilen. Gladwells Plädoyer: Wir sollten auf das „schnelle Denken“, den „ersten Blick“ vertrauen und öfter dieser Intuition folgen. 

Übrigens Wissenschaftler des National Center of Biotechnology Information in Maryland, USA, haben ermittelt, dass Videos im Internet im Durchschnitt nur 2,7 Sekunden lang angesehen werden. „In the blink of an eye“ bzw. in zwei Sekunden fällen wir die Entscheidung, ob wir weiterschauen oder nicht. Die meisten Videos werden nach 2,7 Sekunden weggeklickt.

Kahneman und Gladwell betonen beide – aus unterschiedlichen Perspektiven – die Kraft der visuellen Wahrnehmung für das „schnelle Denken“ und die damit verbundene Macht der Bilder. Bilder sind Schnellschüsse in unser Gehirn. Und im Gegensatz zu Text, der eher die „System-2-Denke“ anspricht, erhalten Bilder einen Exklusivzutritt zu unserem Gehirn. Wir können Bilder bis zu 60.000-mal schneller verarbeiten als Text.

In nur 150 Millisekunden wandert ein Bild vom Auge über die Hornhaut durch die Linse auf die Netzhaut, wo es auf den Kopf gedreht wird und über den Sehnerv in die Sehrinde gelangt. Dort übernehmen unterschiedlich spezialisierte Nervenzellen die Aufgabe, Formen, Kontraste, Farben oder Bewegung zu identifizieren, bis letztendlich die visuellen Cortices diese Daten mit unseren Erfahrungen abgleichen, einordnen, sinnvoll verknüpfen und deren Interpretation zurückmelden.

Wie wichtig diese Geschwindigkeit ist – besonders heute in der digitalen Kommunikationslandschaft –, betonen Wissenschaftler des National Center of Biotechnology Information in Maryland, USA. Sie erbrachten im März 2015 den alarmierenden Nachweis, dass die Aufmerksamkeitsspanne von Erwachsenen im Durchschnitt nur noch bei acht Sekunden liegt. Das sind vier Sekunden weniger als noch im Jahr 2000. Wir können uns, so die Wissenschaftler, eine Sekunde weniger lang konzentrieren als Goldfische, deren Wert angeblich bei neun Sekunden liegt (aber Vorsicht bei dieser Behauptung: The goldfish myth) . 

Generation Y ist davon laut Dr. Carl Marci, Professor der Psychiatrie an der Harvard Medical School, besonders betroffen. Die Generation, die zwischen 1977 und 1998 direkt in das digitale Zeitalter hineingeboren wurde, kann sich zu 60 Prozent schlechter konzentrieren als die Generation vor ihr. Diese Erkenntnis führt Marci in einem eindringlichen Plädoyer für visuelles Storytelling an, das er unter dem Titel „Storytelling in a Digital Age„ im März 2015 veröffentlichte. Marci ist fest davon überzeugt, dass es in der Wissensvermittlung im digitalen Medienzeitalter nur noch Bildern gelingen wird, schnell und effektiv zu Rezipienten durchzudringen. Und das gilt mittlerweile für alle Generationen.

Videotipp Wenn man während einer Actionszene eines Hollywoodfilms auf „Pause“ drückt, kann man alle Details und Einzelheiten in Ruhe betrachten: Polizisten und Verbrecher erstarren in ihrer Bewegung, Explosionen frieren im Bild ein. Was man in der Regel in Sekundenbruchteilen erfasst, kann genüsslich, minutenlang betrachtet werden – das ist der visuelle Trick des Kampagnenfilms „Philips – Carousel“, der das Philips-TV-Set „Cinema 21:9“ bewarb, einen Fernseher in Kinoformat. Der Film zeigt eine klassische Hollywood-Actionszene, die für den Betrachter „eingefroren“ wurde und die nun mit einer 360°-Kameraeinstellung erfahrbar wird. Neben den erstaunlichen Spezialeffekten, die den Film sehenswert machen, wird der Zuschauer auch noch mit einer großartigen Geschichte belohnt, denn der Plot präsentiert ein überraschendes Ende. Ganz in Ruhe den Augenblick genießen – und dann gerne auch das Making-Of ansehen.

 

Visuelle Storyteller sollten wissen, wie unser Auge funktioniert und welche Informationen wir benötigen, um die Welt zu „erkennen“. Mehr dazu finden Sie in dem Buch „Visual Storytelling: Visuelles Erzählen in PR und Marketing“ von Petra Sammer und Ulrike Heppel, O‘Reilly – aus dem dieser Textauszug stammt.




Die Autorin

Petra Sammer ist Kommunikationsstrategin, Kreative und Buchautorin. 25 Jahre war sie Beraterin, Geschäftsführerin und Global Partner des internationalen Agenturnetzwerks Ketchum und verantwortete als Chief Creative Officer die strategische und kreative Ausrichtung der Agentur. Mit dieser Erfahrung berät sie heute mit ihrer Agentur pssst... Unternehmen und Marken in PR, Marketing und Unternehmenskommunikation. Ihre Schwerpunkte sind Strategie- und Ideenentwicklung sowie Storytelling, wie ihre Bücher und Publikationen beweisen. www.petrasammer.com