#7-8/ 2021
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E-Learning-Technik: Lernplattformen

Herzstück der Weiterbildung in einem Unternehmen oder einer Organisation

Die Lernplattform ist im Idealfall das Herzstück der Weiterbildung in einem Unternehmen oder einer Organisation. Allerdings bietet der Markt eine Unmenge verfügbarer Systeme und eine Vielzahl an technischen Buzzwords. Dieser Artikel beleuchtet die technischen Hintergründe und gibt eine für Einsteiger hilfreiche Einführung.

Der Begriff Plattform ist im E-Learning nicht exakt definiert. Im einfachsten Fall kann Youtube oder Vimeo zur Lernplattform werden, wenn Nutzer dort spannende Lernvideos konsumieren. Auch kommerzielle Lernangebote, die eigene Inhalte in den Fokus stellen – beispielsweise LinkedIn Learning, Udemy und Coursera – sind Plattformen. Coursera und Udemy gehören ursprünglich auch zur Gattung der MOOCs, der Massive Open Online Courses. Dabei handelt es sich ursprünglich um Plattformen, die freie Inhalte von Hochschulen anbieten. Während viele davon mittlerweile einen kommerziellen Weg gegangen sind, sind einige frei geblieben. Die weltweit bekannteste ist sicherlich edX, an der Harvard, das MIT und viele weitere amerikanische Universitäten beteiligt sind. 


All diesen Plattformen ist eine zentrale Aufgabe gemeinsam: Sie liefern die Inhalte in den gängigen Webkanälen aus. Aus technischer Sicht lässt sich das gut in einem (leicht vereinfachten) Schichtenmodell abbilden. Die Plattform selbst ist dabei die Software, die sich um diese zentrale Auslieferung der Inhalte kümmert. Die Infrastruktur selbst liefert im Falle von Youtube, Udemy oder edX natürlich der jeweilige Anbieter oder die Organisation im Hintergrund.

Interessant wird die Frage nach der Lernplattform für alle Unternehmen und Organisationen, die selbst eine Lernplattform aufbauen möchten, sei es für die eigenen Mitarbeiter oder für Kunden, Schüler oder Studenten. In diesem Fall kommt die nächste Abkürzung ins Spiel, das Lernmanagementsystem oder auch kurz LMS.

Die klassische Lernarchitektur

Das LMS spielt in der klassischen Lernarchitektur die Hauptrolle. Hier meldet sich der Lerner an und konsumiert die Inhalte. Im klassischen Szenario kommen die Inhalte aus einem Autorensystem (hier als AS abgekürzt). Das Autorensystem produziert WBTs, so genannte Web Based Trainings. Diese Lernpakete haben meist eine eigene Navigation und enthalten oft eine Mischung verschiedenster Lerninhalte wie Text, Bildern, Animationen und Videos sowie meist auch Fragen und Aufgaben zur Lernerfolgskontrolle.

Damit die WBTs in möglichst vielen Lernmanagementsystemen einsetzbar sind, hat sich in der E-Learning-Welt seit vielen Jahren der Standard SCORM (Sharable Content Object Reference Model) etabliert. Aktuell steht allerdings auch der Nachfolger cmi5 in den Startlöchern, aber das ist eine andere Geschichte. 


Der größte Vorteil dieser klassischen Architektur ist, dass das Erstellen von Inhalten in den Autorensystemen (die es als Desktop-Software und als Online-Tools gibt) entkoppelt wird vom Ausliefern der Inhalte im LMS. Allerdings bieten auch sehr viele LMS selbst integrierte Möglichkeiten, um Inhalte zu erstellen. Die Spanne reicht dabei vom einfachen Einfügen von Text, Bild und Video über interaktive Elemente wie Foren und Chats bis hin zu Aufgaben und Quizzes. Wer seine Inhalte also direkt im LMS erstellt, der benötigt kein externes Autorensystem und damit auch keinen Kommunikationsstandard wie SCORM oder cmi5.

Damit ist klar, in einem modernen LMS kann ich Inhalte direkt erstellen oder ich kann per SCORM/cmi5 Inhalte aus Autorensystemen integrieren. Dazu bieten die meisten LMS auch eine Integration zu Webinartools von Zoom über MS Teams bis Big Blue Button. Das heißt, auch hier verschwimmen gegenüber dem klassischen Szenario und das LMS gelangt mehr und mehr in die Rolle der zentralen Plattform, die externe Inhalte und System integriert. 


Was leistet ein LMS? 

Die Kernfunktion eines LMS ist die Auslieferung von Inhalten an die Lerner. Dazu bieten auch alle gängigen LMS selbst Funktionen zum Erstellen von Inhalten. Damit die Lerner an ihre Inhalte kommen, speichern LMS-Systeme natürlich auch die Nutzerdaten und bieten den Nutzern Anmelde- und Registrierfunktionen. Sobald die Lerner bekannt sind, wählen sie ihre Inhalte oder werden über die Administration automatisch in Kurse eingeschrieben. Sobald sie dort die Inhalte erfolgreich abschließen, misst und protokolliert das LMS den Lernerfolg. 

Natürlich ist das nur eine vereinfachte Darstellung der Grundfunktionen. Betrachtet man Funktionslisten moderner LMS oder beschäftigt sich mit einer tiefergehenden Systemevaluierung, so stehen am Ende oft über 100 verschiedene Funktionen in einer langen Liste. Dennoch hilft es erfahrungsgemäß, sich die Kernaufgaben eines Systems anfangs erst einmal vereinfacht ins Bewusstsein zu rufen, um nicht vor lauter „Featuritis“ den Blick fürs Wesentliche zu verlieren.


CMS oder LMS

Viele Unternehmen stellen sich anfangs die Frage, ob sie für ihre Lerninhalte wirklich ein LMS benötigen und wie sich das LMS eigentlich von einem – in den meisten Unternehmen bereits eingesetzten Content Management System (oder kurz CMS) abgrenzt? Die Gemeinsamkeit ist klar, beide Systeme kümmern sich um Inhalte. Das CMS hat seinen Fokus dabei klar auf der Ausgabe von Inhalten in Form von Websites, Blogs oder Webportalen, hat aber im Kern keine Lernfunktionen. 

Das heißt, in einem CMS wie WordPress, TYPO3 oder Drupal kann ein Unternehmen, das gerade 10 Lernvideos zu seinem Produkt produziert hat, diese Inhalte natürlich an seine Kunden weitergeben. Standardmäßig bietet aber keines dieser Systeme dafür eine Lernerfolgsmessung. Und auch für externe Lerninhalte ist in den gängigen CMS keine SCORM-Unterstützung enthalten. 

Vielleicht war es schon merklich, die Erklärung schränkt ein wenig ein: „standardmäßig“ und „im Kern“ bedeutet, dass die genannten CMS im Originalzustand keine Lernfunktionen unterstützen. Allerdings gibt es für alle Systeme Lernerweiterungen, für WordPress sogar mehrere, die das CMS um LMS-Funktionen erweitern. Wer also den Fokus auf Website oder Portal hat und LMS-Funktionalitäten „nur“ zusätzlich benötigt, findet auch in dieser Gattung unter Umständen seine Lernplattform. Sobald die Ansprüche aber steigen, haben die spezialisierten LMS doch deutliche Vorteile.

LXP: Das bessere LMS?

Ein letzter Begriff verdient noch eine Abgrenzung: Seit einigen Jahren spricht die E-Learning-Branche von Lernplattformen mit dem Kürzel LXP. LXP steht dabei je nach Deutung für Learning Experience Platform oder Learning Experience System. Schon an diesem nicht ganz eindeutigen Akronymeinsatz ist zu merken, hier handelt es sich um keine wissenschaftliche Definition. 

Wie so oft in technischen Diskussionen begannt das Ganze mit Extremen: Neue Lernplattformen haben sich nicht mehr LMS, sondern LXP genannt und schon entbrannte eine Diskussion darum, ob LMS-Systeme nicht generell tot wären. Fast so schnell wie sie entbrannt ist, ist die Diskussion auch wieder in sich zusammengefallen. Heute nennt sich ein LXP-Pionier wie z.B. Degreed „Upskilling Platform“ und verschiedene Anbieter wie Totara oder edcast prägen den Begriff Talent Experience Platform. Hier vermischen sich dann verschiedene Softwaregattungen wie z.B. HR-Management und das innerbetriebliche Performance Management mit dem E-Learning zu einer gemeinsamen Plattform. 


Bei allen Marketing-Namen bleibt es wichtig, sich anzuschauen, was jenseits der Begrifflichkeiten die wichtigste Entwicklung hinter dem LXP-Trend verbirgt. Entwickelt hat sich das LXP aus der berechtigten Kritik an den klassischen LMS. Diese haben das Management der Lernaktivitäten zu sehr in den Vordergrund gestellt und dabei das „Learn“, also den Lerner selbst, zu sehr vernachlässigt. Der LXP-Ansatz dagegen stellt die Erfahrungen des Lerners, die „Learning Experience“, in den Vordergrund. Ein Trend, den es bei Websites und Online-Shops mit User und Customer Experience schon einige Jahre gab. 

Um eine bessere „Learning Experience“ zu erreichen, haben die als LXP bezeichneten Systeme deutlich an Funktionalitäten abgespeckt, dafür aber dem Lerner eine bessere Usability, klare Lernpfade und einen spielerischen Zugang zum Lernen unter dem Buzzword Gamification gegeben. Vieles davon ist – und das ist sicherlich der größte Verdienst der LXP-Bewegung – in die klassischen und etablierten LMS zurückgeflossen. Umgekehrt haben sich viele der funktional sehr schlank gestarteten LXP mittlerweile zu mächtigen Lernplattformen entwickelt, deren Funktionsumfang von einem LMS nicht mehr wirklich zu unterscheiden ist. Andere Lernplattform-Anbieter wie beispielsweise Totara haben Funktionalitäten aufgeteilt und nennen nun ihr Lernmodul mit kuratierten Kursen LMS, während das Modul für Social Collaboration und Wissensnuggets, bei dem auch normale Nutzer Inhalte bereitstellen und mit anderen Teilen können, ein soziales LXP ist. 

Systemgattungen – Plattformen unterscheiden

Hat man sich dafür entschieden, eine eigene Lernplattform aufzubauen, stellt sich die nächste Frage: Welche Software ist dafür am besten geeignet? Die Antwort ist schwierig, denn der Markt ist nahezu unüberschaubar groß. Zählt man auch Autorensysteme mit LMS-Systemen und CMS mit LMS-Erweiterungen dazu, sind sicherlich über 200 Lernplattform-Lösungen am Markt erhältlich. Ein Funktionsvergleich oder ein umfangreiches Bewertungsschema ist bei dieser großen Menge an Systemen natürlich nicht sinnvoll anzusetzen. Deswegen empfiehlt es sich, den Markt in logische Segmente zu unterteilen und dann erst innerhalb der Segmente in die konkrete Bewertung zu gehen. Folgende grundlegende Kriterien können dafür hilfreich sein: 

  • Der Ursprung der Lösung: Handelt es sich um ein reines LMS, ist das Herzstück der Software eher ein CMS oder handelt es sich gar um ein Modul einer Bildungsmanagement-Software. Oft liefert der Ursprung der Software ein gutes Indiz, in welchen Einsatzszenarien sie am besten geeignet ist.

  • Das Bezugsmodell: die zentrale Unterscheidung ist hier Open Source oder kommerziell. Bei den Open Source-Systemen wie Moodle, Ilias und Olat liegt der Quellcode offen und die Nutzung ist unter einer Open Source-Lizenz kostenfrei. Professionelle Unterstützung bieten entsprechende Dienstleister. Bei kommerziellen Anbietern wie IMC, SumTotal oder Cornerstone ist die Software dagegen „Closed Source“ und wird exklusiv vom Hersteller weiterentwickelt. Oft ist im Umfeld der Lernplattformen der Hersteller auch gleichzeitig der Dienstleister für die Plattform. Allerdings gibt es auch hier Mischformen am Markt: So basiert z.B. Totara auf einer Open Source-Lizenz, die Weiterentwicklung für Hersteller wird aber über eine Subskriptionsgebühr sichergestellt.

  • Der Betrieb der Plattform: Das Schlagwort ist hier, ob die Plattform direkt vom Hersteller als Software as a Service-System betrieben wird wie z.B. SAP Sucessfactors oder Docebo oder ob sie vom Unternehmen auch innerhalb der eigenen Infrastruktur (oft on premise genannt) oder in einer Cloud wie AWS oder Microsoft Azure selbst betrieben werden kann. Auch hier gibt es Mischformen, z.B. bieten einige Dienstleister für Open Source-Software auch Plattform as a Service-Lösungen an, bei denen sich Unternehmen nicht um Updates und Betrieb kümmern müssen. Welche Lösung für wen am besten geeignet ist, hängt auch vom Einsatzzweck ab. Manche Organisationen lehnen z.B. (mit einiger Berechtigung) von amerikanischen Unternehmen betriebene SaaS-Lösungen ab. Generell lässt sich sagen, SaaS-Lösungen machen am wenigsten Arbeit, erlauben aber auch im Vergleich zu einem selbstbetriebenen Open Source-LMS am wenigsten technische Eingriffsmöglichkeiten.

Neben diesen zentralen Kriterien sind je nach Anwendungsfall natürlich auch noch viele andere Ausschlusskriterien denkbar, z.B. die verwendete Basistechnologie wie PHP, Java oder .NET.

Fazit

Bei der Auswahl einer Lernplattform gilt höchste Vorsicht vor Schnellschüssen: Auch wenn die Warenwirtschaft, das HR-System oder CRM von einer bestimmten Firma ist (z.B. SAP, Oracle/Peoplesoft, Salesforce und Co.), muss es nicht unbedingt automatisch die beste Wahl sein, die Lernplattform derselben Firma zu verwenden. Und nur, weil ein System besonders bekannt oder gehypt wird, muss es nicht zu Ihrem Einsatzzweck passen. Hier lohnt sich ein genauerer Blick auf alle Anforderungen und auf die gesamte organisationsinterne Systemarchitektur, denn die Lernplattform ist meist eine Anschaffung für viele Jahre. 



Der Autor

Tobias Hauser ist Autor, Trainer und Berater mit Schwerpunkt E-Learning-Technologie. Als Autor schreibt er seit über fünfzehn Jahren zu wichtigen Webtechnologien. Seit Anfang der 2000er spricht er auf Konferenzen und berät Unternehmen und Organisationen bei der Einführung von Lernsystemen und -plattformen.