#7/ 2020
11/12

YouTube als Podcast-Plattform?

Wer an YouTube denkt, denkt entweder direkt an Bewegtbild oder an „die zweitgrößte Suchmaschine der Welt". Tatsächlich publizieren inzwischen viele Anbieter ihre Podcasts auch auf YouTube und „laut einer aktuellen Umfrage von Today’s Podcast Listener in Kanada, suchen 43 Prozent der Hörer ihren Podcast über YouTube. Das sind fast doppelt so viele wie die, die über Spotify suchen" (dmexco-Blog). Höchste Zeit also für einige Fragen zum Hintergrund dieser Entwicklung an Simon Kaiser, Geschäftsführer und Gründer von Klein aber und YouTube-Experte.

Beim Thema Podcast-Distribution fallen einem viele Plattformen wie Spotify, Soundcloud etc. ein. Kaum aber YouTube. Warum? 

YouTube ist der Hidden Champion unter den Podcast-Plattformen. Gegenüber den nativen Plattformen hat YouTube einige große Vorteile, sowohl für Konsumenten als auch Medienschaffende. Der YouTube Algorithmus schlägt Inhalte passend zum eigenen Nutzungsverhalten vor. Eine Funktion, die bei Apple Podcast oder Soundcloud zum Beispiel fehlt. Neue Inhalte zu finden ist für Podcast-Hörer also oft gar nicht so einfach. Gerade wenn man nicht nur die Top-50 in Deutschland, sondern Nischeninteressen verfolgen möchte.

Podcasts erfüllen von Haus aus einige der YouTube Erfolgskriterien. Watchtime – also die Zeit, die ein Nutzer auf der Plattform verbringt – ist der Schlüssel für erfolgreichen YouTube-Content. Je länger Zuschauer einen Beitrag ansehen/-hören, desto häufiger wird er anderen Nutzern mit ähnlichem Nutzungsverhalten vorgeschlagen.

Für uns als Creator (Medienschaffende) gibt es einen weiteren großen Vorteil, und das sind die hervorragenden Analytics, die YouTube uns zur Verfügung stellt. Kaum eine andere Plattform bietet so genaue Insights in das Verhalten der Nutzer und ihre Interaktion mit dem Content. In diesem Bereich legen Spotify und Apple gerade nach, hängen allerdings noch ziemlich hinterher. Wer digital Geschichten erzählen will, egal ob als Video oder Podcast, der ist auf solide Daten angewiesen, um die eigenen Inhalte kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Was ist bei der Nutzung von Youtube als Distributions- und Reichweitenkanal zu beachten? 

Als größtes soziales Netzwerk in Deutschland hat YouTube nicht nur eine deutlich größere Reichweite als die anderen Podcast Plattformen, sondern lebt auch von der Interaktion mit der Zielgruppe. Diese ist entscheidend für den erfolgreichen Reichweitenaufbau.

Auch das Skalieren von Reichweite ist mit YouTubes Ad-Formaten einfacher. Erste Analysen haben uns gezeigt, dass es deutlich einfacher ist, regelmäßige Zuschauer und Zuhörer über YouTube zu gewinnen.

Nutzer auf der Video-Plattform YouTube verhalten sich natürlich anders als auf Audio-Only Services. Daher ist es sinnvoll, die Bild-Ebene direkt mitzudenken. Dies kann ein Mitschnitt aus dem Studio oder einfach nur die Webcam sein. Auch hier ordnet sich die technische Qualität dem inhaltlichen Storytelling unter.

Welche Beispiele für reichweitenstarke Podcasts auf YouTube würden Sie nennen?

International sind u. a „Joe Rogan’s Joe Rogan Experience"  und Hila und Ethan Klein’s H3 Podcast zu nennen.  Weitere Beispiele sind Logan Paul  und Corridor DigitalIn Deutschland zeigen überraschenderweise gerade die Öffentlich-Rechtlichen, wie man Podcasts auch auf YouTube veröffentlichen kann, darunter der Tagesschau Zukunfts-Podcast „Mal angenommen”  und der NDR Corona-Podcast mit dem Virologen Christian Drosten.  Ebenfalls sehens-/hörenswert sind Jay & Arya  und der „5 Minuten Harry Podcast". 

Werden wir in Zukunft Youtube als primären Podcast-Kanal nutzen? Wie ist hier Ihre Einschätzung?

In vielen Bereichen des Internet haben sich Monopole durchgesetzt. Ob dies auch im Podcasting-Segment so sein wird, bleibt abzuwarten. Ich denke, dass die wenigsten Nutzer sich aktiv Gedanken darüber machen, wie sie Plattformen und Medien nutzen.

Lange bevor sich andere Musik-Streamingdienste durchsetzten, war YouTube schon für viele Nutzer der Musikplayer. Musikvideos haben nicht deswegen so viele Aufrufe, weil Menschen sich immer wieder dasselbe Video ansehen, sondern weil es in ihrer Musik-Playlist liegt und nebenbei mitläuft.

Auch wenn gerade jeder einen eigenen Podcast startet, steht das Medium in der Masse noch am Anfang. Welche Plattform sich hier langfristig positionieren kann, bleibt abzuwarten. Aber schon jetzt sieht es danach aus, dass die größten Podcast-Plattformen eigentlich für andere Medien-Formate bekannt sind (Spotify für Musik, Audible für Hörbücher, YouTube für Videos). Ob Apple Podcast sich langfristig halten kann, wird stark davon abhängen, ob sie einen Algorithmus einsetzen, der Nutzern das Entdecken leichter macht. 

 

Simon Kaiser, Geschäftsführer und Gründer von Klein aber, Deutschlands Nr. 1 YouTube-Agentur und Vollzeit-YouTuber für Markenkanäle. Er berät Unternehmen zu ihren Videostrategien und dabei, wie man seinen YouTube-Kanal erfolgreich aufsetzt, bespielt und vermarktet. Man sagt, er hätte mehr Begeisterung für YouTube als ein Pausenhof voller Achtklässler … https://kleinaber.de/