#7 / 2018
12/13

Social translating – von einsam zu gemeinsam

Ralph Möllers über Erfahrungen mit „lectory“

Yang Meng-Ru, Übersetzerin aus Taiwan, war sofort überzeugt: „Übersetzen war bislang immer eine sehr einsame Tätigkeit. Dieses Projekt eröffnet mir plötzlich eine ganz andere Dimension des Übersetzens.“ Beim Kickoff-Meeting im Goethe-Institut in Seoul trafen sich im November 2017 zehn Übersetzer aus zehn asiatischen Ländern, um das erste „Social Translating Projekt“ zu starten. Mit Fördermitteln, die der Pharma- und Chemie-Konzern Merck bereitgestellt hat, soll im Rahmen dieses Projektes der Roman „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle gleichzeitig in Chinesisch (beide Schriftsysteme), Marathi, Bengali, Monogolisch, Singhalesisch (Sri Lanka), Vietnamesisch, Thai, Japanisch und Koreanisch übersetzt werden. Das Neue an diesem Projekt: Autor und alle Übersetzer tauschen sich auf der Plattform lectory.io online und gewissermaßen in Echtzeit während der Übersetzungsarbeit „im Buch“ über Fragen, kulturelle Besonderheiten, Probleme und Hintergründe miteinander aus.

„Bisher haben wir meist mit annotierten PDFs gearbeitet, die wir dann zwischen Lektorat und Autor hin und her geschickt haben. Jetzt sind wir gemeinsam in so einer Art Chat, und alle Beiträge sind für mich jederzeit einsehbar und perfekt im Text positioniert und können sogar multimedial sein.“ So beschreibt Sabine Müller, die Übersetzungskoordinatorin, diese neue Arbeitsform.

Social Reading, also das gemeinsame Lesen und Kommentieren im Netz, funktioniert immer dann gut, wenn eine Gruppe an einem gesetzten Text arbeitet. Die Kommunikationsform Post, Kommentar, Antwort mit Links, Video- oder Audio-Clips ist gelernt. Die direkte Verortung einer Diskussion an einer Textstelle macht den Prozess besonders effektiv.

Die Übersetzer und vor allem auch der Autor sind jedenfalls begeistert. Interessanterweise geht es häufig weniger um konkrete Vokabeln, die Übersetzer sind allesamt hochkarätige Literaturübersetzer in ihrer Sprache. Die Diskussionen drehen sich oft um interkulturelle Fragen zwischen Europa und Asien, Fragen, die unabhängig von der Sprache für alle Übersetzer sehr ähnlich sind. Beispielsweise das Tabu, mit dem das Thema Psychische Erkrankungen meist belegt ist und das das Reden darüber oft erschwert.

Für den Verlag erweist sich Social Translating in zweifacher Hinsicht als wertvoll. Die Qualität der Übersetzung wird durch eine derartig direkte und vielschichtige Zusammenarbeit zwischen Autor, Übersetzern und Lektorat natürlich deutlich gefördert. Alle Anmerkungen sind an einem Ort, direkt auf den Text bezogen und gegebenenfalls sogar multimedial. Und darin liegt auch der zweite Vorteil: Es entsteht in der Kommentarspalte quasi automatisch eine Materialsammlung mit Erläuterungen des Autors und interessanten Links.


Ralph Möllers ist erfahrener Verleger und notorischer Erfinder digitaler Services, darunter book2look (Tool für digitales Buchmarketing) und Lectory (kollaboratives Lesen).