#7 / 2018
11/13

Sag „Du“ zum Chef

Veranstaltungen und Austausch neu denken mit Barcamps


Barcamp-„Regeln“

Die ursprünglichen „Rules of Barcamp“ sind an die bekannten Regeln aus dem Film „Fight Club“ angelehnt und geben zwar einige Hinweise auf erwünschtes Verhalten – dies aber durchaus augenzwinkernd:

  • 1st Rule: You do talk about Barcamp.
  • 2nd Rule: You do blog about Barcamp.
  • 3rd Rule: If you want to present, you must write your topic and name in a presentation slot.
  • 4th Rule: Only three word intros.
  • 5th Rule: As many presentations at a time as facilities allow for.
  • 6th Rule: No pre-scheduled presentations, no tourists.
  • 7th Rule: Presentations will go on as long as they have to or until they run into another presentation slot.
  • 8th Rule: If this is your first time at BarCamp, you HAVE to present.

Anders als im Angloamerikanischen ist es in Deutschland üblich und eigentlich nötig, sich auf Barcamps zu duzen. Jeder und jede. Das dient sinnvollerweise dazu, organisatorische oder hierarchische Grenzen einzuebnen, sich auf Augenhöhe zu begegnen, ist aber teilweise eine echte Herausforderung für die Teilnehmer. Was mitunter zu skurrilen Szenen führt – insofern ist es gut, vorab zu klären, ob man den Chef am nächsten Arbeitstag weiter duzt oder doch besser siezt.

Frontal funktioniert nicht mehr. Im Rahmen einer digitalisierten Informationsgesellschaft ist es wichtig, sich über Grenzen und Silos hinweg auszutauschen – unternehmensintern über Organisationseinheiten hinweg oder mit anderen Organisationen. Aber auch über Alters- und Hierarchiestufen im Zeitalter hochgradiger Spezialisierung hinweg. Einer (oder Eine) redet, alle anderen hören zu, wie es früher etwa auf Veranstaltungen Usus und heute noch an Schulen üblich ist funktioniert nicht mehr wirklich. Offene Formate für offenen Austausch müssen her – eines davon sind die sogenannten Barcamps (gerne auch Un-Konferenzen genannt).

Am Anfang war das FooCamp

Wie vieles im Digitalen unterliegt auch der Ursprung der Barcamps einer gewissen Legendenbildung. „Der Name ist eine Anspielung auf eine von Tim O’Reilly initiierte Veranstaltungsreihe namens FooCamp, bei der ausgewählte Personen (Friends of O'Reilly) sich zum Austausch und zur Übernachtung (Camping) trafen. Während man zur Teilnahme am FooCamp eine Einladung von O'Reilly benötigt, kann an Barcamps ohne Einladung teilgenommen werden. „Mit Foo und Bar werden in der Informatik Platzhalter bezeichnet.“ (Wikipedia). Nerd-Humor eben. Prinzipiell sind solche Formate nichts Neues, aber durch die aufkommende digitale Vernetzung bekamen diese eine andere Reichweite, einen „Markennamen“ und auch Regeln (siehe Kasten Barcamp-„Regeln“).

Und wie läuft ein Barcamp eigentlich ab?

„Barcamps, auch ‚Unkonferenz‘ genannt, unterscheiden sich deutlich von klassischen Konferenzen. Während herkömmlich Referenten gebucht werden, gibt es auf Barcamps nur Teilnehmer. Diese stellen am Morgen des Veranstaltungstags spontan ein gemeinsames Programm auf, wobei alle Anwesenden eingebunden werden. In dieser sogenannten Sessionplanung werden Vorträge angekündigt, Diskussionen vereinbart und Workshops angeboten. So entwickelt sich ein vielseitiges Programm, das ganz den Wünschen der Teilnehmer entspricht." Soweit Jan Theofel, der seit 2008 das Format „Barcamp“ in Deutschland vorantreibt und prägt. 

Inzwischen hat sich oft ein eher „gelenktes“ Format etabliert. Neben einer globalen Themensetzung (beim in der Medienbranche bekannten „eBookCamp“ alles rund um diese digitale Produktform) werden vorab „Call for Papers“ veranstaltet, also Teilnehmer dazu aufgerufen, im Vorfeld Themen-Slots vorzuschlagen und zu formulieren. Das gibt Veranstaltern und Teilnehmern eine gewisse Sicherheit und Vorschau darüber, was am Tag des BarCamps inhaltlich passiert, und verkürzt die Sessionplanung zu Veranstaltungsbeginn enorm. Barcamp-Puristen ist dies – wenig verwunderlich – natürlich ein Dorn im Auge.

Für Besserwisser: Open Space, Unkonferenz oder Barcamp?

Das Einfachste vorneweg: Barcamp und „Unkonferenz“ sind identisch, letzterer Begriff dient eher der semantischen Abgrenzung zu klassischen Konferenzformaten. Danach wird es kompliziert, da Open-Space-Veranstaltungen und Barcamps große Überschneidungen haben, etwa beim Thema „Informell“ oder „Austausch auf Augenhöhe“. Die Open-Space-Methode, Mitte der Achtzigerjahre von Harrison Owen entwickelt, ist inhaltlich weniger IT-getrieben als die ersten Barcamps und dient der Lösung konkreter Problemstellungen – insofern gibt es hier weniger zeitlich kurze Slots wie bei Barcamps: Man bleibt so lange zusammen, bis man eine Problemlösung hat, und das kann dann auch über mehrere Tage gehen. Gleichzeitig gilt bei der Open-Space-Methode eine gewisse Dokumentationspflicht, bei Barcamps ist zu Veranstaltungsschluss meist nur eine kurze, verbale Berichtssession üblich.

Barcamps in der Medienbranche

Barcamps waren hierzulande zunächst stark von IT-Themen geprägt, bald aber erweiterten sich diese, z. B. in Form der sogenannten „stARTcamps“, die sich Kunst, Kultur und Social Media widmeten (siehe hierzu „Barcamp: Der Mensch macht’s“ von Wibke Ladwig). Der Börsenverein organisierte in den Jahren 2010 bis 2013 das sogenannte „BuchCamp“ („das erste und größte BarCamp der Buchbranche“), das durchaus Initialcharakter für viele ähnliche Formate hatte, etwa die monothematischen „eBookCamps“, die zunächst in Hamburg von einer Gruppe engagierter Verlagskollegen und -kolleginnen durchgeführt wurden und bald auch in München einen Ableger erhielten.

Daneben haben sich viele weitere Formate etabliert, etwa zu den Themen „Kinder, Jugend und Medien“ oder eher aus dem Zeitschriftenbereich wie das „Digital Media Camp“ des Media Lab Bayern, das dieses Jahr im Februar im Gebäude der Süddeutschen stattfand.

Organisationsinterne Barcamps

Informations-Silos gibt es in Unternehmen zuhauf, da liegt es nahe, auch innerhalb eines Unternehmens mit solchen Formaten zu experimentieren (siehe dazu "Sieben Gründe für ein internes BarCamp" von Stefan Evertz). Der Vorteil ist, dass durch den Rahmen einer Organisation und deren Unternehmensziele meist eine klarere Fokussierung, möglicherweise auch eine pragmatischere Umsetzung der im Barcamp erarbeiteten Themen stattfinden kann. Der Nachteil ist eine stärkere persönliche Nähe: Während man sich auf großen Barcamps neutral austauscht und dann mitunter auch längere Zeit aus dem Weg gehen kann, mag es auf firmeninternen Barcamps auch Situationen geben, in denen sich angestaute Animositäten Bahn brechen können – und viel Fingerspitzengefühl seitens der Moderatoren erforderlich wird. 

Gerade bei firmeninternen BarCamps muss auch auf eine gewisse Nachhaltigkeit geachtet werden. Gerne erzeugen solche Veranstaltungen eine gewisse Aufbruchstimmung – die genutzt werden, aber auch schnell verpuffen kann, wenn etwa neue Ideen und Projekte in operativen Mühlsteinen zerrieben werden.

Spagat zwischen Kommerz und Austausch

Eigentlich sind Barcamps der Albtraum jedes kommerziellen Veranstalters. Im Prinzip kann man nur ein Thema als „Dach“ setzen, die eigentlichen Inhalte bestimmen die Teilnehmer. Von deren Aktivität wiederum hängt Attraktivität und Menge der einzelnen Sessions ab. Und da eine andere Eigenheit von Barcamps der offene, informelle Austausch ist, finden auch Unternehmen, die es gewohnt sind, sich Veranstaltungsteile zu kaufen und sich dort unbehelligt zu präsentieren, schwer Platz. Auch die traditionell niedrigen Ticketpreise, die meist nur dazu dienen, die „No Show-Rate“ (also den Anteil derer, die dann trotz Interessensbekundung doch nicht erscheinen) zu reduzieren, machen keinen Veranstalter glücklich. Ganz nebenbei wird durch eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung auch das klassische Geschäftsmodell vieler kommerzieller Veranstalter angeknabbert.

Andererseits registrieren auch Veranstalter vermehrt die Unlust potenzieller Teilnehmer, in Frontalvorträgen vor sich hinzudämmern (oder nebenher auf Facebook herumzudaddeln) – der Wunsch nach informeller Teilhabe wächst. Schon seit Jahren bieten viele Veranstalter sogenannte „Round tables“ an, die zumindest im Kleinen etwas Barcamp- und Workshop-Charakter haben. Aber die Entwicklung schreitet weiter voran: Der im Mai in Berlin stattfindende „Kongress der deutschen Fachpresse“ wird zumindest einen Teil seiner Veranstaltung einem Barcamp-ähnlichen Format einräumen (siehe dazu der Beitrag von Bernd Adam), im November wird in Berlin ein „Publishing Camp“ stattfinden. Mehr informeller fachlicher Austausch auf Augenhöhe schadet jedenfalls der Medienbranche angesichts der vielfältigen Herausforderungen mit Sicherheit nicht, so viel dürfte klar sein.

Lust auf mehr Barcamps?

Eine Übersicht vieler in Deutschland stattfindenden Barcamps findet sich hier: http://www.barcamp-liste.de/ Man ist immer wieder überrascht, welche Themen dort im Mittelpunkt stehen – natürlich beschäftigen sich die meisten schon historisch bedingt mit digitalen Themen, es finden sich aber auch GrillCamps oder Barcamps zu Naturkosmetik oder „Fürsorge, Politik und Vernetzung“.



Barcamp: Der Mensch macht‘s 

von Wibke Ladwig

Das Beste an vielen Konferenzen sind oft die Kaffeepausen, in denen man sich mit anderen über Erfahrungen und Projekte austauscht. Wie wäre es also mit einer Veranstaltung, auf der es nicht nur genügend Kaffee gibt, sondern auch ausreichend Raum für ebenjene Gespräche?

Die Idee eines Barcamps ist der offene Austausch von Wissen und Erfahrungen, hierarchieübergreifend und getragen von gegenseitigem Interesse. Es gibt keine vorgegebene Agenda, sondern die Inhalte eines Barcamps entstehen am Tag selbst, und zwar durch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Es gilt: Es gibt keine Touristen. Jeder ist beim Barcamp dazu aufgerufen, sich aktiv zu beteiligen, ob mit einer Session, ob mit Fragen und Diskussionsbeiträgen, ob als helfende Hand oder indem man über digitale Kanäle das Barcamp dokumentiert und damit Inhalte und Erkenntnisse mit anderen teilt – auch mit denen, die nicht vor Ort sind. 

„Ein Barcamp ist das, was man selbst daraus macht.“ Zum Gelingen eines Barcamps trägt jeder Teilnehmer, jede Teilnehmerin bei – auch wenn man bei der Organisation Faktoren wie geeignete Räumlichkeiten, gute Luft, nutzbares WLAN, ausreichend Steckdosen (Mehrfachstecker!) und alles fürs leibliche Wohl berücksichtigen sollte. Das entspannte Miteinander zählt, weshalb sich Barcamps atmosphärisch deutlich von den formellen Konferenzen abheben. 

Ein Barcamp ist nicht wie das andere: Es gibt themenoffene Barcamps und Barcamps mit Fokus auf ein bestimmtes Thema oder eine Branche. Es gibt interne Barcamps für einen geschlossenen Teilnehmerkreis und Barcamps, die allen Interessierten offenstehen. Und es gibt Veranstaltungen, die Formate wie Barcamp, Zukunftskonferenz oder World Café miteinander vermischen. 

Ein themenoffenes Barcamp wie zum Beispiel das Barcamp Köln vermag Menschen einer Stadt oder einer Region zusammenzubringen. Hier finden auch Nischenthemen Platz, etwa Fragen des Miteinanders, zu Leben und Tod, Ernährung, Familie, Arbeiten, Technologien, Sessions mit Mediationsübungen oder Yoga – alles, was Menschen in ihrem Alltag bewegt, ist möglich. Ein themenspezifisches Barcamp hingegen bietet Menschen, die in einem bestimmten Themenfeld arbeiten oder sich dafür interessieren, die Möglichkeit zur Vernetzung, zum Austausch über Projekte, Fragen und Lösungen  oder dem Einstieg in neue oder andere Facetten dieses Themenfelds. 

So veranstaltete ich mit zwei Kolleginnen von 2011 bis 2013 ein Barcamp zu Kunst, Kultur und Social Media, das stARTcamp Köln, an dem sich Kulturschaffende, Blogger und Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus Kultur- und Bildungsinstitutionen (Museen, Theater, Bibliotheken, Buchhandlungen, Verlage,  vhs usw.) beteiligten. Aus diesen Barcamps erwuchsen über die Veranstaltung hinaus starke Netzwerke und gemeinsame Projekte. Ähnliches lässt sich auch beim Bildungscamp der Stadt Köln feststellen, das ich seit 2013 zusammen mit einem Kollegen moderiere.  

In der Regel stehen Barcamps allen Interessierten offen. Interne Barcamps hingegen richten sich an einen geschlossenen Teilnehmerkreis. Es gibt sie in Unternehmen, Verbänden oder Bildungseinrichtungen. Diese Barcamps eröffnen (Frei-)Räume für abteilungs- und hierarchieübergreifende Begegnungen außerhalb des Alltags und innerhalb eines vertrauensvollen Rahmens. Hier können Communities entstehen oder gefestigt werden, echte und resiliente Gemeinschaften, die miteinander die Herausforderungen des digitalen und demographischen Wandels besser meistern. 

Ein Beispiel: Das Lernortcamp der Fachstelle für öffentliche Bibliotheken NRW ist ein internes Barcamp für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an einem Coachingprogramm, an dem sich aktuell acht Bibliotheken aus Nordrhein-Westfalen beteiligen und in dem eine digitale Leitidee entwickelt und in den Alltag integriert wird. Dieses Barcamp findet einmal im Jahr statt und ist eine Maßnahme neben Workshops, fachlichem Input, einem mehrmonatigen Online-Selbstlernkurs, regelmäßigen Treffen der Bibliotheksleitungen, Blogbeiträgen und Beratung in Facebook-Gruppen. Das Lernortcamp erfüllt hierbei die Funktion, Vernetzung herbeizuführen, Wissenstransfer nachhaltig zu erleichtern und Teamgeist zu vermitteln – gelebtes Social Media. 

Die Prinzipien eines Barcamps bleiben bei allen Varianten gleich: keine Hierarchien, keine reinen Frontal-Vorträge, keine „Heizdeckenverkaufsveranstaltungen“. Dafür offene Gespräche, lebendige Beteiligung und Raum für Eigenes, Ungewöhnliches und Neues. 

Man muss nicht gleich ein eigenes Barcamp veranstalten: Bevor man dies in Erwägung zieht, sollte man durchaus erstmal einige ganz unterschiedliche Barcamps besuchen und eigene Sessions anbieten. Für Unternehmen bietet sich die Möglichkeit, als Sponsor ein Barcamp zu ermöglichen und vor Ort die Chance zu nutzen, mit persönlicher Präsenz und angenehmem Auftreten sichtbar zu werden.

In grauer Vorzeit gab es übrigens mal ein Buchcamp, veranstaltet vom Börsenverein des deutschen Buchhandels auf dem Mediacampus Frankfurt, bei dem Menschen aus Verlagen, Buchhandlungen und Agenturen, Autoren und Autorinnen, Übersetzer und Übersetzerinnen und andere am Buch Interessierte über ganz unterschiedliche Aspekte des Buchmarkts und der Veränderungen, Möglichkeiten und Grenzen durch die Digitalisierung miteinander sprachen, Ideen entwickelten und Lösungen diskutierten. Schade, dass es das nicht mehr gibt. 

Aber da gibt es das mit viel Liebe und Sorgfalt organisierte Literaturcamp Heidelberg, das sich alljährlich dem Thema Literatur und Zukunft der Literatur widmet. Es richtet sich an alle, die Bücher machen oder lesen oder darüber schreiben. Auch in Bonn findet ein Literaturcamp statt: Am 28. April geht es einen Tag lang ums Schreiben und Publizieren.  


Wibke Ladwig begleitet als Social Web Ranger Menschen in den digitalen Raum und passt auf, dass sie nicht von Bären gefressen werden.



Neues Format: Ein kongressinternes Barcamp bei der Deutschen Fachpresse

von Bernd Adam

Wir bieten beim Kongress der Deutschen Fachpresse am 16. und 17. Mai in Berlin erstmals ein kongressinternes Barcamp mit eigener Moderation an. Den Fachmedienmachern vor Ort geben wir damit die Möglichkeit, als Besucher das Kongressprogramm aktiv und durchaus auch spontan selbst zu gestalten. Wir versprechen uns davon neue, inspirierende Themen sowie eine intensive Interaktion der Teilnehmer. Barcamps sind ein sehr kommunikatives Format, bei dem klassische Hierarchien bewusst nicht gelten und neue Ideen mit Spaß generiert werden. Von unseren beliebten Round-Table-Sessions wissen wir, dass Kongressbesucher es schätzen, wenn sie von Vorträgen bis zu Gesprächskreisen zwischen verschiedenen Formaten wählen können.