#6/ 2021
9/17

Web or nothing!

Warum ein PDF kein digitales Magazin sein kann

Der Usability-Experte Jakob Nielsen nennt PDF-Dateien im Internet „ungeeignet für den menschlichen Konsum“. Mit seinen sieben Gründen und einer zwanzig Jahre dauernden Kritik spricht er mir aus der Seele. Um die Usability von Magazinen im Internet zu gewährleisten, braucht es webbasierte Lösungen.

Wir sind im alten Jahrtausend – das Smartphone ist noch nicht erfunden, zum Browsen im Internet nutzen wir Netscape, das PDF-Format ist drei Jahre alt – da schreibt Jakob Nielsen, einer der einflussreichsten Web-Designer der Welt, einen  Appell gegen das PDF: „Nutzer sollten nicht die schmerzhafte Erfahrung machen müssen, eine längere Zeitspanne mit Online-PostScript zu verbringen.“

Sein Appell richtet sich nicht gegen das PDF als Solches – aber gegen das Lesen von PDFs direkt am Bildschirm. Für lange Texte empfiehlt er stattdessen zwei Strategien:

  • Eine weboptimierte Darstellung für alle Leser, die schnell etwas suchen und finden wollen. Also Hypertext, HTML.

  • Eine für den Druck optimierte Darstellung (PostScript beziehungsweise dessen Weiterentwicklung, das PDF) für alle Leser, die schnell und vor allem viel lesen wollen. Zugleich betont Nielsen mit Blick auf die Druckversionen: „Es ist äußerst wichtig, solche Dateien als reine Druckdateien zu kennzeichnen.“

Seit jenem Beitrag im Jahr 1996 hat Jakob Nielsen seine Kritik dreimal erneuert, zuletzt  im August 2020. Die Argumente haben sich etwas verschoben, aber Nielsen bleibt bei seiner Grundaussage – und präzisiert sie: „Nutzen Sie keine PDFs, um digitalen Content zu präsentieren, der eigentlich eine Website sein könnte und sein sollte.“ Weiter: „Untersuchungen aus zwanzig Jahren belegen, dass PDFs für den Online-Konsum problematisch sind. Sie sind schwer zu lesen und umständlich zu navigieren und eignen sich nach wie vor nicht, digitale Inhalte anzuzeigen.“

Blogs sind keine Magazine!

Diese Beobachtung müsste jeder teilen, der Magazine liebt oder sie gar beruflich erstellt. Auch ich vermisste eine adäquate Lösung: Die Pflicht zum Download aus einem App-Store stellte mich für die Kunden meiner Content-Marketing-Agentur publish! ebenso wenig zufrieden wie Online-Magazine, die sich beim zweiten Blick als Blogs ohne den roten Faden eines Magazins entpuppen. Das Resultat: Blätter-PDFs haben bis heute überlebt, „und die Benutzer verlieren sich weiterhin in ihnen“, wie Nielsen sagt.

Sieben Argumente gegen das PDF und weshalb webbasierte Magazine die Lösung sind 

In seine aktuellen Blogbeitrag geht Jakob Nielsen in sieben Punkten detailliert darauf ein, was er an PDFs auszusetzen hat. Er trifft damit voll ins Schwarze. Meine Antwort auf all seine Kritikpunkte: Webbasierte Magazine sind die Lösung, um PDF-basierte Magazine aus dem Internet verschwinden zu lassen.

  • Die Inhalte von PDFs sind für den Druck und nicht fürs Web optimiert. Magazinjournalisten schreiben also für ein Print-Produkt anstatt für ein Online-Magazin – mit der Folge, dass Leser am Bildschirm mit Textmassen zu kämpfen haben und sich schwer orientieren können. Echte digitale Magazine müssen fürs Web optimiert sein – auch wenn ein gedrucktes Magazin als Vorlage dient. Dann sind redaktionelle Überarbeitungen und digitale Ergänzungen wie Videos, Audio und Galerien notwendig.

  • PDFs sehen völlig anders aus als typische Websites und führen Leser aus einem vertrauten Designumfeld heraus. Die Navigation funktioniert nur per Tastenkürzel – sofern die Nutzer diese Kürzel kennen. Die logische Folge: Um diesen Medienbruch zu vermeiden, müssen digitale Magazine selbst eine Website sein.

  • Der Download eines PDFs verursacht im Vergleich zu einer Website lange Wartezeiten und verbraucht mobil in der Regel deutlich mehr Datenvolumen. Wenn digitale Magazine eine Website sind, verhalten sie sich auch bei den Ladezeiten und Datenmengen wie eine Website: Sie bauen sich schnell auf und verbrauchen wenig Datenvolumen.

  • Ein PDF bietet keinerlei Orientierung durch Struktur und Formatierung digitaler Inhalte, zum Beispiel Ankerpunkte, Aufzählungen oder Akkordeons. Wie lange es dauert, einen Text zu lesen, bleibt beim PDF völlig unklar – im Gegensatz zu einer Website, in der die Scroll-Tiefe als Orientierung dient. Echte digitale Magazine nutzen alle Möglichkeiten des modernen UX-Designs. Sie sind web-optimiert geschrieben und gestaltet.

  • PDFs verwirren, weil sie keine Standard-Navigation wie eine Website haben. Häufig öffnen sie sich in einem neuen Fenster, in denen dann der Zurück-Button des Browsers fehlt. Auf Mobiltelefonen verschärft sich dieses Problem laut Jakob Nielsen, weil die Rückkehr zum vorherigen Bildschirm am Smartphone noch umständlicher ist. Auch dieses Problem entsteht nicht, wenn sich das digitale Magazin innerhalb eines Browsers öffnet.

  • Es dauert lange, durch ein PDF zu scrollen, um bei einem gewünschten Artikel anzukommen. Ein interaktives Inhaltsverzeichnis anzulegen, löst das Problem kaum: Wer sich verklickt oder nicht die gewünschte Info findet oder einen weiteren Artikel sucht, muss umständlich zurückblättern. Gute digitale Magazine nutzen eine vertraute Inhaltsübersicht, zum Beispiel in Form eines Burgermenüs oder einer eingeblendeten Navigation.

  • Wie die Inhalte (siehe Punkt 1) sind auch PDF-Layouts häufig für den Druck optimiert. Weder die Schrift- noch die Seitengröße passt sich an Smartphone-, Tablet- oder Computerbildschirme an. Leser müssen vor allem am Smartphone mühsam zoomen und klicken vergeblich auf nicht klickbare Schaltflächen. Das Problem entfällt bei jeder responsiven Website. Erneut stellt sich also heraus, dass sich digitale Magazine, die auf Webtechnologie basieren, als ideale Lösung herausstellen.

Mit dem letzten Argument reagiert Jakob Nielsen offensichtlich auf Kritik, der er sich 2012 ausgesetzt sah: Damals behauptete er noch, dass Websites für Desktop-Computer und für mobile Geräte getrennt voneinander gestaltet werden müssten. Er berücksichtigte dabei nicht das aufkommende responsive Webdesign. 

Fazit

Das PDF ist für die Darstellung im Web nicht nur veraltet, sondern schon immer eine schlechte Lösung gewesen. Um den Bann zu brechen, braucht es Alternativen mit guter User Experience – bestenfalls entwickelt mit Design- und Content-Kompetenz.


Der Autor

Thorsten Ewert, Jahrgang 1982, ist Gründer, Inhaber und Geschäftsführer der tabmag GmbH für digitale Magazine sowie der publish! Medienkonzepte GmbH für inhaltsgetriebenen Content – beide Hannover.


Wie eine Gewerkschaft ihre Mitglieder über ein digitales Magazin erreicht