#6/ 2020
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Was ist eigentlich Innovation?

Am 1. Juli, 10 bis 12 Uhr, werden die Shortlist-Kandidaten des digital publishing award 2020 im Rahmen einer Digitalkonferenz vorgestellt. Melden Sie sich kostenlos an und erfahren mehr über aktuelle innovative Projekte der Medien- und Verlagsbranche. Sie erhalten die Zugangsdaten rechtzeitig in den Tagen vor der Konferenz per Mail.


Vorab hat die Jury des Preises 2020 ihr Verständnis von Innovation skizziert.

Olaf Deininger, Journalist

Welche digitale Innovation hat dich persönlich in den letzten 12 Monaten am meisten beeindruckt?

Die Integration von Daten und redaktionellen Formaten finde ich ich immer wieder beeindruckend. Hier entstehen viele neue und bislang unbekannte Möglichkeiten für Informationsvermittlung, für Berichterstattung, für Nutzwerte und neue redaktionelle Formate und Services. Ich finde es außerdem einerseits faszinierend wie Anwendungen, die auf Machine-Learning und Künstliche Intelligenz aufsetzen, bereits in vielen unserer Lebensbereiche zum Einsatz kommen - auch verstärkt in den Medien. Andererseits ist das ein Bereich, über den wir dringend auf politischer Ebene sprechen müssen - und dafür auch das Wissen und die Begriffe brauchen - , um zu klären, inwieweit er reguliert werden muss.

Wie schätzt Du den Innovationsgrad der Medienbranche ein?

Um ehrlich zu sein: viel Licht und viel Schatten.

Was treibt die Innovation in der Medienbranche maßgeblich voran?

Es gibt im Augenblick viele Treiber: Verändertes Nutzungsverhalten, die Krise einiger Geschäftsmodelle, Umsatzentwicklungen, neue Wettbewerber, neue technologische Entwicklungen und Möglichkeiten. Es gibt manche, die sind innovativ, weil sie wollen. Und andere, weil sie müssen. 

Was ist für dich persönlich eigentlich „innovativ“?

Den Status Quo hinterfragen, nach Verbesserungen suchen, Probleme oder Missstände nicht akzeptieren, neugierig bleiben, Neuem eine Chance zu geben, nicht zu früh urteilen und aufgeben. Und ganz wichtig: Nicht auf die eigenen Vorurteile hereinfallen.


Marco Olavarria, Orgazign Berlin Consulting

Welche digitale Innovation hat dich persönlich in den letzten 12 Monaten am meisten beeindruckt?

Die in kürzester Zeit erfolgten Umstellungen auf verteilte Arbeit und der massive Schub bei der Verwendung digitaler Tools. Dies war wohl der stärkste singuläre Treiber für Digitalisierung, den wir in unseren Zeiten erleben werden. Denn in wenigen Wochen haben so viel mehr Menschen verstanden, was mit digitalen Werkzeugen möglich ist, wie sie uns helfen können und wo ihre Anwendungsmöglichkeiten liegen.

Wie schätzt Du den Innovationsgrad der Medienbranche ein?

Letztes Jahr habe ich gesagt: „Steigend, aber noch nicht ausreichend.“ Jetzt sage ich: Bei weitem nicht ausreichend. Denn die Krise ist eine einzige Aufforderung, die sich neu bietenden Chancen zu erkunden und zu nutzen. Wann wurden zuletzt so viele Ansatzpunkte für digitale Innovation erkennbar?

Was treibt die Innovation in der Medienbranche maßgeblich voran? 

In der nahen Zukunft werden dies zwei Faktoren sein: Zum einen die Disruption des Nutzungsverhaltens durch die Krisensituation und das Social Distancing. Hier sehe ich viele „Windows of Opportunity“. Und zweitens die Not – sie macht bekanntermaßen erfinderisch. In diesem Fall die Not, dass Events nicht stattfinden können und Umsätze aus weiteren Gründen gen Süden wanderten. Wer jetzt in den Wiederaufbau des Gewesenen investiert macht aus meiner Sicht einen großen Fehler. Die Energie muss in den Aufbau des Neuen fließen.

Was ist für dich persönlich „innovativ“?

Geschäftliche Not und Schmerz als Herausforderung zur Neuerfindung zu betrachten.


Michaela Philipzen, Ullstein Buchverlage

Welche digitale Innovation hat dich persönlich in den letzten 12 Monaten am meisten beeindruckt?

Mich hat im vergangenen Jahr vor allem beeindruckt, dass die Idee einer schon nicht mehr ganz neuen „digitalen Innovation“, nämlich das Zusammenspiel von gereiften SaaS-Technologien, ausgeprägter Remote-Work-Expertise und der krisenbedingte Need dazu geführt haben, dass sich praktisch jede*r digital-mobil verortet hat. Nie wäre ich darauf gekommen, dass kollaborierte Arbeitstools der Schlüssel zur Transformation sein könnten – heute bin ich fest überzeugt: sie sind es! Die spannende Innovationen, die auf dieser digitalen Entwicklung einer breiten Masse aufbauen können, kommen also noch!

Wie schätzt Du den Innovationsgrad der Medienbranche ein?

Da ist noch Potenzial. Sehr viel Potenzial! Wir sehen hier und da Interessantes, aber dieses bewegt sich häufig auf Produktebene oder ist auf Effizienzgewinn ausgelegt. Der Medienbranche mangelt es meines Erachtens an mutigeren Ansätzen, die vielleicht etwas risikobehaftet sind, jedoch eine wichtige Lernkurve bedeuten, um weiterdenken zu können. Wenige Ideen haben wirklich transformativen Charakter. Das könnten wir noch ausschöpfen.

Was treibt die Innovation in der Medienbranche maßgeblich voran?
Krisen. Mangel. Schmerzen.

Was ist für dich persönlich eigentlich „innovativ“?
In der Tiefe neu Gedachtes. Weit weg von dem, was man gemeinhin erwartet hätte. Der ganze Medienapparat denkt, dass Inhalte nur erscheinen können, wenn Menschhände dafür sorgen, dass Texte gefunden, aggregiert, konvertiert, eine Produktion beauftragt und über klimatechnisch bedenkliche Logistik ihren Weg zum Nutzer finden. So haben wir gelernt funktioniert Wirtschaften. Wir digitalisieren die Wertschöpfung dieses Modells. Weil wir meinen noch heute zu verstehen, wie es geht.
Richtig spannend aber fände ich, wir würden uns damit befassen, wie Autonomes Publizieren geht – und was dann noch übrigbleibt.

Was bedeutet Nachhaltigkeit im Kontext Innovation und Medien für dich?
Wie notwendig die Digitalisierung – sofern man so noch vom gegenwärtigen Ist sprechen darf – für nachhaltige Nachhaltigkeit ist, hat mir unsere Autorin Maja Göpel vermittelt. Ihr absolut sehenswerter Talk bei Netzpolitik vermittelt die Zusammenhänge (
https://netzpolitik.org/2019/maja-goepel-die-energiewende-kann-nicht-funktionieren-ohne-digitalisierung/)
„Nachhaltigkeit im Kontext Innovation und Medien“ bedeutet seither für mich, ohne Innovation keine Nachhaltigkeit – und umgekehrt. Egal ob da die Medien mitkommen, oder nicht.


Fabian Kern, digital publishing competence

Welche digitale Innovation hat dich persönlich in den letzten 12 Monaten am meisten beeindruckt?

Am beeindruckendsten von den vielen Neuerungen der letzten Jahre fand ich das, was Google im Bereich der bildbasierten Suche in Google Lens bzw. Google Assistant realisiert hat. Das Kamera-Bild von Mobil-Geräten als weiteren Weg zur Sucheingabe zu verwenden, rückt die Nutzer-Situation und den Nutzer-Kontext noch mehr in den Fokus als die Innovationen in der sprachbasierten Suche der letzten Jahre. Ich vermute, dass uns hier noch weitere spannende Evolutionsschritte erwarten, wenn dieser Weg der Such-Eingabe noch mit Technologien wie GPS, Augmented Reality und anderen kombiniert wird und neue Möglichkeiten in der Rückmeldung an den Nutzer entstehen.

Wie schätzt Du den Innovationsgrad der Medienbranche ein?

Ich habe berufsbedingt das Glück, mit den innovativeren Unternehmen unserer Branche als Kunden zu tun zu haben – und von daher die Erfahrung, dass es wirklich viele sehr gute Leute in Verlagen und Medienhäusern gibt, die mit hoher Energie Innovationsprojekte vorantreiben und entwickeln. Bedingt durch ihre Tradition und „DNA“ hat die Verlags- und Medienbranche sicher eine gewisse inhärente Trägheit, die manchmal zum Problem wird – vor allem wenn neue Konkurrenten aus Bereichen kommen, die wir so erstmal nicht auf dem Schirm haben. Es steckt sicher in vielen Unternehmen viel innovatives Potenzial. Ich würde mir nur manchmal mehr Mut beim Ausprobieren und Realisieren dieses Potenzials wünschen.

Was treibt die Innovation in der Medienbranche maßgeblich vor
n?

Ich glaube, gerade in diesem Jahr erleben wir durch die Corona-Krise einen unerwarteten Schub von „Digitalisierung durch die Hintertür“ – der sicher für viele Beteiligte durchaus in einer Hinsicht hilfreich ist: Ich erlebe und höre von vielen Branchenteilnehmern, dass Entwicklungen, die lange blockiert waren, jetzt von einem Monat auf den anderen plötzlich doch realisiert werden können. Und wir machen die Erfahrung, dass es gar nicht so problematisch ist, wie man immer dachte. Ich würde mir wünschen, dass diese Erfahrung auch für die nächsten Jahre Früchte trägt.

Was ist für dich persönlich eigentlich „innovativ“?

Innovativ sein heißt für mich, mit wachen Augen durch die Welt zu gehen, Entwicklungen in möglichst vielen Bereichen nicht nur zu beobachten, sondern zu verstehen. Auf dieser Basis Veränderungen zu antizipieren und darauf nicht nur zu reagieren, sondern aktiv eigene Strategien entwickeln. Jeden Tag Neues lernen und immer wieder neu darauf schauen, welcher Weg der beste ist für den nächsten Schritt.


Christian Kohl, Kohl Consulting

Welche digitale Innovation hat dich persönlich in den letzten 12 Monaten am meisten beeindruckt?

Die Intention Capture Technologie von CTRL-Labs.

Wie schätzt Du den Innovationsgrad der Medienbranche ein?

Eher gering, sie wacht langsam auf. An vielen Stellen steht man sich selbst im Weg, weil zu wenig auf Kooperation gesetzt wird.

Was treibt die Innovation in der Medienbranche maßgeblich voran?

Marktdruck von außen, vor allem die Angst vor branchenfremden „Neulingen“, teilweise gesetzliche oder regulatorische Veränderungen. In letzter Zeit zunehmend das Kopieren oder Imitieren von Vorbildern aus anderen Bereichen

Was ist für dich persönlich eigentlich „innovativ“?

Ich habe ehrlich gesagt große Probleme mit dem Begriff, da er m.E. inzwischen so inflationär verwendet wird, dass es häufig nur noch ein Füllwort im „Bullshit Bingo“ ist …. Für mich findet Innovation dann statt, wenn etwas signifikant zum Besseren verändert wird. „Signifikant“ ist natürlich ein unscharfer Begriff hier und sicherlich je nach Kontext unterschiedlich zu definieren.

Was bedeutet Nachhaltigkeit im Kontext Innovation und Medien für dich?

Nachhaltig in diesem Kontext bedeutet für mich, dass ein Produkt oder Service über längere Zeit nützlich sind und genutzt werden können und die idealerweise nicht nur eine Kopie von bereits existierenden Angeboten sind.


Frank Krings, Frankfurter Buchmesse

Welche digitale Innovation hat dich persönlich in den letzten 12 Monaten am meisten beeindruckt?

Mich hat die Dynamik im Bereich Audio beeindruckt: z.B. die neue Discoverability von Audio Books und Podcasts. Dies wurde sowohl dank großer Streaming-Anbieter als auch dank nischigerer Plattformen möglich. Und aus PR / Marketing-Perspektive beeindruckt mich natürlich auch die Reichweite einzelner Podcasts und die neuen Chancen für digitales Marketing.

Wie schätzt Du den Innovationsgrad der Medienbranche ein?

Mein Blick richtet sich eher auf die Buchbranche – oder allgemeiner: die Publishing-Branche. Und da ist der Innovationsgrad sehr divers. Beispiel Corona-Pandemie: Es gibt Kinderbuch-Verlage, die innovative digitale Angebote zur Kundenbindung von Familien im Lockdown präsentierten. Bei anderen Verlagen war bereits die digitale Struktur fürs Home Office eine Herausforderung. Die Buchhändler*innen überzeugten dagegen durch flexible Bestell- und Lieferservices mit hohem persönlichen Einsatz.

Was treibt die Innovation in der Medienbranche maßgeblich voran?

Die neue Mediennutzung durch digitale Inhalte und Endgeräte.

Was ist für dich persönlich eigentlich „innovativ“?

Für mich hat „innovativ“ immer auch eine praktische Dimension: Etwas Neues zu schaffen, was vorhandene Bedürfnisse befriedigt oder Probleme löst.

Was bedeutet Nachhaltigkeit im Kontext Innovation und Medien für dich?

Was physische Medien wie Print-Zeitungen oder Bücher betrifft: Da geht es um umweltschonende Produktionsprozesse und Verpackungen, bzw. um dessen Verzicht. Bei digitalen Medien sehe ich neben Ressourcen-schonender Herstellung auch den Energieverbrauch als kritischen Faktor. Wer schon einmal die TikTok-App installiert hatte, weiß, was ich meine…


Stefano Reccia, Google Deutschland

Welche digitale Innovation hat dich persönlich in den letzten 12 Monaten am meisten beeindruckt?

In den letzten 12 Monaten haben mich insbesondere Innovationen rund um das Thema Audio und Voice beeindruckt.

Wie schätzt Du den Innovationsgrad der Medienbranche ein?

Das hängt sehr stark von der Unternehmensstruktur und -philosophie ab. Einige Unter-nehmen schaffen es, durch flache Hierarchien und schnelle Kommunikationswege innova-tive Ideen zügig umzusetzen. Andere wiederum schaffen es nicht ihre internen Hürden zu überwinden.

Was treibt die Innovation in der Medienbranche maßgeblich voran? (zB Marktdruck von außen, Innovationsfreude der Branchenteilnehmer etc)

Das veränderte Verhalten von Nutzern, welches durch neue Unterhaltungsmedien hervor-gerufen wird.

Was ist für dich persönlich eigentlich „innovativ“?

Innovativ sein bedeutet für mich etwas komplett Neues erschaffen, so neuartig, dass Men-schen selbständig danach suchen, weil die Innovation eines ihrer alltäglichen Probleme löst.

Was bedeutet Nachhaltigkeit im Kontext Innovation und Medien für dich?

Die Herausforderungen, die aus der aktuellen Situation hervorgehen, sollten als Chance für die innovative Weiterentwicklung der Medienbranche gesehen werden. Viele Endkonsumenten sind durch diese schwierigen Zeiten endgültig im digitalen Zeitalter angekommen. Nun ist es wichtig durch nachhaltige Innovationskonzepte die richtigen Weichen für die digitale Transformation der Branche zu stellen.


Juliane Seyhan, Springer Gabler Verlag

Welche digitale Innovation hat dich persönlich in den letzten 12 Monaten am meisten beeindruckt?

Generell hat mich beeindruckt, wie schnell sich Unternehmen in Zeiten von Corona angepasst haben – ich erlebe das durchaus als Schub für die Digitalisierung. Aus persönlichen Meetings wurden Videocalls, Arbeiten im Homeoffice wurde möglich, man könnte noch vieles weitere nennen. Dadurch haben sich ja auch Arbeitsweisen verändert und die Art zu führen. Es wird spannend sein, wie sich die Arbeitswelt im Publishing nach Corona weiterentwickelt. Ich hoffe, dass wir vieles, was gut geklappt hat, weiterführen.

Wie schätzt Du den Innovationsgrad der Medienbranche ein?

Es gibt sehr innovative Unternehmen, die sich grundsätzlich infrage stellen und versuchen, sich allumfassend neu zu erfinden. In meinem beruflichen Zuhause, der Verlagsbranche, bewegt sich doch einiges. Schade finde ich, dass immer noch und immer wieder die Diskussion Print vs. Digital geführt wird. Das sollten wir doch endlich mal hinter uns lassen.

Was treibt die Innovation in der Medienbranche maßgeblich voran? 

Jedes Unternehmen hat wohl unterschiedliche Motive: manche sind von eigener Innovationsfreude getrieben, manche fangen erst dann an, wenn ihr Geschäftsmodell nicht mehr trägt. Das haben wir in Zeiten von Corona mehr denn je gesehen: wer schon vor Corona Prozesse oder Arbeitsweisen digitalisiert hatte, hat es sich sicher leichter getan, auf die veränderte Situation zu reagieren. Andere „mussten“ nun nachziehen.

Was ist für dich persönlich eigentlich „innovativ“?

Innovation fängt für mich immer beim Menschen an. Ein innovatives Produkt entsteht, weil Menschen etwas hinterfragen, weil sie etwas neu denken. Daher wünsche ich mir von der Medienbranche, beim Thema Innovation den Menschen noch mehr in den Blick zu nehmen, mehr auf die Bedürfnisse von Kundinnen und Kunden einzugehen und gerne auch Ideen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern stärker zu berücksichtigen. Die wissen meistens recht genau, wie Prozesse und Produkte verbessert werden könnten.

Was bedeutet Nachhaltigkeit im Kontext Innovation und Medien für dich?

In Sachen Nachhaltigkeit hat sich bei Verlagen erfreulicherweise einiges getan: einige verzichten inzwischen auf die Einschweißfolie oder produzieren im Cradle-to-Cradle-Verfahren. Medienhäuser sind sich zunehmend ihrer unternehmerischen Verantwortung bewusst und setzen sich etwa das Ziel, klimaneutral zu werden. Nachhaltigkeit bedeutet für mich aber auch, strategisch und langfristig zu agieren, also nachhaltige Programmarbeit zu betreiben, Autor*innen aufzubauen, Werke weiterzuentwickeln und sich dabei trotzdem Trends nicht zu verschließen. Da Verlags- und Programmarbeit sehr auf Langfristigkeit ausgelegt ist, ist die Branche inhaltlich eigentlich prädestiniert für das Thema Nachhaltigkeit.