#6/ 2020
8/15

Die Neue Deutsche Krankheit?

Ein Kommentar

Warum lassen wir zu, dass zu viele Ressourcen immer wieder dafür verwendet werden, solche Geschäftsmodelle künstlich am Leben zu halten, die sowieso nicht überleben werden?

Warum verwenden wir zu viele Ressourcen auf, solche Geschäftsmodelle künstlich am Leben zu halten, die sowieso nicht überleben werden? Das hält uns von den zukunftsrelevanten Themen ab.

Warum halten wir immer wieder Geschäftsmodelle künstlich am Leben, die sowieso nicht überleben werden? Das hält uns von den zukunftsrelevanten Themen ab.

„Microsoft ersetzt Redakteure durch KI – auch in Berliner Newsroom geht die Angst um“, las ich vor einigen Tagen beim Frühstück. Die Quelle war t3n.de, ein Technikmagazin, das sich auch stark der Zukunft verpflichtet sieht. Ich habe natürlich Verständnis für die betroffenen Redakteure. Und ich kann ihre Reaktion verstehen. Es ist niemals gut, wenn Menschen entlassen werden. Besonders dann, wenn sich hinterher noch herausstellt, dass die Technologie, die sie ersetzen soll, dann doch noch nicht so marktreif ist wie angenommen.

Trotzdem dachte ich: Es ist auch wieder typisch für uns. Denn die Headline suggerierte: Jetzt kommt die böse KI. Und ganz ehrlich: Was haben wir denn gedacht? Werbeerlöse am Boden. Technologie entwickelt sich weiter. Microsoft ist ein Technologie-Konzern. Ist es da nicht naheliegend, das MS alles automatisiert, was sich mit guten oder gleich guten Ergebnissen automatisieren lässt? Irgendwie logisch, oder?

Mittlerweile gibt es eine kleine App, die auf Basis von Verkaufs- und Wetterdaten der Vergangenheit und Wetterprognosen der nächsten Tage ausrechnet, ob die Bäckerei mehr Torte oder mehr Brezeln backen soll (zum Hintergrund: Der Flaschenhals in der Bäckerei ist der Backofen). KI im Handwerk! Und nun die 5-Millionen-Dollar-Frage: Wann haben wir denn gedacht, dass KI in den Redaktionen ankommt? 2050? Was ist also mit uns los? Haben wir nicht durch Corona gesehen, wie weit wir zurückgefallen sind?

Ein paar Beispiele gefällig? Jetzt sollen die alten Verbrenner subventioniert werden. Und die Autoindustrie stellt fest, dass sie einerseits ihre Benzin- und Dieselkisten nicht mehr loskriegen. Sie aber andererseits die Nachfrage nach Elektroautos gar nicht befriedigen kann. What? Ich frage mich: Wozu haben die riesige Marktforschungsabteilungen?

Oder Braunkohleabbau. Den wollen wir noch bis 2030 betreiben. Warum? Es geht um 12.000 Arbeitsplätze. Es kann mir doch keiner erzählen, dass wir nicht in der Lage wären, für 12.000 Menschen das beste Weiterbildungs-, Qualifizierungs- und Umschulungsprogramm der Welt (zumindest Europas) zu schaffen. Und es kann mir auch keiner erzählen, dass wir nicht über drei oder fünf Jahre verteilt 12.000 neue Arbeitsplätze schaffen könnten, die besser sind, klimafreundlicher, zukunftsorientierter, attraktivere Arbeitsbedingungen aufweisen und mehr Spaß machen als die Arbeit im dreckigen Braunkohleabbau? Natürlich ginge das. Nur: Wir wollen das gar nicht.

Auch die Bauindustrie, die sechs oder sieben fette Jahre hinter sich hat und noch nie eine so gute Konjunktur hatte wie in dieser Zeit, schreit jetzt nach Staatsknete. Und das, obwohl die Baustellen trotz Shutdown immer offen waren.

Doch zurück zu den Medien. Die meisten Produkte, Angebote und Geschäftsmodelle von Medienunternehmen basieren künftig auf der Verfügbarkeit von Daten. Wer also keine Daten hat, zu wenige davon oder zwar über Daten verfügt, sie aber nicht erschließen kann, der wird am künftigen Markt nicht oder nicht mehr so wie in der Vergangenheit teilnehmen können. Doch leider gibt es viel zu viele Medienunternehmen, die das noch nicht wirklich wahrhaben wollen. Oder die seit Jahren überfällige Investitionen in ihre technologische Infrastruktur vor sich herschieben. In vielen Häusern ist das Überblickswissen über technologische Lösungen zu wenig ausgeprägt. Nicht selten werden Features selbst entwickelt, die bereits preiswerte Commodity sind und die es längst als Plattform-, als Cloud- oder als Software-as-a-Service-Lösung gibt.

Was wir sehen ist: Viele veraltete Strukturen, mancherorts Innovationsverweigerung, sogar Innovationshemmung. Ein Kollege spricht in diesem Zusammenhang sehr gerne von Wohlstandsverwahrlosung. Hart – aber da ist was dran.

Was ist los? Können wir die alte Welt, die uns so lieb geworden ist, in der alles so schön aufgeräumt ist, alles seinen Platz hat, nicht loslassen? Warum investieren wir immer weiter in diese alte Welt? Warum lassen wir zu, dass zu viele Ressourcen dafür verwendet werden, das künstlich am Leben zu halten, was sowieso keine Zukunftschancen hat?

Und diese Ressourcen – Geld, Manpower, Ideen, Kreativität, Zeit – fehlen uns am Ende, um die Dinge zu entwickeln, die zukunftsrelevant sind. Denn wir haben die meisten Firmen in krisenhaften Branchen: Automobil, Versicherungen, Finanzbranche. Die Deutsche Bank ist ein Sanierungsfall, Daimler Benz ein Übernahmekandidat, meldete kürzlich der Deutschlandfunk.

Bei vielen Zukunftstechnologien sind wir abgehängt. Oder kurz davor. Künstliche Intelligenz, Big Data, virtuelle Bauwerksplanung, IoT, Agrarroboter. Habe ich Elektromobilität schon erwähnt? Wir sind überall hinten dran.

Woran liegt’s? Zukunftsangst? Arroganz? Alte weiße Männer? Nokia hatte ein Jahr, bevor sie die Handysparte einstellen mussten, den höchsten Gewinn aller Zeiten. Da sagt sich’s leicht: „Ein Handy mit nur einem Knopf, ach was, der Jobs spinnt doch, kauft doch keiner!“ Haben wir nichts daraus gelernt?

Also lassen Sie uns die Zukunft erfinden. Streifen wir ein paar Vorteile und ein paar Dogmen ab. Seien wir ehrlich zu uns selbst. Denn: Was kommen wird, das wissen wir doch schon. Wir müssen es nur zugeben.

Der Autor

Olaf Deininger: Der Wirtschaftsjournalist und Digitalexperte blickt auf eine langjährige Erfahrung in leitenden Positionen zurück, unter anderem als Chefredakteur von „handwerk magazin“, Entwicklungsleiter beim Deutschen Landwirtschaftsverlag (München), Chefredakteur beim Deutschen Sparkassenverlag in Stuttgart.