#5/ 2022
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Wann hebt der digitale Airbus endlich ab?

Kolumne: KI in Medien und Publishing

Sie kennen das: Seit Jahren, nein seit Jahrzehnten schielt Europa in Sachen Digitalisierung in die USA oder nach Asien, um den Anschluss nicht zu verpassen. Aber wo sind die eigenen Initiativen? Oder besser: Wie sieht die Vision aus, wenn wir darüber sprechen, welchen Wert digitale Technologien für die europäische Wirtschaft und Gesellschaft haben sollen? Schauen wir nach Westen und Osten, um uns einer möglichen Antwort anzunähern. 

Der Jubel war groß über das neue Werk von Tesla in Brandenburg. Ganz ähnlich sieht es nach der milliardenschweren Zusage für ein neues Chip-Produktionszentrum von Intel in Sachsen-Anhalt aus. Nimmt man beide US-Firmen zusammen, führt einen das automatisch dorthin, wo mit politischer Unterstützung die Rahmenbedingungen für prozessorgetriebene E-Mobilität, kurz: autonomes Fahren, geschaffen wurde: in die USA. Hier haben Gesetzesänderungen Möglichkeiten geschaffen, anstatt sie zu begrenzen. Da hilft es wenig, wenn Deutschland im Sommer 2021 entsprechende Gesetze verabschiedet hat. Wenn das Thema im wahrsten Sinne “Fahrt aufnehmen” soll, braucht es dazu Rahmenbedingungen auf EU-Ebene. Und das wird dauern. Zu lange.

Ähnliche Initiativen mit zugegebenermaßen bisweilen fragwürdigen Visionen durch die entsprechenden Regierungen lassen sich in Asien beobachten. So ist die Gesichtserkennung eines der Lieblingsprojekte der chinesischen Regierung. Hinzu kommen zahlreiche andere KI-Anwendungen, in die Milliarden investiert werden: Smart Home Anwendungen, die nur mit Face Recognition funktionieren, KI zur Identifikation von Gangarten, Spracherkennung, Drohnen - der Überwachungsstaat hat sich mit seiner Vision längst zur KI-Supermacht entwickelt. Chine ist sozusagen “im Plan”. 

Wer denkt, dass das mit uns nichts zu tun hat, der wende seinen Blick auf das Wachstum von TikTok. 2022 könnte die App mehr als 1,5 Milliarden Nutzer weltweit verzeichnen. Und das obwohl durch den Bann der indischen Regierung allein dort 2020 mehr als 200 Mio. Nutzer verloren gegangen sind. Das Wachstum freut vor allem die chinesische Regierung, die inzwischen sowohl am Unternehmen beteiligt ist als auch Regierungsvertreter im Aufsichtsrat platziert hat.

Im gleichen Zeitraum hat Südkorea begonnen sein 100-Milliarden Euro Programm umzusetzen, mit dem Ziel Vorreiter in Sachen Batterie- und Chipentwicklung zu werden. Das Land hat übrigens alle anderen Nationen im Kampf um den Start des kommerziellen 5G-Netzes, eine der wesentlichen infrastrukturellen Voraussetzungen für eine bandbreitenstarke Digitalisierung, schon 2019 ausgestochen. Auch hier lag eine klare politische Vision zugrunde. 

Was fehlt ist eine europäische Antwort. Welche Visionen haben wir in Europa, wenn es um Technologie und Digitalisierung geht? Dass paneuropäische Vorhaben zur Stärkung der Forschung und Industrie erfolgreich sein können, wissen wir spätestens seit dem Airbus. Ein echtes Erfolgsmodell. Es lohnt sich diesen Gedanken weiterzuverfolgen! 

Aber wo steht Europa? Zwar sieht die Entwicklung neuer Ideen auf unserem Kontinent auf den ersten Blick vielversprechend aus. 85 “Unicorns”, also Start-ups mit einer Bewertung über eine Milliarde Euro Marktwert, hat es allein 2021 gegeben. Sechs Mal so viele wie noch im Jahr zuvor - aber immer noch “nur” 14 Prozent am Gesamtaufkommen. Schaut man sich die europäischen Einhörner genauer an, wird deutlich, wo das Problem liegt: E-Commerce, Lieferdienste, Finanzdienste. Sieht so ein Quantensprung oder eine gemeinsame Vision aus? Ich glaube nicht. 

Zu diesen Unicorns zählt seit kurzem übrigens auch das baden-württembergische Unternehmen Volocopter. Klingelt was? Richtig: Flugtaxis. Unsere Digitalisierungs-Staatsministerin Doro Bär hat das Unternehmen seinerzeit schon zum Weltmarktführer auserkoren - bevor das erste Flugtaxi den Betrieb aufgenommen hatte. Inzwischen sollen Volocopter in die Verkehrsinfrastruktur integriert werden - in Singapur. Davon sind wir in Europa weit entfernt.  

Was wir brauchen sind keine nationalen Initiativen oder neue Einhörner. Was wir brauchen ist vor allem Mut. Ein klares Bekenntnis zu den wirklich relevanten Zukunftsthemen. Und genau hierfür muss eine entsprechende Infrastruktur geschaffen werden. In der politischen Zusammenarbeit, aber auch bei den wirtschaftlichen Grundlagen. Und zwar europaweit. Dazu zähle ich vor allem gemeinsame Datenpools gesamter Industrien sowie den massiven und schnellen Ausbau der technologischen Infrastruktur. Wo ein Ziel, da ein Weg! Dass so etwas gerade jetzt gehen kann, führt uns die Energiekrise vor Augen. Hier entsteht durch außenpolitischen Druck eine EU-weit gewollte energiepolitische Initiative. Sie beschleunigt den politischen Willen zu mehr Nachhaltigkeit und Unabhängigkeit, den unser Superminister für Wirtschaft und Klimaschutz schon qua Amt repräsentiert. Wir brauchen mehr Habecks und weniger Bärs!

Wenn wir es schaffen, auf europäischer Ebene mit einer gemeinsamen Vision technologische Entwicklungen mit Investments und gesetzlichen Rahmenbedingungen zu fördern, statt zu behindern, dann ist eine passende Antwort möglich. Dann kann der digitale Airbus doch noch abheben!


Saim Alkan ist Gründer und CEO von AX Semantics. Der Wirtschaftsingenieur und KI-Experte erkannte früh die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz zur automatisierten Texterstellung in den Bereichen E-Commerce und Verlagswesen.