#5/ 2021
6/20

Wann haben Sie zuletzt Ihre Komfortzone verlassen?

Kolumne: Inside HR

Vielleicht bringt Sie diese Frage zum Schmunzeln, denn selten stand ein ganzes Jahr so sehr im Zeichen der Veränderung, wie die vergangenen zwölf Monate. Über Nacht wurden wir nicht nur gezwungen, unsere Komfortzone zu verlassen, sondern wurden regelrecht aus ihr herauskatapultiert. Unser Arbeitsplatz wurde vom Büro ins Homeoffice verlegt. Meetings, Jobinterviews und Mitarbeitergespräche fanden nicht mehr persönlich, sondern nur noch digital statt. Teams mussten aus der Ferne geführt werden und in vielen Fällen galt es außerdem, Homeschooling und Kinderbetreuung mit dem Job unter einen Hut zu bringen. Hätten Sie so einen gravierenden Einschnitt in Ihren Arbeitsalltag im Februar 2020 für möglich gehalten? Wahrscheinlich eher nicht. Ohne Not wäre dieser Veränderungsprozess niemals in Gang gesetzt worden. Warum auch? Alles war doch gut, so wie es war.

Grundsätzlich ist es den meisten Menschen am liebsten, wenn sie sich in ihrer Komfortzone aufhalten können. Hier fühlen sie sich wohl, wissen, was zu tun ist, und können gelassen durch ihren Alltag navigieren. Veränderung hingegen bedeutet Stress. Und der kann sowohl als positiv als auch als negativ empfunden werden. Positiv ist Stress dann, wenn sich ein Mensch in der Lern- oder Wachstumszone befindet. Hier geht es darum, sich neuen Herausforderungen zu stellen, um sich selbst weiterzuentwickeln. Auch wenn in dieser Zone das Gefühl der Unsicherheit aufkommt und man sich nur vorsichtig vorantastet, überwiegt in der Regel die Freude darüber, Neues zu entdecken und zu lernen. Gerät ein Mensch hingegen in die Panikzone, fühlt er sich fremdbestimmt und ist nicht mehr Herr der Lage. Hält dieses Gefühl der maßlosen Überforderung und Ausweglosigkeit an, kann es bis zu einem Burnout führen. Da die Grenzen zwischen Komfort-, Wachstums- und Panikzone bei jedem Menschen anders verlaufen, ist es für Personalverantwortliche häufig besonders schwierig, Veränderungsprozesse im Unternehmen zu begleiten. 

Während sich manche Kolleginnen und Kollegen durch anstehende Neuerungen in die Lern- oder Wachstumszone begeben, verfallen andere in eine Schockstarre. Doch wie können Sie das verhindern? Was können Sie tun, um die Mitarbeitenden in Ihrem Unternehmen dort abzuholen, wo sie gerade stehen? Planen Sie Veränderungen – sofern es möglich ist – langfristig und begleiten Sie sie mit den entsprechenden Kommunikationsmaßnahmen. Führen Sie Einzelgespräche, um herauszufinden, welche Vorbehalte und Ängste im Unternehmen vorherrschen und versuchen Sie, diese frühzeitig auszuräumen. Schließlich ist nichts schlimmer als Bedenken, die durch den Flurfunk zu Schreckgespenstern werden und am Ende alle verunsichern.

Aktuell geht es in vielen Unternehmen darum, wie nach dem Ende der Coronapandemie mit dem Thema Homeoffice umgegangen werden soll. Während ein Teil der Mitarbeitenden den Tag herbeisehnt, an dem die klassische Büroarbeit wieder möglich ist, haben sich andere im Homeoffice so gut eingerichtet, dass es zur neuen Komfortzone wurde. Aktuelle Umfragen kommen zu dem Ergebnis, dass viele Berufstätige auf eine Mischung aus Büro- und Homeoffice-Tagen hoffen – am liebsten so, wie es zum individuellen Lebensstil passt.

Für Personalverantwortliche bedeutet das, dass mit viel Weitblick und Fingerspitzengefühl eine neue Struktur im Unternehmen etabliert werden muss. Hier gilt es, frühzeitig die richtigen Weichen zu stellen, die Mitarbeitenden darüber zu informieren, ab wann welche Regeln gelten. Nicht alle sind so flexibel, dass sie sich problemlos auf die neue, alten Gegebenheiten einstellen können. Planen und kommunizieren Sie also mit entsprechendem zeitlichen Vorlauf. Wichtig ist, dass alle Mitarbeitenden zur selben Zeit dieselben Informationen erhalten. Nur so können Sie unnötige Spekulationen vermeiden. Und stellen Sie sich auch darauf ein, dass es sicherlich Kolleginnen und Kollegen geben wird, für die die neuen Regeln nicht ideal sind. Aber hier gilt – wie immer im Leben: Sie können es niemals allen recht machen. Und das ist auch gar nicht Ihre Aufgabe. Ihre Aufgabe ist es vielmehr, dafür zu sorgen, dass Klarheit darüber herrscht, was ab wann gilt. Je transparenter Sie die Entscheidung kommunizieren, desto besser ist es und desto weniger Spielraum lassen Sie für unliebsame Spekulationen und Diskussionen. 

Die Autorin

Stephanie Mende ist Kommunikationsexpertin und arbeitet als Coach, Beraterin und Seminarleiterin mit den Schwerpunktthemen Recruiting, Personalentwicklung und Teambuilding. Als geschäftsführende Gesellschafterin eines Verlags war sie viele Jahre lang für Mitarbeitergewinnung und -entwicklung sowie Personalführung verantwortlich. Weitere Infos:  www.cbs-mende.de