#5/ 2021
4/20

Warum wir wieder über unsere Gesellschaft entscheiden müssen

Olaf Deininger über das Büchlein „Jeder Mensch“ von Ferdinand von Schirach und Künstliche Intelligenz


Er war einer der ersten sonnigen und warmen Samstagnachmittage in diesem Jahr, und ich setzte mich mit einem Kaffee – es sollte nicht der einzige bleiben – und dem kleinen blauen Büchlein mit dem Titel „Jeder Mensch“ von Ferdinand von Schirach auf die Terrasse. Das Format erinnerte mich an die kleinen gelben Reclam-Hefte, nur dass es eben ein Hardcover war.

Auf der Rückseite sind sechs Artikel abgedruckt, ähnlich dem Grundgesetz, bestehend aus jeweils ein oder zwei Sätzen. Der zweite Artikel handelt von „Digitaler Selbstbestimmung“, der dritte von „Künstlicher Intelligenz“, der fünfte von „Globalisierung“.

Der Text im Buch beginnt im 18. Jahrhundert mit der Unabhängigkeitserklärung der britischen Kolonien in Nordamerika und der darin enthaltenen ersten Definition von Grundrechten. Diese Grundrechte leiten die Unabhängigkeitserklärung damit ein, dass sie „selbstverständlich“ seien.

Von Schirach macht nun deutlich, dass die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die französische „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ genauso wie die „Charta der Grundrechte der Europäischen Union“ keine Zustandsbeschreibungen waren, sondern Utopien. Beschreibungen einer idealen Welt. Vieles davon ist heute Realität geworden. Einiges leider noch nicht. 

Unsere Gesellschaft hat sich seitdem weiterentwickelt. Deshalb müssten auch unsere Grundrechtsvorstellungen, unsere Utopien davon, weiterentwickelt werden, sagt von Schirach. Dazu macht er sechs ergänzende Vorschläge: zur Umwelt, zu digitaler Selbstbestimmung, Künstlicher Intelligenz, Wahrheit, Globalisierung und führt die Möglichkeit einer Grundrechtsklage ein.

Ich war verblüfft und holte mir einen zweiten Kaffee. Während unser politischer Betrieb in Berlin das Thema Digitalisierung oder besser gesagt den Übergang der zweiten Digitalisierung, in dem wir uns gerade befinden, überhaupt nicht in die Debatte eingespeist bekommt, und auch die Grundlagen der neuen Technologien wie Künstliche Intelligenz wahrscheinlich nicht komplett versteht, formuliert von Schirach in seinem kleinen blauen Büchlein: „Jeder Mensch hat das Recht, dass ihn belastende Algorithmen transparent, überprüfbar und fair sind. Wesentliche Entscheidungen muss ein Mensch treffen.“

Das ist ein Wurf. Man könnte wahrscheinlich einwenden, dass diese Transparenz- und Fairness-Forderung nicht nur für belastende Algorithmen gelten sollte, sondern für alle Algorithmen, die in irgendeiner Weise auf uns wirken – und das sind mittlerweile etliche. Doch bewundernswert finde ich, dass von Schirach den Regelungsbedarf erkannt hat. Und zwar nicht nur auf der Ebene der „KI-Risikoklassen“ (diese Klassen sollen Großereignisse wie etwa von KI ausgelöste Katastrophen verhindern). Er hat den Regelungsbedarf auf der Ebene der Rechte jedes einzelnen erkannt. Damit sieht von Schirach, dass Künstliche Intelligenz auf Gesellschaft wirkt, auf jeden Einzelnen genauso wie auf unser Gefüge aus Gruppen und Netzwerken, auf unsere Diskurse und unsere Debatten – und deren Qualität aus Sicht der Grund und Menschenrechte. Das Buch endet mit dem Satz: „Heute müssen wir wieder über unsere Gesellschaft entscheiden – nicht wie sie ist, sondern so, wie wir sie uns wünschen.“ Ich holte mir einen dritten Kaffee und begann darüber nachzudenken.


Als Einwohner eines EU-Landes können Sie online unter jeder-mensch.eu die Initiative zur Einführung dieser neuen Grundrechte unterstützen. Ich habe das getan und empfehle es hiermit.