#5/ 2021
20/20

Buzzword des Monats: Authentizität

Was ist Authentizität?

Die Einführung des neuen ERP-Systems lief schon länger nicht mehr so geschmeidig wie gewünscht. Die beteiligten Parteien waren zerstritten. Kein Wunder, dass der Geschäftsführer aus der Haut fährt, als die beiden Projektmanager zu spät zum Statusmeeting kommen. Dann haben sie auch noch ihren Statusbericht nicht vollständig vorbereitet. Vor den versammelten Projektbeteiligten, interne und externe, macht der Geschäftsführer die beiden zur Schnecke. Nicht nur die Worte, auch die Körpersprache machen klar, wie es innerlich um ihn steht.

Der Geschäftsführer hat impulsiv gehandelt, ist einem unmittelbaren inneren Anstoß gefolgt. Aber hat er damit authentisch gehandelt? Bedeutet authentisch sein, so zu handeln, wie einem „gerade zu Mute“ ist? Heißt authentisch sein, immer alles so rauszuhauen, wie es einem gerade in den Sinn kommt? Sind Menschen authentisch, wenn sie so reden und so handeln, wie es ihrem unmittelbaren und unreflektierten Gemütszustand entspricht?

Wie Menschen sich verhalten, hängt unter anderem davon ab, welche Rolle sie jeweils spielen und wie wohl sie sich darin fühlen. Der Geschäftsführer, wirkt seinen Mitarbeitern gegenüber aggressiv und abwertend. In einer anderen Situation, in der auf ihn Druck ausgeübt wird, wirkt er vielleicht selbst eingeschüchtert und kleinlaut. In welchem Fall ist er authentisch?

Manchmal haben wir bei Menschen den Eindruck, dass das was sie (gerade) sagen und tun, nicht zu ihnen passt. Sie wirken unecht. Es entsteht der Eindruck, sie würden sich im Grunde gern anders verhalten. Sie würden gern ihr wahres Ich sichtbar werden lassen. Sie würden sich gern so verhalten, wie es ihren wahren inneren Werten entspricht. Denn dann wären sie authentisch.

Die Wirkung der Werte

Wenn wir von dem positiven Menschenbild ausgehen, wie es von Abraham Maslow, Carl Roger, Milton Erickson und anderen geprägt wurde, dann strebt der Mensch danach, sich ganzheitlich voll zu entfalten und alle seine Möglichkeiten zu nutzen. Er tut dies, um der zu werden, der er ist. Authentisch sein bedeutet, ganz selbst zu sein. Das heißt, je mehr wir wir selbst werden, desto authentischer werden wir. Dann ist Authentischwerden ein Prozess. Ein erster Schritt kann darin bestehen, sich über seine eigenen inneren Werte im Klaren zu sein. Werte sind in diesem Kontext als positive Eigenschaften definiert. Sie unterstützen den Menschen dabei, im Einklang mit sich selbst, seinen Mitmenschen und seiner Umwelt zu leben. Das ist nicht einfach, da wir Stärken und Schwächen haben. Erkennen wir diese Stärken und Schwächen, dann sind wir schon einen Schritt weiter. Wenn es uns gelingt, im Alltag zu diesen Werten zu stehen und sie zu vertreten, dann werden und wirken wir authentisch. Dazu gehört die Fähigkeit zur Selbstreflektion. Diese bezieht sich nicht nur auf die Bewertung des Vergangenen, sondern ist um so hilfreicher, wenn sie ein beständiger Begleiter im Alltag wird. Vieles, was wir impulsiv tun und sagen, wird dann noch mal gefiltert, um es in Einklang mit unseren inneren Werten zu bringen. Die bei einem Unfall im Jahr 2019 leider verstorbene Kommunikations- und Medientrainerin Katrin Adamski hat Authentizität kurz und knapp so beschrieben: „Authentizität entsteht dann, wenn Fühlen, Denken, Sprechen und Handeln alle dem gleichen Ursprungsbild entstammen. Also, wenn man das, was man fühlt, als Gedanken zulässt, es auch genauso so sagt, wie man es fühlt und denkt und dann passend zu seiner Aussage ‚agiert‘.“ Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass wir zum offenen Buch werden und unsere Umwelt alles von uns wissen lassen, sondern es gilt, auch dies zu unserem eigenen und dem Wohl unseres Gegenübers zu dosieren. Ruth Cohn, die Begründerin der Themenzentrierten Interaktion, formuliert es so: „Nicht alles, was echt ist, will ich sagen, doch was ich sage, soll echt sein!“

Authentisch führen

Wer nicht durch strukturelle Macht führen will, muss durch Persönlichkeit überzeugen. Die Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten, ändert sich deutlich. Getrieben durch die Herausforderungen einer Welt, die sich immer schneller verändert, sind starre Strukturen und Befehlsketten hinderlich. Teamfähigkeit wird ergänzt durch Selbstorganisation und Eigenverantwortung. Die statische Organisation weicht der agilen (siehe dpr 03/21 zum Thema „Agilität“). Die Führungskraft wird zum Leader. Der Leader geht mit gutem Beispiel voran und räumt für seine Mitarbeiter die Hindernisse aus dem Weg. Er ist ihr Unterstützer und Förderer (siehe dpr 04/21 zum Thema Leadership). Da ist persönliche Echtheit gefragt, die Vertrauen herstellt und Klarheit erzeugt. Impulsives und reflexartiges Reagieren schaffen genau das Gegenteil. Für Führungskräfte bedeutet es, dass sie durch Echtheit, also Authentizität überzeugen.

Das ist nicht immer einfach. Oft stellt die Struktur des Unternehmens bereits die erste Hürde dar. Je stärker die hierarchische Organisation des Unternehmens ist, um so stärker ist die Top Down Kultur verankert. Diese fördert in erster Linie Konformität, die in den schlimmsten Fällen in Kadavergehorsam ausartet. Der Zwang zur Konformität limitiert die Freiräume, in denen Führungskräfte und Mitarbeiter ihren eigenen inneren Werten treu bleiben können. Ein innerer Zwiespalt entsteht. Führungskräften, die einen starken Bezug zu ihren inneren Werten haben, wird dann ihre Sandwich-Position bewusst. Wenn sie keinen Weg finden, um hier die Balance zu finden, führt dies zu Resignation oder Schlimmerem. Einen Ausweg aus dieser Situation bieten nur das offene Gespräch mit den Vorgesetzten oder den gleichrangigen Kollegen, in dem man es wagt, den inneren Konflikt anzusprechen. Das ist oft schwerer, als über den eigenen Schatten zu springen. Obwohl es bedeuten würde, echt zu sein. Traut man sich das nicht zu, will sich aber auch nicht verbiegen, bleibt nur, das Unternehmen zu wechseln.

Selbst wertgeschätzt zu werden, ist eines der stärksten Bedürfnisse des Menschen. Wertschätzung erfährt man, wenn man als echt wahrgenommen wird. Führungskräfte sollten sich daher die Frage stellen, ob und von wem sie wertgeschätzt werden. Und von wem möglicherweise gefürchtet oder verachtet werden. Ist die Antwort auf diese Frage ehrlich, bietet diese einen Ansatz, Werte und Haltung zu überprüfen. Gelingt dann in der Folge, die Stärken bewusster zu einzusetzen und andere die Auswirkungen der Schwächen weniger spüren zu lassen, wird man schnell feststellen, dass die Wertschätzung steigt. Und die Wertschätzung steigt in dem Maße, in dem die Authentizität wächst.


Autor

Johannes Bertelmann hilft Unternehmen bei der digitalen Transformation und begleitet sie bei dem damit verbundenen Kulturwandel. Er ist zertifizierter Systemischer Berater, Business Trainer, Coach und Professional Scrum Master. Er war Inhaber einer Buchhandlung, arbeitete als Vertriebsmitarbeiter, später als Produktmanager für digitale Medien in Verlagen. Als Sales Director Europe für eine amerikanische Softwarefirma war er an zahlreichen internationalen Digitalisierungsprojekten namhafter Verlage beteiligt.

Johannes Bertelmann ist Mitglied im Beraternetzwerk Coaching Concepts. Er lebt und arbeitet in Rösrath bei Köln.