#5/ 2020
5/11

„Warten Sie nicht auf den letzten Bedenkenträger“

Eine Taxifahrt. Eine Idee. Ein Magazin. Umgesetzt und auf den Markt gebracht in etwas mehr als zwei Wochen. Das Wiener Fachmedien-Haus WEKA Industrie Medien hat mitten in der Coronakrise ein neues Magazin herausgebracht – und sich dabei für einen digitalen Distributionsweg entschieden. Geschäftsführer Florian Zangerl und Digitalchef Martin Schwarz über das kaufmännische Gebot der Vorsicht, Geschwindigkeit im Verlagswesen und Distributionskanäle. 

Wie kommt man denn dazu, in Pandemie-Zeiten, wenn alle Verlage eher zurückhaltend bis vorsichtig agieren, ein Magazin-Projekt an den Markt zu bringen? 

Florian Zangerl: Vorsichtig zu agieren, ist ein kaufmännisches Gebot, völlig klar. Vorsichtig zu agieren, kann aber auch heißen, dass man in einer Krise, die wie in diesem Fall eine mediale Transformation offensichtlich exponentiell beschleunigt, auch mal Neues auf jenem Pfad versucht, auf dem man die mediale Entwicklung verortet. Sonst hat man bei aller Vorsicht das Nachsehen. Die Corona-Krise hat uns geradezu gezwungen, uns rasch mit neuen Projekten, natürlich besonders im Digitalen, zu befassen und da auch rasch zu Ergebnissen zu kommen.

Martin Schwarz: Es ist sogar relativ wahrscheinlich, dass wir ohne die besonderen Umstände nie auf die Idee eines Magazins für Arbeitsschutz gekommen wären. Aber es hat sich schlicht angeboten: Arbeitsschutz wird in den nächsten Monaten zu einem der wichtigsten Faktoren beim Hochfahren der Wirtschaft sein, Arbeitsschutz spielt in beinahe allen Branchen eine Rolle und Arbeitsschutz war bisher ein medial unterbeleuchtetes Thema, das aber plötzlich in den Scheinwerferkegel der Aufmerksamkeit geraten ist. Insofern war der Rahmen für ein solches Magazin geradezu ideal. 

Verlage benötigen für solche Projekte oft Monate, wenn nicht länger. Wie haben Sie die erste Ausgabe umgesetzt – und wie lange hat es gedauert?

Martin Schwarz: Die Idee kam während einer Taxifahrt: Da saß ich nun auf der Rückbank mit der Gesichtsmaske, vorne saß der Taxifahrer mit der Gesichtsmaske und da war sehr offensichtlich, wie sehr diese neuen Regeln unseren Alltag und jeden Bereich der menschlichen Interaktion durchdringen würden. Von da war es dann nur ein kleiner gedanklicher Schritt zu einem Magazin über das etwas weiter gefasste Thema des Arbeitsschutzes. Nach ein paar WhatsApp-Nachrichten war für uns beide klar: Wir machen das. 


Florian Zangerl: Und genau so klar war es, dass wir dieses Momentum nutzen mussten. Es hat fünf Tage von der Idee bis zum ersten Design und zum Themensetting gedauert, rund zwei Wochen später war das Magazin fertig. Entwickelt und produziert wurde das ganze Magazin von der Online-Redaktion, die ohnehin schon in den Wochen zuvor immer wieder diese Themen bearbeitet hatte, dazu die Grafik und dann natürlich das Vertriebsteam, das mit dem Produkt sofort auf großes Interesse der Werbekunden gestoßen ist – und das bei einem Magazin, das völlig neu war, das wir nicht herzeigen konnten, dessen Distribution auch nicht so völlig gewohnt ist.

Wie funktioniert denn nun die Distribution des neuen Magazins?

Florian Zangerl: Das Schöne am Thema Arbeitsschutz ist: Es ist für beinahe alle Branchen relevant und damit für alle Zielgruppen unserer Magazine. Also distribuieren wir „Professional Safety“ als E-Paper auf allen Websites unserer Magazine und zusätzlich über die Newsletter. Wir sind da bei einer beachtlichen Reichweite und gleichzeitig immer im Interessenraster der einzelnen Zielgruppen. Innerhalb eines Tages nach Versand der Newsletter hatten wir schon 6.000 Abrufe des Magazins auf unseren Websites.

Mit einem E-Paper ersparen Sie sich auch Druck – und Versandkosten. Das kann auch ein guter Grund sein, sich für dieses Format zu entscheiden.

Florian Zangerl: So wie die isolierte Betrachtung der Distributionskanäle falsch ist, ist es auch die isolierte Betrachtung der Kosten. Denn Kosten müssen immer in Relation zu einer größtmöglichen Annäherung an den größten Nutzen für Leserinnen und Leser, für Inserenten, betrachtet werden. In diesem Fall war das Setting klar: wir wollten erstens schnell auf den Markt kommen, wir wollten zweitens alle unsere Zielgruppen-Nischen erreichen und wir wollten technische Möglichkeiten wie etwa die Anreicherung von Storys und Inseraten mit Multimedia-Angeboten nutzen. Also war der Launch als E-Paper beinahe zwingend. Die Anwendung, der Markt, definieren den Distributionskanal. Er sollte nicht am Beginn der herausgeberischen Überlegungen stehen, sondern am Ende. Vielleicht ist ja die vielfache Weigerung einer agnostischen Betrachtung des Distributionskanals auch ein bisschen der Grund für den Zustand der Branche.

Warum glauben Sie das?

Florian Zangerl: Weil man zuweilen vielleicht zu sehr dazu neigt, neue Produkte oder Geschäftsmodelle aus der Gewöhnung an vorhandene Strukturen heraus zu denken. Wenn man historisch bedingt in vielen Verlagen eben eine Struktur hat, die maßgeblich auf einen Distributionskanal ausgerichtet ist, dann ertappt man sich manchmal dabei, neue Projekte unter dem Gesichtspunkt zu denken, wie man diese Strukturen auch am besten nützen kann. Nur bringt einen das marktseitig nicht weiter.  

Jetzt haben Sie mal eine Ausgabe von „Professional Safety“ herausgebracht. Sind noch weitere Projekte wie dieses geplant?

Martin Schwarz: Wir haben den Launch hinter uns gebracht und planen jetzt schon die nächste Ausgabe des Magazins, obwohl wir ursprünglich „Professional Safety“ nur einmal herausbringen wollten.

Natürlich denken wir auch in die Richtung, ein E-Paper-Portfolio aufzubauen, aber entscheidend wird sein, die richtigen thematischen Querschnittsmaterien zu finden, die eine Distribution als E-Paper rechtfertigen. Wir sind aber jetzt mal sehr angetan von den Möglichkeiten, die ein E-Paper bietet: Man kann unsere Magazine wegen der Multimedia-Anreicherungen nicht nur lesen, man kann die Inhalte erleben.  

Was würden Sie Kolleginnen und Kollegen aus der Medienbranche raten vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrungen mit diesem Projekt?

Florian Zangerl: Aus meiner Sicht: Tempo, Tempo und wieder Tempo. Wenn das thematische Framing stimmt, wenn der Zeitpunkt stimmt, dann sollte man sich davon verabschieden, beim Plan zu bleiben, den man einmal hatte, der aber vielleicht nicht mehr in die Zeit passt. Man muss nicht First Mover sein, aber man sollte zumindest moven, wenn man merkt, dass es der Markt tut.

Martin Schwarz: Vor allem eines: warten Sie nicht auf den letzten Bedenkenträger, sondern machen Sie einfach. Wir haben während der Produktion für diese Ausgabe schon eine Menge für die kommende gelernt. Iteration bringt dann mit der Zeit auch Perfektion.

 

  

Florian Zangerl ist Geschäftsführer der WEKA Industrie Medien in Wien. Das Fachmedienhaus gibt mehr als ein Dutzend Fachmedien in den Bereichen Industrie, Logistik, Automotive und Gebäude heraus, betreibt Webportale und veranstaltet mehr als 25 Kongresse und Konferenzen pro Jahr. Die WEKA Industrie Medien sind Teil der deutschen WEKA-Gruppe.

 

Martin Schwarz ist Leiter Digitale Medien und Digitale Produkte bei den WEKA Industrie Medien und da für die digitale Transformation des Verlags zuständig. Außerdem ist er Mitgründer der verlagseigenen Agentur-Unit B2Impact, die insbesondere Content Marketing-Dienstleistungen für Kunden aus dem B2B-Bereich anbietet.