#5/ 2020
4/11

Neue Formate braucht das Land

Gutes Storytelling reicht im Wirtschafts- und Fachjournalismus längst nicht mehr aus

Nichts gegen Storytelling im Journalismus. Aber wir sollten beginnen, über neue inhaltliche Formate nachzudenken. Und viele Redaktionen sollten ihre Scheu vor neuen Technologien ablegen.

Zugegeben, die Menschen lieben Geschichten. Das ist so. Und das wird auch so bleiben. Doch wenn wir ehrlich sind: sie lieben eigentlich nur gute Geschichten. Doch leider gibt es viel zu wenige wirklich gute Geschichten, zumindest im Fach- und Wirtschaftsjournalismus. Und wohin das führt, wenn man nur noch nach „der guten Geschichte“ sucht und schließlich der Dramaturgie etwas nachhilft, damit es auch wirklich einegute Geschichte wird, das haben wir im letzten Jahr im „Fall Relotius“ gesehen.

Nutzer und Leser haben sich weiterentwickelt

Seit Jahren höre ich in unzähligen Fokusgruppen, bei Podiumsdiskussionen, Interviews, Gesprächen bei Veranstaltungen immer wieder die gleiche Klage von Unternehmern oder anderen Nutzern von Wirtschafts- und Fachinformationen: Leser haben keine Zeit! Keine Zeit für Geschichten. Schon gar keine Zeit für lange Geschichten. Und erst recht nicht für mittelmäßige oder gar schlechte Geschichten. Garniert wird dies oft mit der Feststellung, dass die aufgewandte Zeit für Medien generell abnehme. Man möchte als Medienmacher verzweifeln: Grausamer Aufmerksamkeitswettbewerb.

Doch es geht noch weiter: Man habe auch keine Lust, aus Beiträgen von 8.000 oder 14.000 Zeichen Länge die drei oder fünf entscheidenden Sätze herausklauben, die relevant für einen sind – das meinten Leser und Nutzer häufig. Man möchte nach langwieriger Lektüre auch keinesfalls feststellen müssen, dass in dem Beitrag gar nichts von Bedeutung für einen war.  

Verweist man darauf, dass es doch sehr viele kurze Einheiten gäbe, dann kommt die Klage, dass diese zu wenig Substanz enthielten, alles viel zu oberflächlich sei. Und überhaupt: Nachrichten gäbe es doch an jeder Ecke, in jeder App, auf jeder Website. Und meistens seien es auch noch überall die gleichen. 

Es entsteht der Eindruck: Dass viele Redaktionen in den letzten Jahren ihre Beiträge regelrecht klein gehäckselt haben, gekürzt, im besten Fall verdichtet, hat das Problem ebenfalls nicht gelöst. Ein Dilemma! Die großen Stücke zu lang und zu zeitintensiv, die kleinen Happen zu oberflächlich und nicht sättigend genug. 

Traditionelle Formate erfüllen nur noch teilweise die Lesererwartungen 

Doch ist das alles, was der Wirtschafts- und Fachjournalismus heute an Formaten zu bieten hat? Nachrichten, Aktienkurse, kürzere oder längere Features, Hintergrundberichte und Reportagen? Um die unpopuläre Wahrheit zu sagen: Im Augenblick überwiegend leider ja! 

Und ich fürchte: Diese traditionellen Formate drohen zunehmend an den Bedürfnissen der Business2Business-Zielgruppen vorbeizugehen. Denn die Leser und Nutzer von Fach- und Wirtschaftsmedien wollen Informationen, die auf den Punkt kommen, Zeit sparen und im Kern das vermitteln, was gebraucht wird. 

Verlangt wird etwa eine umfassendere Recherche mit möglichst allen Fakten zum Gegenstand. Auch jenen Fakten, die der journalistischen Dramaturgie, der guten Story, zuwiderlaufen. Wir müssen auch neue Formen für das Zeitalter das scannenden Lesens und der Suche nach Lösungen entwickeln. Damit werden höhere Ansprüche an die Textstruktur gestellt, die eine schnellere Erschließbarkeit erlauben. Und zwar nicht nur ausschließlich die lineare.

Aus diesen Gründen ist es an der Zeit, um über neue journalistische, redaktionelle und technische Formate im Wirtschafts- und Fachjournalismus nachzudenken. Damit ist nicht nur der klassische Nutzwert gemeint, der sich leider häufig nur so darstellt, dass am Textende eine kümmerliche Servicezeile (etwa mit den Fakten einer Veranstaltung oder der Hinweis auf einen Kontakt oder eine Internet-Adresse) ergänzt wird oder der Hinweis auf einen weiterführenden Inhalt oder eine Box mit den zentralen Erkenntnissen oder Aussagen. 

New Editorial Work schafft neue Konzepte

Ein Ansatz könnte sein, dass wir dossierartige Formate, Best-Practice- und Fallbeispiele, echte Marktüberblicke und Produktvergleiche weiterentwickeln. Und zwar inhaltlich, journalistisch, redaktionell und vor allem technisch. Den Erfolg und die Relevanz von wesentlich gründlicherer und umfassenderer Recherche zeigen Medien wie etwa die Politikplattform politico.com in Washington. Die Redaktion bietet Abonnenten den Zugriff auf Dossiers, die alle (!) im Augenblick laufenden Gesetzgebungsinitiativen abbilden. Und nicht nur das: Die Dossiers stellen auch dar, wie jeder Angeordnete dazu jeweils abstimmen wird. Diese Informationen mussten Referenten früher mühsam recherchieren, indem sie etwa die Reden und Vorträge der Angeordneten in ihren Wahlbezirken analysierten. Jetzt bieten Journalisten diese Inhalte an. Und machen die Referenten arbeitslos.

Auch neue Technologien bieten innovative inhaltliche Möglichkeiten. Datenjournalismus ist längst nicht mehr eine exotische Disziplin einiger weniger nerviger redaktioneller Nerds. Die Algorithmen der Künstlichen Intelligenz stellen heute zum Beispiel automatisch die aktuellen Zahlen der mit Corona Infizierten zusammen. Auf diese Weise kommen die Zahlen der Johns-Hopkins-Universität zustande, die regelmäßig in der Tagesschau zitiert werden. In Stuttgart generiert eine Maschine automatisch eine Meldung und veröffentlicht sie selbstständig auf der Website der Stuttgarter Zeitung, wenn in irgendeinem Stadtteil der Schwellenwert für Feinstaub überschritten wurde. Gleiches oder ähnliches gilt für Staus, für Kriminalität oder wenn irgendwo ein Tor geschossen wurde.

Algorithmen führen zu besseren redaktionellen Formaten

Algorithmen überprüfen Fakten, verbessern Texte, führen viele Texte zu neuen und besseren Texten zusammen, ziehen die Fakten aus Texten und machen daraus Stoffsammlungen und Dossiers. Ende letzten Jahres veröffentlichte Springer Nature in der Schweiz das weltweit erste von einem Algorithmus geschriebene Buch. Es stellte auf 250 Seiten den aktuellen Forschungsstand bei Lithium-Akkus dar. Titel: „Lithium-Ion Batteries“, Unterzeile: „A Machine-Generated Summary of Current Research“, Autor: „Beta Writer“.  

Aus Textarchiven lassen sich auf Knopfdruck in Sekundenbruchteilen „Listicles“ erstellen: Etwa „die fünf preiswertesten Cabrios“, „die teuersten gerade ausgeschriebenen Einfamilienhäuser der Region“ oder „die gerade heftigsten Diskussionen in unserem Forum“.  

In vielen Newsrooms kürzt Software selbstständig Texte oder macht Kürzungsvorschläge. Die Redakteure müssen lediglich eingeben, wie viel gekürzt werden soll, und das Ergebnis am Ende noch einmal überprüfen. Automatische Abläufe und Prozesse könnten in den Redaktion Ressourcen freischaufeln, die man besser für hochwertige redaktionelle und journalistische Arbeiten wie etwa Recherche oder Neuentwicklung einsetzt. 

Chatbots führen mittlerweile Vertriebsdialoge oder finden heraus, welche Nutzwerte der Leser gerade sucht, und stellen diese anschließend auch bereit. Die Verlags-KI sagt Abonnement-Abbesteller voraus, indem sie Leser- und Vertriebsdaten analysiert und auf solche Nutzer aufmerksam macht, bei denen die Gefahr einer Kündigung besteht. Und auch das Gegenteil ist möglich: KI definiert lohnenswerte Potenzial-Segmente, bei denen die Umwandlungsraten besonders hoch sein könnten.

KI ist längst schon Handelsware

Automatische Bilderkennung sagt den Redakteuren schon heute, wer der Fußballer auf dem Bild sei und erkennt im Video, wer gerade das Tor geschossen hat. Jeder kann heute auf der Google Cloud Plattform seine eigene KI trainieren. Innerhalb weniger Stunden schaffte es ein Freund, die Google-KI so zu schulen, dass sie selbstständig erkennt, ob er sich auf einem Foto befindet oder ob nicht. Was soll man sagen: KI wird Commodity? Nein, KI ist längst schon Handelsware.

Das alles ist keine Science-Fiction. Nur ein Problem gibt es noch: Die klassische journalistische Didaktik und Dramaturgie kann im Augenblick diese Informationsbedürfnisse nur schwer auffangen und diese neuen Möglichkeiten nur schwer nutzen. Denn Dossiers, automatische Text- und Nutzwert-Formate sind so ganz anders als das, was Journalisten in ihrer Ausbildung beigebracht wurde. Ich habe bei der Erstellung von Projekt-Dossiers für kleine und mittelgroße Unternehmen erlebt, dass mancher Kollege es einfach nicht lassen konnte, immer wieder zu versuchen, aus einem Dossier eine Geschichte zu machen. Leider war es dann selten eine gute. Also reißen wir besser schnell die Grenzen zwischen Technologie und Journalismus ein!

 

Die neuen technischen Möglichkeiten (Auswahl)

  • Technisch generierte Formate und Automated Journalism
  • KI- und Daten-Journalismus
  • Predictive Media 
  • Everletter und Profile triggered Broadcasts
  • Audio-operatible und audio-accessible Content
  • Service- und Long-Tail-Content
  • Dialog-Formate und Chat-Bots
  • Community-Building und Community as a Service 
  • Redaktionelle Öko-Systeme

 

Olaf Deininger Der Wirtschaftsjournalist und Digitalexperte blickt auf eine langjährige Erfahrung in leitenden Positionen zurück, unter anderem als Chefredakteur von „handwerk magazin“ (2014 bis 2019) in München, Entwicklungsleiter beim Deutschen Landwirtschaftsverlag (München), Chefredakteur beim Deutschen Sparkassenverlag in Stuttgart sowie Kreativdirektor/Chef der Entwicklung bei der Internetagentur PopNet (Hamburg). Olaf Deininger veröffentlichte Studien, Marktüberblicke und Produktvergleiche zu Business-Software und IT-Lösungen.

 

Aus den Medienlaboren: Für den DIGITAL PUBLISHING REPORT wird Olaf Deininger ab der kommenden Ausgabe monatlich über neue Konzepte, Projekte und Möglichkeiten an der Schnittstelle von Technologie und Medien berichten. In der ersten Folge: Profile triggered Broadcasts

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