#5/ 2020
3/11

Ein paar Worte zum Geleit

Die Zeit der Zwangsdigitalisierung scheint langsam vorbei zu gehen: Nach und nach befüllen sich wieder die Büros der Medienunternehmen und Agenturen mit Menschen – und neben dem Gefühl der Erleichterung, das sich ganz langsam wieder ein gewisses Maß an Normalität einstellen will, erhebt sich für viele die Frage, welche Schlüsse man aus den vielen Wochen „Homeoffice“ bzw. „Remote Work“ eigentlich ziehen soll. Wie immer im Leben gibt es kein einheitliches Bild: Die einen freuen sich über den direkten Austausch (wobei man für die berühmte Teeküche wohl Zugangsbeschränkungen einrichten sollte, sonst hat uns die nächste Pandemie-Welle gleich wieder im Griff), die anderen haben sich ganz gut daheim eingerichtet und empfanden das Arbeiten in Ruhe oder Ablenkung als sehr erfrischend. Nicht jedoch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die nebenher noch Kinderbetreuung und Homeschooling stemmen mussten. Letztere waren definitiv die Verlierer im Spiel. Oder, wie der „Spiegel“ dieser Tage ironisch titelte: „Die Lage am Morgen: Kitakinder können bald in den Biergarten“.

Scherz beiseite – eine der spannenden Fragen der nächsten Monate wird sein, wie nachhaltig diese Zwangsdigitalisierung in den einzelnen Bereichen sich entwickeln wird. Zum Thema Remote Work hat der „Organisationsrebell“ und Berater Marcus Raitner, gern gesehener Autor auch im DIGITAL PUBLISHING REPORT, größte Bedenken. So schreibt er in seinem Blog: „Mit den ersten Lockerungen der Ausgangsbeschränkungen beginnt in vielen Büros das Hochfahren zurück zum Präsenzkult der Vor-Corona-Zeit, weil es echte Arbeit nur im Büro und nur unter Aufsicht geben kann … Nur ein anwesender Mitarbeiter ist demnach ein guter Mitarbeiter. Ein gern genutztes Narrativ des Präsenzkults ist dieses: Der Kapitän gehört auf die Brücke. Und weil Aufstieg in vielen hierarchischen Organisationen viel mit Sichtbarkeit zu tun hat, wollen ihm die Offiziere, Unteroffiziere und solche, die es noch werden wollen, in ihrem Präsenzeifer natürlich in nichts nachstehen.“ Diese Gegen-Reformation wäre nicht nur eine fatale Entwicklung, sie wäre auch eine Schande für Unternehmen, die von Kreativarbeit leben. Natürlich liegt die Wahrheit wie immer nicht „da draußen“, sondern irgendwo in der Mitte zwischen Präsenz und Remote, aber allein die Chancen im Recruiting oder der besseren Vereinbarkeit von Familie und Arbeit wiegen jedwede Bedenken auf!

In Pandemie-Zeiten wurden aber auch neue, spannende digitale Projekte und Produkte agil aus dem Boden gestampft wie etwa das digitale Magazin „Professional Safety“ des Wiener Fachmedien-Haus WEKA Industrie Medien, über das wir in dieser Ausgabe berichten. Und in Pandemie-Zeiten zeigte sich auch wieder der Widerspruch von allem-und-jederzeit-Verfügbarem (genug davon „Fake News“) und dem Wiedererstarken seriöser Medienmarken. Gerade die Marke und alles, was hinter dieser steht, wird in Zukunft entscheidend sein, wenn Nutzer sich entscheiden in diesem Meer an Über-Angeboten und Copycats. Dabei steht es um die Marken der Verlage nicht zum Besten. Bezeichnend, dass es im deutschsprachigen Raum exakt eine Studie zu diesem Thema gab. Diese datiert aus dem Jahr 2013 und stellt etwa den Buchverlagen ein vernichtendes Urteil aus. Um das eigene Markenverständnis der Verlage steht es nicht zum Besten – Grund für uns in der DIGITAL PUBLISHING-REPORT-Redaktion, einmal einen breiten Schwerpunkt zum Thema „Marke“ zusammenzustellen. In der Hoffnung, damit nötige Anregungen zu geben. Denn einfach ist der Weg zu einer stabilen, reichweitenstarken Marke sicher nicht. Jesse Meyer-Arndt, ehemals Kreativ Direktor Text bei Springer & Jacoby, wusste schon vor Jahren: "Ein Markenbildungsprozess [ist] mit Arbeit verbunden – und mit Geduld. Marken sind Eichen, keine Pilze." 

Ihnen viel Erfolg beim Bäumepflanzen wünscht

Steffen Meier