#5/ 2019
10/11

das betriebssystem der vernetzten welt

wie blockchain unser leben umkrempeln könnte

Banken, Versicherungen, Musikindustrie, Warentransport - kaum einen Lebensbereich soll Blockchain nicht grundsätzlich auf den Kopf stellen. Was steckt hinter der Technologie, und wie kann sie schon heute unser Leben bequemer und sicherer machen?

Stellen wir uns vor: Ein Lebensmittelproduzent in Argentinien verkauft Rindersteaks nach Frankreich. An jeder Kühlbox klebt ein smarter Sensor. Der zeichnet jederzeit auf: Welche Wege hat das Fleisch zurückgelegt, wo wurde es umgeladen – und vor allem: Bei welcher Temperatur wurde es transportiert? Gespeichert werden diese Daten automatisch in einer Art digitalem Kassenbuch, von dem alle Beteiligten an der Lieferkette automatisch Kopien bekommen. Fällt unterwegs die Kühlung im LKW aus, kann niemand nachher die Papiere frisieren und das vergammelte Fleisch als Frischware verkaufen. Schließlich können alle beweisen: Das Fleisch wurde etliche Stunden lang bei sommerlichen 30 Grad transportiert.

Die digitale Datenbank mit einem entscheidenden Dreh

Das digitale Kassenbuch in diesem Zukunftsszenario ist das, was man sich unter einer Blockchain vorstellen kann. Bekannt geworden ist die Blockchain als technologisches Rückgrat der Kryptowährung Bitcoin. Das Besondere an dieser Technik? Im Kern ist die Blockchain eine digitale Datenbank mit einem entscheidenden Dreh: Während eine klassische Datenbank von ihrem Betreiber jederzeit geändert oder von einem Hacker manipuliert werden kann, werden die Einträge in der Blockchain dezentral auf allen Rechnern im Netzwerk gespeichert. Alle Teilnehmer der Blockchain erhalten also eine Kopie des Eintrags. Jede nachträgliche Änderung würde deshalb sofort auffliegen. „Das führt dazu, dass man unter den Netzwerkteilnehmern über die Korrektheit dieser Daten Vertrauen schaffen kann“, erklärt Sebastian Förtsch, der sich im Innovation Space von TÜV NORD mit neuen Geschäftsmodellen beschäftigt.

Alle erdenklichen Transaktionen könnten so schneller, transparenter, sicherer und direkter abgewickelt werden. Und zwar in allen Bereichen, in denen bislang Mittelsmänner oder Makler garantieren, dass bei einem Transfer alles mit rechten Dingen zugeht. Ob im Bankwesen, der Versicherungswirtschaft, dem Immobilienmarkt oder der Rechteverwertung von Musik. Wenn etwa heute ein Grundstück seinen Besitzer wechselt, muss ein Notar den Eintrag im Grundbuch ändern. Mit der Blockchain könnte das prinzipiell automatisch passieren. Eine Idee, mit der sich etwa die schwedische Regierung beschäftigt. Die Macher von Syscoin wollen eine Art Ebay ohne Ebay aufbauen. Einen Onlinemarktplatz, über den Käufer und Verkäufer direkt miteinander handeln können. Und das günstiger als auf bisherigen Plattformen, weil die Vermittlungsgebühr deutlich niedriger ausfällt. Das Start-up Peertracks will mit Hilfe der Blockchain Ordnung ins Rechte- und Lizensierungsgewirr der Musikindustrie bringen. Und so dafür sorgen, dass Musiker schneller und transparenter an ihre Tantiemen kommen. Ohne den Umweg über Plattenlabel oder Rechteverwalter. „Technologisch lassen sich solche Geschäftsmodelle über eine Blockchain prinzipiell abbilden“, bestätigt auch Digitalisierungsexperte Förtsch.

Wie kommen die Daten in die Blockchain?

Vertrauen durch Fälschungssicherheit, das ist das große Versprechen der Blockchain. Aber nur weil Einträge nicht manipuliert werden können, ist nicht alles, was in der Blockchain landet, auch automatisch korrekt. Die Gretchenfrage für den TÜV-NORD-Experten ist deshalb immer: Wie kommen die Daten in die Blockchain? „Wenn das automatisiert und verifiziert geschieht, ist das immer ein guter Anwendungsfall“. Auf diese Weise will etwa die Flugversicherung Fizzy des Anbieters Axa das Leben von Fluggästen erleichtern. Nimmt man die Blockchain-Police über die Website in Anspruch, wird sowohl der Kauf des Flugs als auch der spätere Schadensfall über das System abgewickelt. Denn die Software vergleicht automatisch: wann sollte das Flugzeug abheben und wann ist es tatsächlich gestartet. Dann schickt sie der Airline automatisch eine Rechnung über die Verspätung. Lästige Formulare, Telefonate oder E-Mails mit der Schadensabteilung wären damit passé.

Sicherheitsprüfung via Blockchain

Aber auch bei der Sicherheitsprüfung von Produkten könnte die Vernetzung von elektronischen Geräten mit einer Blockchain behilflich sein. Daran arbeitet etwa das Forschungsprojekt SAMPL mit einer Blockchain-Plattform für den 3D-Druck. Das Prinzip: Jemand entwickelt eine Druckvorlage und stellt sie auf SAMPL ein. Ein anderer erwirbt eine Lizenz, um das Bauteil zwei Mal auszudrucken. Die Blockchain registriert dann nicht nur, ob er sich daran gehalten hat. Auch die sogenannten Metadaten des Druckers werden automatisch ausgelesen und in der Blockchain gespeichert. So lässt sich kontrollieren, ob beim Druck alles nach Plan verlief. „Wenn TÜV NORD ein solches Produkt zur Zertifizierung vorgelegt werden würde, dann würden die Prüfer automatisch auch über genaue Informationen verfügen, wie es produziert wurde“, erklärt Sebastian Förtsc

Auch für den Austausch von realen Gegenständen wie Wohnungen oder Autos könnte die Blockchain verwendet werden. Das ist die Idee hinter Slock.it. Jeder Gegenstand, der sich über Bluetooth oder WLAN ansteuern lässt, könnte demnach zu einem Blockchain-kompatiblen „Slock“ werden. Zum Beispiel das smarte Türschloss einer Wohnung, die man über das Wochenende an Touristen vermietet. Durch den Einsatz sogenannter Smart Contracts, einer Art automatischem Vertragsprotokoll, kann die Wohnung vermietet und sicher bezahlt werden. Auch Autos ließen sich so weitervermieten – und zwar ohne Carsharing-Anbieter ins Spiel zu bringen. 

Können Onlinemakler wie Airbnb, Ebay oder Carsharing-Anbieter also bald dichtmachen? Sebastian Förtsch hat daran seine Zweifel. Schließlich leben viele dieser Plattformen nicht zuletzt von den Ideen ihrer Gründer und der Art und Weise wie sie diese umsetzen. Neue Funktionen einzubauen oder einen optischen Frühjahrsputz der Website in Angriff zu nehmen, das kann schwierig und langwierig werden, wenn es für jede Änderung notwendig ist, dass sich die Mehrheit der Teilnehmer auf eine Variante einigen muss. Deshalb kann es in manchen Bereichen von Vorteil sein, dass es eine zentrale Instanz gibt, die festlegen kann, wie gewisse Prozess aussehen sollen“, so Förtsch.“

Ohnehin warten große Unternehmen erst gar nicht darauf, sich von Blockchain-Start-ups die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Sie experimentieren selbst mit den Möglichkeiten der Technik, um ihre Angebote zu verbessern und Prozesse zu beschleunigen. Gerade in der Finanzbranche schießen Blockchain-Projekte wie Pilze aus dem Boden. Die US-amerikanische Großbank JPMorgan testet damit neue Wege der Interaktion zwischen Bank und Kunde. IBM arbeitet weltweit an über 400 Projekten mit unterschiedlichen Unternehmen. Mit dem Supermarktriesen Walmart tüfteln sie etwa an einer Blockchain-Lieferkette für eine bessere Rückverfolgung von Lebensmitteln. Der Reisekonzern TUI hat in einem ersten Praxistest das Projekt „BedSwap“ vorgelegt. Der Belegungszustand aller Betten wird damit in Echtzeit dargestellt. So kann die Kapazität der freien Betten besser genutzt werden. TUI will dadurch seinerseits Mittelsmänner wie Booking.com oder Expedia überspringen und Kunden und Anbietern Zeit und Geld sparen.

Auch Sebastian Förtsch rechnet nicht damit, dass etwa Banker oder Immobilienmakler um ihren Job bangen müssen. „Die Blockchain wird bestehende Branchen oder Tätigkeiten nicht komplett ersetzen, sondern verändern und ergänzen.“ Grundbucheinträge durch die Blockchain sind rechtlich in Deutschland ohnehin noch kein Thema. Und selbst wenn sich das eines Tages ändern sollte, wird der Beruf des Notars damit sicher nicht obsolet, ergänzt Förtsch: „Wenn ein Notar zukünftig weniger Zeit für anspruchslose Routinetätigkeiten aufbringen muss, hat er mehr Zeit für die wichtigen Fälle.“

Sebastian Förtsch war bis Mitte 2018 Innovationsmanager im Innovation Space von TÜV NORD in Hamburg und leitet heute das Vorstandsbüro der TÜV NORD AG. Intensiv beschäftigte er sich hier mit neuen Geschäftsmodellen, Zukunftstechnologien und ihrer Rolle für TÜV NORD. Zu seinen Themenschwerpunkten gehörten Blockchain und Industrie 4.0.