Ein paar Worte zum Geleit
KI als Chance
Warum wurde Wattpad nicht in der Verlagsbranche selbst erfunden? Warum war Kindle – statt eines US-Invasors – kein Wunschkind des traditionellen Buchhandels? Warum haben Hörbuchverlage den Podcast-Trend und alle damit verbundenen Marketing-Chancen so lange verpennt? – Die Verlagsbranche war und ist kein Ort für radikale Innovationen, diese Diagnose ist alt und wahr zugleich (zuletzt vom Berater Hermann Eckel im Börsenblatt wiederholt).
Und doch ist es müßig, darüber zu lamentieren, denn das Lamento verstellt den Blick auf die vielen inkrementellen Neuerungen, die es dann doch in den vergangenen Jahre gab. Vielen davon haben wir mithilfe unseres digital publishing award eine Bühne gebaut. Der Wettbewerb für herausragende Projekte rund um die digitale Transformation von Medien geht gerade in die sechste Runde – und wir freuen uns schon auf die Einreichungen, die bis zur Verleihung rund um die Frankfurter Buchmesse bei uns eintrudeln (hier geht es zu den Infos).
Auch in diesem Jahr dürfte der Anteil von Bewerbungen rund ums Thema KI wieder hoch sein, das zeichnet sich schon jetzt ab. Bei unseren großen Digitalkonferenzen ai@media, tech@media Audio & Podcast, aber auch bei unserem Event in Frankreich, das wir im Auftrag von Bookwire veranstaltet haben, war zu sehen, wie weitreichend die Veränderungen durch Künstliche Intelligenz bereits heute sind.
Interessanterweise könnte es erneut der Audio-Bereich sein, in dem unmittelbar die größten KI-Umwälzungen passieren werden – also jener digitale Sektor, den Audible nach der Gründung im Jahr 1995 revolutioniert hat (by the way: Hatten Sie es auch schon vergessen, dass Audible 1997 den ersten tragbaren digitalen Audio-Player auf den Markt gebracht hat, vier Jahre vor dem Siegeszug des iPods von Apple?).
In diesem Magazin steckt Katharina Zeschke das Feld der „Revolution in der Audioproduktion“ ab, und das Feld ist wirklich sehr weit. Bei unserem Bookwire-Event hat beispielsweise Storytel den KI-gestützten „Voice Switcher“ demonstriert, ein Angebot in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Start-up-Unternehmen ElevenLabs. Auf Knopfdruck kann die Nutzer:in nahtlos zwischen einer Auswahl – wirklich erstklassiger – KI-Stimmen wechseln. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch namhafte Verlage und Selfpublisher synthetische Stimmen einsetzen, um ihre reichhaltige Backlist im Audioformat zugänglich zu machen, und zwar extrem günstig. Das Potenzial ist riesig: In den USA bieten laut einer Studie der Codex Group nur 22 % der traditionell veröffentlichten Autoren mehr als die Hälfte ihrer Bücher im Hörbuchformat an, bei den Selfpublishern sind es lediglich 13 %.
Noch dürften die Skeptiker:innen der Branche überwiegen: Was wird aus den Hörbuch-Sprecher:innen? Kann KI denn überhaupt Kunst? Am Ende entscheidet – wieder – der Markt, regelt die Nachfrage das Angebot. Und dann bricht doch mal wieder eine Phase der radikalen statt inkrementellen Innovationen in der Branche an. Ich freue mich darauf, weil die Chancen alle Risiken überwiegen, Sie auch?
Daniel Lenz
DIGITAL PUBLISHING REPORT