#4/ 2021
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Serie "KI in Medien und Publishing"

KI für Kino-Blockbuster, Facebooks Frauenproblem und ein Chatbot für die Kommune

Facebooks Anzeigenalgorithmen schließen Frauen von Stellenanzeigen aus 

Das System zur Auslieferung von Anzeigen schließt Frauen ohne Rücksicht auf ihre Qualifikation von Stellenangeboten aus, meldete die MIT Technology Review letzte Woche. Das wäre nach US-Arbeitsrecht illegal. Facebook hält bestimmte Stellenanzeigen von Frauen aufgrund ihres Geschlechts zurück. Das ergab die Prüfung des Facebook Ad Services, die von unabhängigen Forschern der University of Southern California (USC) durchgeführt wurde. Sie stellte fest, dass Facebooks Anzeigensystem Frauen und Männern unterschiedliche Stellenanzeigen zeigt, obwohl die Stellen die gleichen Qualifikationen erfordern. Dies wird als geschlechtsspezifische Diskriminierung im Sinne des US-Gesetzes zur Chancengleichheit am Arbeitsplatz betrachtet, das das Targeting von Anzeigen aufgrund geschützter Merkmale verbietet. Die Ergebnisse kommen trotz jahrelanger Lobbyarbeit und Gerichtsverfahren und nach Versprechen von Facebook, die Art und Weise der Anzeigenauslieferung zu überarbeiten.

KI errechnet potenziellen Verkaufsabschluss

Potenzielle Kunden identifizieren und Vorhersagen darüber treffen, welche Kunden mit welcher Wahrscheinlichkeit den größten Umsatz bringen – mit diesen Fragen beschäftigt sich die Forschungsgruppe AIST (Advanced Information Systems & Technologies) der FH Oberösterreich in Hagenberg. Nun entwickelte die österreichische Firma 506 Data & Performance GmbH gemeinsam mit der FH OÖ einen selbstlernenden Algorithmus zum Lead Scoring auf Webseiten. Statt auf Google setzten die Softwareentwickler bei den generierten Rohdaten auf das Start-up Jentis.

Über die Jentis-Lösung wurden auf verschiedenen Websites First-Party-Rohdaten von Nutzer Customer Journeys erfasst und aufbereitet. Dann folgte die Erstellung der Modelle und Evaluierung, Skalierung der Daten sowie ein Train-/Test-Split und die Testung der beiden Modelle in einem Pilotcase. Dabei werden die verfügbaren Daten möglicher Neukunden – Mitarbeiterzahl, Jahresumsatz, Branche – automatisch nach Wahrscheinlichkeit eines potenziellen Verkaufsabschlusses bewertet. 

Das Ergebnis: Modell 1 konnte aus rund 119.000 Usern knapp 230 Leads generieren, Modell 2 erzielte ähnliche Ergebnisse. Beide Modelle können zur effektiven, personalisierten Kommunikation mit potenziellen Neukunden dienen und die Steuerung des Vertriebsteams unterstützen, so das Studienergebnis. Auf technischer Seite zählten neben der Tracking-Lösung auch eine Marketing-Automatisierungslösung sowie eine Customer Data Plattform zum Projekt.

“AI-gestützten, datenbasierten Marketing Anwendungen gehört die Zukunft", sagt Klaus Müller, CO-CEO Jentis. "Sie sind die Königsdisziplin für Trackinglösungen. Jede AI benötigt First-Party-Rohdaten und diese in ausreichendem Umfang, um selbstlernende Algorithmen wirksam zu trainieren und ihr Leistungspotenzial sukzessive voll ausschöpfen zu können. Herkömmliche client-side Trackinglösungen können diese Anforderungen kaum mehr erfüllen. Daher freuen wir uns sehr, mit Jentis zum erfolgreichen Gelingen dieses Projektes beigetragen zu haben.“

https://www.506.ai

KI kann das Schreiben von erfolgreichen Kinoproduktionen vereinfachen. 

Forscher der Universität in Granada und Cádiz haben anhand von KI-Methoden die  Kernelemente in Blockbustern herausgefiltert. Mit diesem „Tropes“ soll Software künftig vorherzusagen können, welche Elemente sie benötigen, um zum Verkaufshit zu werden. Für ihre Studie haben die Forscher mehr als 25.000 Tropes in nicht ganz 11.000 Filmen untersucht und ermittelt, wie diese miteinander in Verbindung stehen. Als Basis nutzten sie die Wiki-TV-Tropes. Um die Erfolgschancen berechnen zu können, haben die Wissenschaftler die Daten im nächsten Schritt mit Nutzerbewertungen und Beliebtheitsgrad von Blockbustern aus der Internet Movie Database abgeglichen.

Das System soll Regisseure und Drehbuchautoren bei ihrer Arbeit unterstützen. „Auch wenn unser System noch nicht automatisiert schreiben kann (obwohl das unser nächster Schritt wird), bietet es die Ressourcen, um zu ermitteln, welche Kombinationen von Ideen am besten funktionieren könnten", sagt der Informatiker Pablo García-Sánchez von der Universität Granada.

https://tvtropes.org

https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0248881

Technologie mit viel Potenzial für den Mittelstand

Die neue Deloitte-Studie Künstliche Intelligenz im Mittelstand konstatiert partiellen Nachholbedarf, aber auch vielversprechende Anwendungen in der Gegenwart – und vor allem ein erhebliches Potenzial in Bereichen wie z.B. Prozessautomatisierung, Kundeninteraktion und Entwicklung neuer Geschäftsmodelle.

Für den aktuellen Betrieb wird der Technologie derzeit nur eingeschränkte Bedeutung zugemessen: 30 Prozent der Studienteilnehmer bescheinigen ihr allenfalls eine mittlere und 34 Prozent eine niedrige oder sehr niedrige Relevanz. Andererseits sehen 59 Prozent eine Zunahme bzw. starke Zunahme an Bedeutung voraus. Die Chancen von KI sind dem Mittelstand also durchaus bewusst. Dabei, so das Urteil der Autoren der Studie, könnte sich gerade die spezifische Besonderheit des deutschen Mittelstandes bei der Umsetzung entsprechender Konzepte einmal mehr als Vorteil erweisen: Inhaber- oder Familien-geführte Unternehmen können ihre Mitarbeiter auf eine viel direktere Art auf die Reise zu neuen Möglichkeiten mitnehmen und einbinden als große Konzerne.

Im Oktober und November 2020 wurden dafür 307 Führungskräfte aus dem Mittelstand online per Fragebogen befragt. Die teilnehmenden Unternehmen hatten durchschnittlich 1.154 Mitarbeiter und 360 Millionen Euro Jahresumsatz. Die Studie enthält auch Statements über die Erkenntnisse und Erfahrungen der acht in Interviews konsultierten KI-Experten. Außerdem werden einleitend die vielfach noch unklaren Begrifflichkeiten und Konzepte rund um KI erörtert und eingegrenzt. Nicht zuletzt gibt die Studie schließlich spezifische Umsetzungstipps, die dem Mittelstand bei der Fortentwicklung und beim Identifizieren der großen Chancen helfen, die KI bietet.

https://www2.deloitte.com/content/dam/Deloitte/de/Documents/Mittelstand/Erfolgsfaktorenstudie_Künstliche%20Intelligenz%20im%20Mittelstand.pdf

Intels künstliche Intelligenz kann Rassismus aus Sprach-Chats filtern

Der Chiphersteller Intel stellte auf seiner GDC-Präsentation mit „Bleep“ eine künstliche Intelligenz vor, die ungewünschte Wörter in Sprach-Chats erkennen und ausblenden kann. Nutzer können Begriffe und Formulierungen wählen, die ausgeblendet werden sollen. Auf dieses Basis lernt der Algorithmus dann, welche weiteren Begriffe und Formulierungen nicht angezeigt werden sollen. Bleep soll noch in diesem Jahr auf den Markt kommen. Die Präsentation ist im Video ab Minute 29:30 zu sehen. 

https://www.youtube.com/watch?v=97Qhj299zRM

Studies entwickeln Chatbot für Kreis-Verwaltungt

Studierende der Hochschule Rhein-Waal haben für den Kreis Wesel einen Chatbot entwickelt. Der könnte künftig Verwaltungsmitarbeiter entlasten. Im Rahmen eines interdisziplinären Projekts haben fünf Studierende der Studiengänge Verwaltungsinformatik – E-Government und Medieninformatik der Hochschule Rhein-Waal im Wintersemester den Prototypen eines Chatbots für den Internetauftritt des Kreises Wesel konzipiert und umgesetzt. Die Abschlusspräsentation der Projektergebnisse fand nun in virtueller Form statt. Chatbots bearbeiten unkompliziert und voll automatisiert häufig gestellte Fragen und Anliegen und bieten den Bürgerinnen und Bürgern eine weitere Kontaktmöglichkeit.

So können Fragen wie „Welche Unterlagen benötige ich für die Zulassung eines KFZ?“ oder „Was muss ich mitbringen, wenn ich BAföG beantragen möchte?“ ohne größere manuelle Bearbeitung eines Mitarbeitenden beantwortet werden. „Dies ermöglicht den Bürgerinnen und Bürgern, schnelle Antworten zu erhalten und schafft für die Mitarbeitenden weitere Freiräume für inhaltliche Verwaltungstätigkeiten.

https://www.hochschule-rhein-waal.de/de

Was ist nur los mit Mark Zuckerberg?

dpr-Mit-Herausheber Olaf Deininger über die intellektuelle Welt des Facebook-Gründers.

Letzte Woche veröffentlichte MIT Technology Review eine aktuelle Studie der University of Southern California (USC). Darin stellten die Forscher fest, dass Facebooks Anzeigenalgorithmen Frauen von Stellenanzeigen ausschließen (siehe erste Meldung). Was, möchte man verärgert sagen, schon wieder ein Problem mit der Einstellung von KI bei Facebook? 

Wie oft haben Facebook und Mark Zuckerberg schon Besserung belobt, haben sich öffentlich und in Ausschüssen erklärt und erklären müssen, haben mit der Veröffentlichung ihrer kompletten (?) Algorithmen versucht Vertrauen aufzubauen? Doch warum trotzdem immer wieder? Fragen wir nach den Gründen. 

Ist es etwa Zufall? Kaum, denn diese Fälle häufen sich in einem Umfang, dass man längst nicht mehr un Zufall oder Schlampigkeit der Mannschaft sprechen kann. Zumal KI einer der zentralen Technologien ist, mit denen diese Social-Media-Plattform gesteuert wird. Also kein Randbereich des Unternehmens, um den man sich nicht so richtig kümmert, da er ohnehin nicht entscheidend ist. Also: Kerntechnologie im Bereich Alleinstellungsmerkmal von Facebook.  

Es liegt auch nicht daran, dass Facebook nicht von den Medien auf die Folgen seiner algorithmischen Einstellungen hingewiesen worden wäre. Die KI von Facebook – überhaupt seine gesamte IT-Infrastruktur – wird nicht erst seit dem Fall von Cambridge Analytica permanent diskutiert. Auch öffentliche Anhörungen gab es schon, in denen mit Mark Zuckerberg die Folgen seiner Algorithmen diskutiert wurden.

Also Absicht? Ist Mark Zuckerberg etwa ein Rechts-Konservativer, Rechts-Nationalist, ein Trump-Anhänger, der seine Plattform absichtlich auf möglichst viel Hauen-und-Stechen, auf "Survival of the Fittest" und Überlebenskampf, auf „It’s a mans word“ und auf „Grab her …“ programmiert?

Wollen wir das wirklich glauben? Hat er sich jemals politisch geäußert? Eher kaum. Ist es dagegen nicht wahrscheinlicher, dass Mark Zuckerberg eventuell intellektuell gar nicht überreißt, was er da tut? Die Folgen gar nicht wirklich abschätzen kann? Oder ist es ihm egal? Oder: Es ist eine Mischung aus beidem? Ich möchte das gar nicht für zutreffend halten, doch es erscheint am wahrscheinlichsten. Was ist nur los mit Mark Zuckerberg?

Sprachenwunder auf den zweiten Blick

KI-Textroboter: Schon im Jahr 2022 werden etwa 25 Prozent aller Unternehmen indirekt oder direkt NLG-Technologie zur Automatisierung von Texten einsetzen. 

von Saim Rolf Alkan

In nur einer Woche eine neue Sprache lernen: Was für uns Menschen für immer ein frommer Wunsch bleibt, ist für einen Textroboter dank Natural-Language-Generation-(NLG)-Technologie absolut realistisch. So spricht unsere Textautomatisierungslösung mittlerweile 112 Sprachen fließend. Und auch die Anfrage eines skandinavischen Reiseanbieters, die bei uns aufschlug und 23 weitere Sprachen erfordert, stellt keine wirkliche Herausforderung dar. Denn: Mit strukturierten Daten, menschlicher Kreativität und einer guten KI lässt sich so etwas innerhalb weniger Wochen realisieren. 

Wo früher aufwendige Übersetzungen erforderlich waren, kann man heute Übersetzungen mit Softwarelösungen stark beschleunigen. Denn Textroboter lernen mit den Daten und Informationen über eine Sprache dazu und merken sich semantische Regeln. Diese lassen sich dann auf andere Sprachen teilweise übertragen. 

Im Fall des angesprochenen Reiseanbieters, der seine touristischen Dienstleistungen in die ganze Welt verkaufen möchte, ist das ein echter ein Glücksfall. Denn Künstliche Intelligenz beschleunigt Arbeitsprozesse in nie dagewesene Art und Weise. Auch wenn das nicht immer gleich zu sehen ist, da es natürlich einen Initialaufwand braucht, um KI im Unternehmen produktiv einzusetzen.

Schaut man genauer hin, merkt man schnell, dass uns intelligente Systeme noch effizienter und erfolgreicher machen. Der zweite Blick auf zahlreiche Use Cases lohnt sich. Dabei sollten Sie sich nicht immer nur auf die Ergebnisse konzentrieren, sondern auch den Weg dorthin genauer unter die Lupe nehmen. Die Technologie-Experten von Gartner schätzen, dass schon bis zum Jahr 2022 etwa 25 Prozent aller Unternehmen indirekt oder direkt NLG-Technologie zur Automatisierung von Texten einsetzen werden.

Saim Alkan ist Gründer und CEO von AX Semantics. Der Wirtschaftsingenieur und KI-Experte erkannte früh die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz zur automatisierten Texterstellung in den Bereichen E-Commerce und Verlagswesen.