#4/ 2020
3/12

Ein paar Worte zum Geleit

Wenn dieser Tage behauptet wird, es gebe bald nur noch eine Zeit vor Covid 19 und eine danach, dann soll dies primär die Zäsur beschreiben, die mit der Pandemie in allen Dimensionen der Gesellschaft verbunden ist. Und auch wenn es natürlich viel zu früh für eine Zwischenbilanz ist, so zeichnet sich zumindest ab, dass Verlage und Buchhändler keineswegs zu den Akteuren der Wirtschaftswelt gehören, die am stärksten von dieser wirtschaftlichen, gesellschaftspolitischen, psychologischen, also allumfassenden Zäsur betroffen sind. 

Zwar haben einige Sortimenter in den ersten Wochen nach dem Shutdown am lautesten um Hilfe geschrien und ihren Appell quasi reflexartig mit der über Jahre einstudierten Anti-Amazon-Hasstirade verbunden – was mich befremdet hat, um es vorsichtig zu sagen, weil hervorgekehrte Partikularinteressen gerade zu Beginn einer gesamtgesellschaftlichen Krisensituation gerne negativ aufstoßen. Aber insgesamt ist die Krise in diesem Zweig der Medienwelt für die meisten Akteure bislang nicht katastrophal stark zu spüren gewesen.

Zeitschriftenverlage vermelden zum Teil deutliche Abonnentenzuwächse – wenn auch teilweise angespannte Geschäfte an den Kiosken und Bahnhofsbuchhandlungen, die, verglichen mit dem Buchhandel, kaum über Stammkunden verfügen. Der Buchhandel zieht wieder an, wie Susanne Bez in dieser Ausgabe im Rahmen eines Corona-Diskussions-Roundtables erklärt: „Im Moment sehen wir einen massiven Anstieg des Endkundengeschäfts, das wir für die von uns betreuten Buchhändler betreiben.“ Und: „Wir haben wirklich mit erheblichen, viel drastischeren Umsatzeinbußen gerechnet, die da auf uns hätten zukommen können.“ Und: „Tatsächlich haben wir rein an einzelnen Positionen zum Teil fast schon Weihnachtsgeschäft, bezogen auf einzelne Bücher.“

Gerade für den digital publishing report ist die Frage besonders interessant, ob die Krise auch ein Katalysator sein kann, der die teilweise überfällige digitale Transformation der Medienwelt beschleunigt. Für diese These gibt es einige gute Argumente, sind doch Tools wie Zoom durch die Nahkontaktsperre in wenigen Wochen tief in die Lebenswelt vorgedrungen – und zur digitalen Nabelschnur großer Teile der Gesellschaft und Wirtschaft geworden. Wie selbstverständlich sind Kneipengespräche teilweise an die digitale Theke verlagert worden, werden politische Schritte vor vernetzten Webcams abgestimmt und selbst komplexe Themen im Unternehmen in digitalen Runden diskutiert.

Und doch ist es viel zu früh, um allzu große Hoffnungen walten zu lassen. „Meine Sorge ist, dass das ganze Explorative, also der Innovationsanspruch, den wir jetzt haben sollten, das Streuen des Risikos, das Überdenken unserer Geschäftsmodelle, unter die Räder kommt, wenn (...) ,der Apparat wieder losläuft'“ – was die Beraterin Annette Beetz beim Corona-Roundtable primär auf die künftige Art des Zusammenarbeitens in Verlagen bezieht, könnte für die digitale Transformation der Medienbranche ganz grundsätzlich gelten. Ein Digitalisierungsschub, der an Power verliert, sobald die alten Prozesse und Strukturen wieder intakt sind und die Gefahr groß ist, in eingeübte Verhaltensweisen zurückzuverfallen, die eben nicht modern, nicht zeitgemäß und mitunter auch nicht effizient sind.

Wir beim digital publishing report werden dagegen anschreiben, das ist sicher.

Kommen Sie gut durch die Krise!


Ihr Daniel Lenz