#4/ 2019
8/11

agiles arbeiten – gelernt vom opa

Mein Opa oder – wie man zu Hause sagen würde: „der Oppa“ – war Mathematiker. Ein sachlicher, strenger Mann, voller Disziplin, Genauigkeit und Pflichtbewusstsein. Und, wie es sich für einen Opa gehörte, sah er es als seine Pflicht, mir diese Tugenden mit auf den Weg zu geben.

Neben seinem Beruf, irgendwas mit Zahlen und vielen Rechenaufgaben, hatte er zwei Hobbies. Erstens waren da seine Kreuzworträtsel. Er konnte so schnell alle Kreuzworträtsel ausfüllen, dass es mir jede Lust genommen hat, diese Aufgaben auch einmal zu versuchen. Selbst den bekannten afrikanischen Fluss mit drei Buchstaben hatte er schon geschrieben, bevor ich die Frage gelesen habe. Sein zweites Hobby war sein Hobbykeller. Mein Opa liebte es, mit Holz zu arbeiten.

Dieses Hobby hat uns miteinander verbunden. So verbrachte ich viele Schulferien bei Oma und Opa und freute mich auf die neuen Abenteuer mit Opa im Keller. So auch in den Herbstferien, in denen ich die Grundlagen dessen lernte, was heute als agiles Arbeiten bekannt ist.

Nachdem meine Eltern mich in Gelsenkirchen-Host abgesetzt haben, musste ich bald ins Bett. Das habe ich natürlich auch ohne Widerworte getan, denn ich wusste, dass am nächsten Tag ein neues Projekt beginnt.

Am Frühstückstisch begann die Planung. Aber mein Opa fragte nicht mich, was ich denn mit ihm basteln möchte, sondern er fragte Oma, was wir basteln sollen.

Lektion 1: Agile Projekte sind kein Selbstzweck, sondern sie haben klare Auftraggeber-Strukturen. Das nennt man den „Product-Owner“.

Meine Oma überlegte einen kleinen Augenblick und sagte: „Ich wollte neulich für Eckhard einen Bahnhof für die Modelleisenbahn kaufen, aber die hatten nur so hässliche bunte Dinger, die gar nicht aussahen wie ein echter Bahnhof und die waren auch sehr „spisselig“. Baut doch bitte einen Bahnhof, der aussieht wie ein echter Bahnhof.“

Lektion 2: Ein agiles Projekt hat klare Vorgaben. Diese werden durch den Product-Owner als „User-Story“ definiert. Eine gute Methode besteht darin, zu formulieren: „Ich als – will – weil“. Ob Oma schon weitere Wünsche hatte, wusste ich nicht. Das war ihr „Backlog“. Aber ein agiles Projekt erfordert, dass nur so viele User-Stories in den aktuellen „Sprint“ kommen, wie auch in der Zeit gelöst werden können.

Voller Eifer gingen wir in den Keller, und ich begann direkt damit, mir die richtigen Werkzeuge auszusuchen, und brannte darauf, die elektrische Stichsäge zu benutzen. Aber mein Opa bremste mich. „Lass uns überlegen, was alles zu tun ist“, sagte er. Er nahm ein paar Blatt Papier, spitzte noch schnell zwei Bleistifte an, wie es sich für einen Mathematiker gehörte, und wir schrieben zusammen auf, welche Arbeitsschritte uns einfallen und wie viel Mühe sie jeweils machen würden.

Lektion 3: Ein agiles Projekt ist kein hektisches unkontrolliertes Unterfangen.

Bei vielen Aufgaben, die wir benannt hatten, hatten Opa und ich völlig unterschiedliche Einschätzungen, wie lange denn die jeweilige Aufgabe dauern würde. Opa ging es aber gar nicht darum, mir seine Einschätzungen als „die Richtigen“ zu vermitteln, sondern wir diskutierten, warum diese Unterschiede bestehen. In vielen Fällen lag es daran, dass mir die Erfahrung fehlte; aber bei anderen hatten wir unterschiedliche Annahmen, wie denn etwas umzusetzen sei.

Lektion 4: Ein agiles Projekt kennt keine „Aufgabenvergabe“ sondern eine „Anforderungsvergabe“. Die Aufgabenstruktur und Einschätzung erfolgt vom Team – und eben nicht vom Auftraggeber. Die Diskussion im Team schafft hier eine viel bessere Planungssicherheit, als es eine Weisung jemals könnte. Außerdem lernte ich, dass eine Spezifikation an vielen Stellen sinnvoll ist. In agilen Projekten spricht man hier von der „Definition of Done“.

So schrieben wir auf das zweite Blatt Papier, was denn jeweils gemacht wird, damit etwas abgeschlossen ist.

Endlich ging es los. Mein Opa und ich gingen in den kleinen Nebenraum vom Hobbykeller, um das passende Holz zu suchen. „Was willst Du hier?“, fragte Opa. Ich verstand die Frage nicht. Wir brauchen doch das Holz. Opa verwies auf unseren Zettel und der besagte, dass Opa das Holz sucht und ich die Farben für den späteren Anstrich wählen soll.

Lektion 5: Gute Teamarbeit zeichnet sich nicht dadurch aus, dass alle versuchen alles zusammen zu machen, sondern dadurch, dass eine – auf Basis von freiwilligen Zusagen – gute Aufteilung besteht.

Ich war ein bisschen irritiert. Ich wusste genau, dass im Nebenraum diese schönen dünnen Bretter lagen, die ich für das Dach nehmen wollte. Aber ich wollte natürlich Opa auch nicht die Auswahl der Farben überlassen. Also hoffte ich, dass Opa das richtige Holz suchte und ich wählte die Farben.

Lektion 6: Ein gutes Team wird nur dann funktionieren, wenn jeder bereit ist, sich auf die Kompetenzen und die Leistungen des Anderen zu verlassen. Es kann nicht jeder alles machen und es kann auch nicht jeder jeden kontrollieren.

Nun ging es an das Messen und Zeichnen. Wir legten die Bretter, die Opa ausgesucht hatte, auf den Tisch und zeichneten uns mit Lineal, Zollstock und Winkel genau an, was wir wie zu schneiden hatten. Hierbei stellte sich heraus, dass von den kleinen Leisten zu wenig vorhanden war und wir wichen auf eine Alternative aus.

Lektion 7: Ich lernte erneut, dass agile Projekte kein hektisches Unterfangen sind. Das hatte ich zwar in Lektion 3 schon gelernt, aber manche Dinge sind so schwierig und wichtig, dass eine Erinnerung guttut.

Ich war froh, dass wir noch nicht begonnen hatten die dünnen Leisten zu sägen. Wenn wir das erst später erkannt hätten, wäre es für die Änderung vielleicht zu spät gewesen.

Lektion 8: Kleine Iterationsschritte erhöhen die Planungssicherheit. Agilität heißt eben auch, Fehler früh zu erkennen. Das ist kein Manko, sondern das beste Qualitätsmanagement in kreativen Projekten.

So ging der Tag mit nur wenig Sägearbeit vorbei und ich ging auch früh ins Bett. Mit einem Lächeln, denn ich hatte eine gute Zeit mit meinem Opa, ich hatte viel gelernt und ich konnte mir vorstellen, wie schön der Bahnhof einmal werden wird.

Lektion 9: Teammitglieder, die gut eingebunden sind, haben Spaß an der Sache, sehen die Fortschritte und sind so bereit Verantwortung zu tragen.

Der nächste Morgen. Endlich hatte Oma das Frühstück fertig. Ich war so fixiert, schnell in den Keller zu kommen, dass ich mein Marmeladenbrötchen nur so verschlungen habe. Als Opa dann auch fertig war, sprang ich auf. „Geht es jetzt los?“ „Nein“, sagte Opa, „Du wolltest doch noch Mama anrufen und du hast dir auch noch nicht die Zähne geputzt“.

Lektion 10: Gute Teammitglieder passen aufeinander auf. Wertschätzung und Fürsorge sind die wesentlichen Bausteine, damit ein Team auch nachhaltig noch ein Team bleibt. Auch in den spannendsten agilen Projekten gibt es noch andere Sachen. Übertreibung ist genauso schädlich, wie Müßiggang. Ein gutes Team braucht einen Rhythmus, der für alle passend, gesund und motivierend ist.

Endlich gingen wir in den Keller. Bevor es los ging, fragte Opa mich, wie es mir geht, ob ich mit dem gestern Geschafften zufrieden wäre und ob ich heute einen besonderen Plan habe, der noch nicht besprochen wurde. Mir ging es super, meine Motivation war perfekt und ich hatte keine Änderungen geplant. Dann erzählte Opa mir, dass er doch gerne etwas ändern würde. Anstelle der geplanten Messingschrauben zur Befestigung des Daches sollen wir es besser verleimen, war sein Vorschlag. Das hätte den Vorteil beim späteren Anstrich, dass wir kleine Dachziegel malen könnten und das Gesamtbild nicht durch Schrauben gestört wird. Ich konnte es mir gut vorstellen, hielt es für eine gute Idee und stimmte zu.

Lektion 11: Kurze fortlaufende Rückblicke, das Infragestellen des Vorhabens auf Detailebene und neue Abstimmungen sind für ein agiles Projekt wichtig. Desto früher man ändert, desto mehr Potenzial wird aus der Summe der Ideen herausgeholt. In agilen IT-Projekten nennt man diese Meetings „Daily-Scrums“.

Und so vergingen meine zweiwöchigen Herbstferien nach einem geregelten Schema und dennoch mit immer abwechslungsreichen Aufgaben. Ich hatte jeden Tag die gleiche hohe Motivation; ich habe viel von Opa gelernt. Und die Tatsache, dass ich nicht einfach warten musste, bis ich an die elektrische Laubsäge durfte, sondern als Teammitglied mit ganz eigenen Verantwortungen und Kompetenzen handelte, hat dazu beigetragen, dass wir den schönsten Bahnhof der Welt gebaut haben.

Viele Dinge, die ich zu Beginn des Projektes mit meiner Ungeduld nicht verstehen konnte, wurden wenige Tage später für mich zum wichtigen festen Bestandteil des Projektes. So fegte ich beispielsweise jeden Abend gerne die Späne zusammen, während Opa das Werkzeug wieder an Ort und Stelle räumte. Am nächsten Tag einen sauberen und einladenden Arbeitsplatz zu haben, war viel wert.

Lektion 12: Agilität erfordert vielmehr Disziplin, als die meisten Menschen denken. Aber gut gemacht und die Aufgaben fair verteilt wird auch das zu einer schönen Aufgabe, da man den Nutzen am eigenen Leib spürt. Wer glaubt, dass agile Projekte etwas mit Chaos zu tun haben, der irrt gewaltig – und er wird weder Spaß noch Erfolg erleben.

Eckhard Klockhaus, Gründer, Geschäftsführer und Aufsichtsrat beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der Digitalisierung von Unternehmen und Arbeitsprozessen. Als Keynote-Speaker und Blogger zu den Themen der digitalen Zukunft, agilen Prozessen und der Unternehmenskommunikation verbindet er visionäre Ansätze mit pragmatischen Handlungsempfehlungen. Eckhard hat für zahlreiche Rundfunkanstalten, Medienunternehmen und Verlage in Projekten gearbeitet, bevor er sich dem Thema der redaktionellen Prozesse für Unternehmens-Kommunikatoren gewidmet hat. Er selbst beschreibt sich als Nerd mit Managementerfahrung. In seinen Vorträgen verbindet er Humor, Bodenständigkeit und Fachwissen und motiviert die Teilnehmer neue Wege zu gehen.