#3/ 2023
3/23

Mit Espresso die Umwelt retten

Ich gebe zu: Das Thema Nachhaltigkeit aka Sustainability hatte mich bisher eher im privaten denn beruflichen Umfeld beschäftigt. Immerhin sind wir beim DIGITAL PUBLISHING REPORT ja die „guten“ Digitalen, wegen uns muss kein Baum gefällt oder LKW auf die Straße geschickt werden. Erst letztes Jahr begannen wir, uns intensiver mit dem Thema der Nachhaltigkeit von Medienproduktion zu beschäftigen, in diversen kleineren Austauschrunden, in einem größeren Rahmen auf unserem öffentlichen „Let’s go green“-Event usw. Aufgefallen ist mir abei eine gewisse Verlaufsähnlichkeit zur Entwicklung der Diskussion um das Thema „Klimakrise“ (das verniedlichende Wort-Framing finde ich heute noch gruselig): Unüberschaubarkeit der Aktionen und Informationen, Zersplitterung, divergierende Schwerpunktsetzung, Diskussionen, ob jetzt „Hand-„ oder „Footprint“ usw. 

Dazu Medienverbände, die Arbeitskreise gründen und Events veranstalten – alles löblich, aber eben doch so, dass diese Verbände gerne vergessen, dass sie eben doch nur einen Teil der Medienwelt und einen Teil der Produkte abbilden. 

In einem kürzlichen Gespräch mit einem Druck-Technologieanbieter und dessen Nachhaltigkeitsbemühungen kam auch der Punkt Lieferketten und weltweite Distribution auf. Konkret: Eigentlich ist es aus ökologischer Sicht Unfug, Bücher am Ende der Welt in einer dann schon vordefinierten Auflagenhöhe am anderen Ende der Welt zu produzieren, um diese dann per Schiff um eben jene halbe Welt zum eigentlichen Markt zu verschiffen. Unwillkürlich musste ich dabei an die „Espresso Book Machine“ denken, eine Idee, noch aus dem letzten Jahrtausend von Jason Epstein, damals Random House-Verleger, stammend. Das Prinzip ist simpel: Stelle an den Point of Sale (z. B. Buchhandlung) ein Gerät, das gewünschte Titel vor Ort ausdruckt. Vor etwa 10 Jahren wurde diese Idee dann auch hierzulande publizistisch aufgegriffen, um dann recht schnell in der Versenkung zu verschwinden. Letzten Endes scheiterte es daran, dass vor allem die Kataloge großer Verlage fehlten. 

Das zeigt vor allem zwei Dinge: Zum einen muss das Rad nicht immer neu erfunden werden, vieles wurde in der Vergangenheit schon angedacht, es gibt Prototypen. Und zweitens: Wenn der Wille zur Umsetzung und Beteiligung großer Markteilnehmer fehlt, kann das alles nicht funktionieren.

Aber zurück zum Thema Nachhaltigkeit: Wenn es zu viele auch partikulare Informationen gibt über etwas, das nicht direkte und sofortige Auswirkungen auf die eigene Lebenswelt hat, setzt sich Mensch auf sein Sofa und schaut Rosamunde Pilcher oder Heidi Klum im Fernsehen. Da macht Medienmensch keine Ausnahme. Deswegen werden wir beim DIGITAL PUBLISHING REPORT verstärkt versuchen, Wissen und Aktionen rund um das Thema Medien-Nachhaltigkeit transparenter zu machen, zu bündeln und auch leichter nachvollziehbar zu machen. Und wir wollen den Schwerpunkt darauf legen, welchen ökologischen Hand-/Footprint wir digital Publizierende eigentlich verursachen. Vielleicht sind wir dann nicht mehr die „Guten“? Wir werden sehen.

Bleiben Sie neugierig!

Steffen Meier
DIGITAL PUBLISHING REPORT