#3/ 2020
11/13

„Sorry, dass wir das Internet im letzten Jahr kaputt gemacht haben“

Die verschiedenen Spielarten von Clickbaiting

OMG! Du flippst aus, wenn du hörst, was Justin Bieber für 2020 geplant hat!

Dieses Video hat mich zu Tränen gerührt, aber was bei Sekunde 7 geschah, hat mein Leben verändert

 Ein junger Fan bricht in Ronaldos Hotelzimmer ein. Du errätst nie, was dann geschah!

Der Ursprung

Upworthy, BuzzFeed, Huffington Post haben eine Kunst draus gemacht – Focus Online, Hefti.co und so manche Boulevard-Marken werden auch mit Clickbait in Verbindung gebracht. Ihnen haben wir das Thema zu verdanken. Historisch gehen die Mechanismen auf die Yellow Press (vgl. Mathew Ingram) zurück: Reißerische Überschriften sollten zum Kauf der Zeitung reizen. Das funktioniert heute in der Klatschpresse noch wunderbar, wie Topf voll Gold mit aller Geduld dokumentiert.

Der Kampf gegen Clickbait

„Wir haben ein Monster von der Leine gelassen. Sorry dafür. Sorry, dass wir das Internet im letzten Jahr kaputt gemacht haben. Ich freue mich, dass wir uns künftig von Clickbait verabschieden“, tönte Upworthy-Mitgründer Peter Koechley bereits 2014 (vgl. Buisness Insider), als sein Unternehmen die Flucht nach vorne antrat. Der Grund: In dem Jahr ging Facebook intensiv gegen die Methode vor. Wenn Nutzer besonders wenig Zeit mit dem Inhalt verbringen oder besonders wenige Kommentare oder Likes zurücklassen, sind das für Facebook Indikatoren für Clickbait. Eine Drosselung des Posts war dann die Folge. Später kam noch eine Text-Erkennung von typischen Clickbait-Formulierungen hinzu. Mittlerweile werden Facebook Pages, die wiederholt gegen die Clickbait-Regeln des Netzwerks eingestuft werden, sogar komplett gedrosselt.

Das größte Missverständnis

Nicht selten von Journalisten, oft aber auch von Leserinnen und Lesern hört man über viele Online-Überschriften den pauschalen Vorwurf „Ach, das ist doch Clickbait“. Sie versuchen ein Problem zu artikulieren, erwischen aber den falschen Begriff. Meist zu Themen, zu denen sie eine andere Haltung haben, als sie in dem Artikel wiederfinden. Der Clickbait-Vorwurf muss häufig für all das vorhalten, was im Online-Journalismus schiefläuft.

Unterschiedliche Sichtweisen

 Ben Smith, Chefredakteur von BuzzFeed, erklärte schon 2014, warum sein Medium kein Clickbait betreibe. Hinter einer Überschrift wie „36 Hunde, die zugleich bezaubernd und eigenartig sind“ gibt es eben 36 Hunde. Die Niedlichkeit liegt im Auge des Betrachters. Facebook macht hingegen Clickbait davon abhängig, wie viele Informationen die Nutzerinnen oder der Nutzer erhält, was ihm beim Klick auf den Link erwartet. Eine interne Facebook-Umfrage soll ergeben haben, dass 80 Prozent der Nutzer vor dem Klick entscheiden möchten, ob sie einen Text lesen wollen, und nicht erst nach dem Klick. Dann gibt es noch die politische Komponente: Egal ob rund um Breitbart News oder Gawker Media: Es gibt noch eine gefährliche Mischform zwischen klassischen Clickbait und der Verbreitung von Fake News. Aber das führt jetzt zu weit.


Was ist denn nun Clickbaiting?

I scroll around, but when I look at the internet, I feel the same as when I’m walking through Coney Island. It’s like carnival barkers, and they all sit out there and go, „Come on in here and see a three-legged man!” So you walk in and it’s a guy with a crutch.

Jon Stewart im New York Magazine, als er auf BuzzFeed und Vice News angesprochen wird

Das ist kein Clickbait: 

  • Wenn die Vorschau – egal ob Teaser oder Facebook-Posting – nicht die komplette Geschichte erzählt. Eine gute Vorschau erzählt nicht die komplette Geschichte, sondern macht die Leser neugierig und lässt eine Frage offen. Sie erfüllt aber im Anschluss diese Neugierde. Das ist der entscheidende Unterschied.

Das ist Clickbait: 

  • Definition im Wörterbuch: something (such as a headline) designed to make readers want to click on a hyperlink especially when the link leads to content of dubious value or interest (vgl. Merriam Webster; in dieser Definition erstmals bekannt seit 1999).
  • Falsche Werbung.
  • Clickbait erweckt eine falsche Erwartung. Eine, die beim Lesen des Artikels nicht erfüllt wird.
  • Clickbait schafft eine zu hohe Fallhöhe, die die Erwartungen des Lesers bei der Lektüre aufprallen lassen.
  • Die Geschichte ist (unnötig) viele Absätze lang und ließe sich auch in einem Satz zusammenfassen ...
  • ... oder relativiert sich im letzten Satz.
  • Überschriften, die eine Frage formulieren, die nach dem Klick nicht wirklich beantwortet werden.

Kurzfristiger Gewinn — Langfristiger Schaden

Schnell zusammengeschriebene Artikel, die sämtliche Viral-Mechanismen bedienen, bringen zwar kurzfristig hunderte oder tausende Klicks, vielleicht sogar am Ende deutlich mehr. Aber mit jedem Klick steigt der Frust der Leserschaft. Irgendwann kommen die Nutzer nicht mehr zurück. Irgendwann ist der Pool an Nutzern erschöpft, die auf Clickbait reinfallen. Zurück bleibt ein immenser Vertrauensverlust.

Die Zukunft von Clickbait

Auch wenn Facebooks Regeln und die Abkehr von Reichweiten als primäres journalistisches Geschäftsmodel zum Abschwung von Clickbait geführt haben, ist es immer noch Thema. In den für die Anbieter lukrativen und verkauften Teaser-Sammlungen unter Nachrichtenartikeln (fast jede große deutsche Nachrichtenseite macht mit) gibt es häufig eine moderate Form von Clickbaiting auf externe Artikel (vgl. Niemanlab). Außerdem spielen einige Medien, die gerade neue Paidmodelle etablieren, mit Clickbaiting, um die Leserschaft zu einer Registrierung zu bewegen.

Und wenn du jetzt noch nicht genug von Clickbait hast, kannst du auch noch mal in diesem Tumblr vorbeischauen. Dort sind einige schöne Beispiele von Heftig & Co. gesammelt. 

                                                                        

Daniel Fiene ist Journalist und bei Gabor Steingarts „Media Pioneer“ für Digitalstrategie zuständig. Er ist Redakteur, leitete das Audience-Engagement-Team bei der Rheinischen Post / RP ONLINE. Außerdem ist er Moderator bei Antenne Düsseldorf. Seine Radiowurzeln liegen bei Radio Q, dem Campusradio für Münster und Steinfurt. Er bloggt seit 2001. Sein wöchentlicher Newsletter ist über danielfiene.com abbonierbar.