#3/ 2020
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I bims, die Digitalisierung

Schulbuchverlage und eine Digitalisierung, die einfach nicht kommen mag

Neue Jahrzehnte verleiten zu waghalsigen Prognosen. Verheißungsvolle Zukunftsvisionen erfüllen die Fantasien, die das Unmögliche in greifbare Nähe rücken lassen. Vor zwanzig Jahren versprach die Jahrtausendwende ähnliches. Mit den 00er Jahren klopfte die Digitalisierung an die Tür und Erfindungen strömten auf den Markt, die unseren Alltag und unser Sozialverhalten maßgeblich verändern sollten. Handys wurden zum Massenprodukt und ständige Erreichbarkeit und permanenter Informationsfluss zur Normalität. Mit dem Boom der Fotohandys schluckte das Mobiltelefon die Kameratechnik und vereinte diese Funktion in einem neuen Device. Als 2007 Apple sein erstes I-Phone auf den Markt brachte, war dies zwar nicht das erste Smartphone (dieses erschien 1996 beim, heute fast vergessenen, Konkurrenten Nokia, Modell Nokia 9000 Communicator, für stattliche 2.700 D-Mark), doch bekam das Smartphone fortan eine Relevanz mit sagenhaften Auswirkungen. Auch für die Buchbranche sollte 2007 ein einschneidendes Jahr werden, als Amazon seinen E-Book-Reader Kindle erstmals auf dem US-Markt platzierte. Spannung lag in der Luft. Das Ende des gedruckten Buches wurde prophezeit. Eingetroffen ist es bisher noch nicht.

Von insgesamt 29,6 Millionen Buchkäufern in Deutschland erwerben immer noch  28,2 Millionen physische Publikation, 4,5 Millionen shoppen (auch) digitale Bücher (Quelle: Börsenblatt, Heft 48/2019). 

Warten auf Godot – Die Schulbuchverlage und die Digitalisierung

Auch im Schulbuchmarkt quoll die Euphorie zu Beginn des neuen Jahrtausends über. Quietschende Kreide und mit dem Overheadprojektor an die Wand projizierte gelblich schimmernde Tafelbilder – alles bald passé, so hoffte man in den Verlagen und sicher auch der ein oder andere Schüler. „Schon vor 20 Jahren dachten wir: „Jetzt geht es endlich los mit der Digitalisierung“, erinnerte sich der Geschäftsführer des Cornelsen Verlages, Frank Thalhofer, in einem Interview im Februar 2019 mit der Zeitschrift Spiegel Online. Auch Ilas Körner-Wellershaus, Mitglied der Geschäftsleitung des Ernst Klett Verlages, ließ im vergangenen Frühjahr durchblicken, dass die Nachfrage nach digitalen Produkten noch steigerungsfähig sei: „Wir finanzieren im Grunde seit Jahren die Zukunft vor.“

Digital innovativ und immer eine Nasenlänge voraus – dieses Credo verfolgen Schulbuchverlage seit Jahrzehnten um für den Fall der Fälle gewappnet zu sein, falls die Digitalisierung sich endlich flächendeckend Ihren Weg in den deutschen Schulen bahnen sollte.

Bisher kann von einem digitalen Umschwung in der deutschen Schullandschaft allerdings keine Rede sein. Neue Technologien bekommen äußerst langsam einen Fuß in die Tür. Nur ungern lässt man neuen Medien Eintritt in die Institution Schule. Dies belegt auch eine Untersuchung aus dem Jahr 2017.

Im Rahmen der JIM-Studie zur Nutzung Digitaler Medien in den Schulen aus dem Jahr 2017 wurden 976 Schüler im Alter von 12-19 Jahren befragt. 80 % der befragten Jugendlichen gaben an, dass im Unterricht nie mit einem Tablet gearbeitet wird. Auch die Nutzung eines Laptops fand bei 63 % der Jugendlichen nicht statt. Ein Smartphone kommt bei 53 % der Schüler im Schulunterricht nicht zum Einsatz. Unangefochten bleibt das vergleichsweiße alte Medium Computer an der Spitze der genutzten digitalen Medien, wobei immer noch ein hoher Anteil von 20 % angab, dass keine Computer in den Fächern zum Einsatz kämen.

Obgleich die Digitalisierung wie ein Tornado in den vergangenen zwei Jahrzehnten durch Lebensbereiche und Arbeitswelten wirbelte, an der Bastion Schule streifte sie lediglich vorbei und kratzte an der Fassade. Wieso blieb der deutsche Bildungsbereich vergleichsweise unberührt von einer globalen Innovationswelle?

Aufgrund des föderalen Schulsystems existieren in Deutschland nicht nur unterschiedliche Schularten in den verschiedenen Bundesländern, sondern es herrscht auch eine ungleiche Finanzlage. So gibt es wohlhabende Kommunen, die viel Geld in den technischen Ausbau stecken konnten und in denen Kinder ganz selbstverständlich ein Tablet als Heftersatz benutzen. Bei anderen war und ist der Goldtopf eher mäßig gefüllt, und für das Stiefkind Digitalisierung ist oft nur das nötigste Taschengeld vorgesehen. Auch die Politik hat die Zeichen der Zeit lange nicht erkannt. Der von der Regierung geplante DigitalPakt Schule lässt nun hoffen, dass die Mitfinanzierung durch den Bund die Diskrepanzen zwischen den einzelnen Bundesländern glättet. 

Ein ungleiches Paar

Bestehen bleiben aber zwei andersartige Partner, die man sich nur schwer Hand in Hand vorstellen kann: Die altmodische Schule, die sich den Staub vom Jackett bürstet, und die jugendliche Digitalisierung, die nichts bestehen lässt, wie es einmal war.

Derzeit sitzen die Digital Natives zu einem Großteil Lehrern gegenüber, die ihre Abschlussarbeit noch mit einer Schreibmaschine abgetippt haben. Laut einer Studie der OECD-Bildungsstudie aus dem Jahr 2017 hatte im Grundschulbereich 41 %, in der Sekundarstufe I 48 % und in der Sekundarstufe II 42 % der Lehrer bereits das 50. Lebensjahr überschritten. Dieses Mehrgewicht wird sich allerdings bald zugunsten jüngerer Pädagogen verschieben

In fünf bis sechs Jahren wird eine Lehrergeneration ihren Schuldienst antreten, die um die Jahrtausendwende geboren ist. Eine Generation, in deren Grundschulzeit das Smartphone populär wurde und die mit Social Media ganz selbstverständlich aufgewachsen ist. Die Vorteile digitaler Medien liegen diese neuen Pädagogen klar auf der Hand. Es bleibt zu hoffen, dass diese Lehrergeneration eine Modernisierung einfordern und mitgestalten will und wird.

Bibox, Scook und Co.  

Mit welchen digitalen Produkten können die Schulbuchverlage für diese neue Lehrerschaft aufwarten?

Bereits jetzt gibt es ein stattliches Angebot an Produkten für Lehrer, die auf Kreide und Overheadprojektor verzichten wollen. Der Ernst Klett Verlag bietet einen sogenannten Digitalen Unterrichtsassistenten an, auf dem der Lehrer alle Lehrwerksmaterialien zu einem Schulbuch in digitaler Form  auf einer DVD vereint findet. So erhält die Lehrkraft neben dem Schulbuch als E-Book, welches sogleich mit allen Hör- und Filmmaterialien angereichert ist, auch den Lehrerband mit Kopiervorlagen gleich mit. Musste sich der Lehrer früher für jede Jahrgangstufe für das entsprechende Fach das Schulbuch, das Arbeitsheft, den Lehrerband sowie die dazugehörigen CDs einzeln kaufen, genügt hier der Erwerb des Digitalen Unterrichtsassistenten. Dies hat nicht nur einen offensichtlich praktischen Vorteil, sondern auch einen preislichen: Die Einzellizenz mit DVD und Online-Nutzer-Schlüssel kostet 40,95 Euro. Zugang zu diesem Produkt ist, sowohl online als auch offline, ebenso über die Klett-Lernen-App möglich, die kostenlos in den Stores erhältlich ist.

Den Ausfallschritt für den nächsten Sprung Richtung Digitalisierung hat der Ernst Klett Verlag schon eingenommen. So soll das digitale Portfolio demnächst um den sogenannten eCourse für Tablet-Klassen ergänzt für werden. Auch hier steht dem Lehrer das Lehrwerk digital zur Verfügung. Allerdings wird er das Lehrwerk anhand eines Leitfadens individuell ergänzen können. Das Schulbuch bleibt im Fluss und kann individuell und interaktiv den Bedürfnissen der Schüler angepasst werden und nach jeder Änderung aktualisiert an diese freigeschaltet werden. 

Auch der Berliner Schulbuchverlag Cornelsen hat mit dem Unterrichtsmanager ein komplett, digitales Angebot für seine Kunden. Auf einen USB-Stick gepackt, findet sich hier zum jeweiligen Schulbuch der komplette Lehrwerkkranz. Falls man nicht offline arbeiten möchte, kann man per Zugangscode über den eigenen Account auf der Verlagshomepage auf die Online-Version zurückgreifen. Preislich rangiert der Unterrichtsmanager zwischen 29 und 49 Euro als Einzellizenz. Mit Scook wartet das Verlagshaus bereits seit ein paar Jahren mit einer Plattform auf, mittlerweile auch als App verfügbar, auf der sich das digitale Lehrerherz austoben kann: Von interaktiven Workbooks über Zusatzmaterialien können Pädagogen ihren Unterricht mithilfe der bereit gestellten Tools vorbereiten und durch eigene Aufgaben ergänzen. 

Auch Westermann, der dritte Große unter den Schulbuchverlagen, kann sein digitales Angebot sehen lassen. Ähnlich wie Cornelsen, bietet das Westermann Verlagshaus mit einer eigenen, digitalen Unterrichtsplattform auf. Auf der Bibox können Lehrkräfte auf ihre digitalen Schulbücher zugreifen, die speziell für den Unterrichtenden mit multimedialen Zusatzmaterialen, wie bseispielsweise Arbeitsblättern, angereichert sind. Markieren, zoomen, Filme abspielen, Inhalte abdecken – all diese Tools bieten Gestaltungsmöglichkeiten für jede Schulbuchseite. Zudem können eigene Materialien hochgeladen und bearbeitet werden. Um der Heterogenität der Schüler Rechnung zu tragen, ermöglicht die Bibox das individuelle Zuweisen von Arbeitsblättern über die Plattform. Westermanns digitales Angebot ist vielfältig und so existiert für die Leseanfänger und Teenager über die Seite antolin.de Zugriff auf über 70.000 Quizfragen zu aktuellen Kinder- und Jugendbüchern, welches auch von den Lehrkräften genutzt werden kann. Für die Schüler bietet der Verlag ebenfalls vielfältige Materialien, wie bspw. die Augmented Reality App ZOOM, mit welcher die Kinder ihre Buchseiten scannen und Videos und Animationen passend zur Schulbuchseite auf ihr Handy bekommen.

Neues Jahrzehnt, neue Chance ?

Seit den Nullerjahren stehen die Schulbuchverlage in den Startlöchern für den digitalen Run auf die Bildungsstätten. Ein umfassender Startschuss von der Politik und den Schulen lässt aber weiterhin auf sich warten. Und so bleibt nur zu hoffen, dass nicht weitere 20 Jahre ins Land ziehen, bis das Stichwort „Los!“ ertönt. 

Gerade im Schulbuchmarkt spielen bildungspolitische Entscheidungen und das Lehrerverhalten entscheidende Rollen, die eine Weiterentwicklung und Modernisierung vom Print-Angebot zu digitalen Lösungen begünstigen oder verzögern. Für die Schulbuchverlage könnten ein Generationswechsel der Lehrenden und der DigitalPakt Schule daher das Zünglein an der Waage sein, ob der Einzug digitaler Medien an den Schulen in den Zwanzigern endlich flächendeckend ins Rollen kommen wird oder nicht. 

Kerstin Enderle, 32, hat nach ihrem Studium der Romanistik zunächst im Bildungsverlagswesen Fuß gefasst, mit Stationen beim Hueber-Verlag und der Klett-Gruppe. Derzeit ist sie beim Start-up Verlag Zeilenfluss tätig. Nebenberuflich arbeitet sie für die Mediengruppe Münchner Merkur tz und bei der Münchner Volkshochschule.

Quellen:

https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/digitale-schulbuecher-viel-frust-und-ein-bisschen-zuversicht-a-1254906.html

https://de.statista.com/infografik/14215/in-deutschen-schulen-genutzte-digitale-medien/

https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/lehrer-in-deutschland-laut-oecd-bericht-aelter-weiblich-gut-bezahlt-a-1167094.html

https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/digital-made-in-de/digitalpakt-schule-1546598