#25/ 2019
4/10

„unsere bequemlichkeit im digitalen raum bedroht demokratie und innovationskraft!“

Die Weitergabe persönlicher Daten an Unternehmen hat im Digitalen enorm zugenommen – so weit sind wir uns einig. Ein Großteil basiert dabei sicherlich auf Unwissenheit, oft genug weiß ein User oder Userin ja gar nicht, welche Daten gerade an Anbieter oder Plattformen übertragen werden. Diesem "digitalen Raub" steht aber auch ein gehöriges Maß an Bequemlichkeit gegenüber, wenn man etwa Adressdaten nicht jedes Mal neu eingeben muss oder der Login automatisch passiert. Glauben Sie, dass "digitale Askese" in dieser Convenience-Welt überhaupt eine Chance hat?

Es wäre unrealistisch zu erwarten, dass der moderne vernetzte Mensch gar keine digitalen Spuren hinterlässt oder dass digitale Selbstverteidigung 100 %-igen Schutz bietet. Insofern geht es im Kern um eines: Bewusstsein für mehr Datensparsamkeit zu entwickeln und sich dabei das Rüstzeug für Resilienz anzueignen. 

Bei fast allen unseren Handlungen müssen wir eine Güterabwägung zwischen Bequemlichkeit und anderen bekannten oder unbekannten Folgen treffen, nur in der Onlinewelt ist die Informationsasymmetrie größer denn je. Wer auf “Ich stimme zu” klickt oder nur eine Seite lädt, weiß in der Regel nicht, oder kann gar nicht durchdringen, auf welche Transaktion er oder sie sich einlässt. Dass etwa Firmen wie die Bezahlplattform PayPal meine Daten mit hunderten von Firmen in aller Welt teilt, dass Facebook weiterhin Dritten Zugang zu höchst privaten Daten geben wird, ob aus Profitgier oder Leichtsinn. 

Ich sehe allerdings klare Zeichen, dass Verbraucher und Gesetzgeber langsam, aber sicher aufgewacht sind, dass diese Bequemlichkeit einen zu hohen Preis hat, der nicht nur den Bürger und Verbraucher schädigt, sondern darüber hinaus auch unsere Demokratie und die Innovationskraft der Volkswirtschaften in Europa bedroht. Denn von unserer Komfortfalle einmal abgesehen, sind diese abgesaugten Daten in der Masse der Rohstoff, um die Algorithmen der großen Plattformen zu trainieren und gleichzeitig Unternehmen wie etwa Verlage oder selbst Fertigungsbetriebe von den US-Plattformen abhängig zu machen. Kein Wunder, dass fast alle Parteien inzwischen von der Bedeutung der “digitalen Souveränität” sprechen. 

Der Bequemlichkeit des Einzelnen steht also eine unbequeme Wahrheit für uns alle gegenüber. Darauf reagieren immer mehr Menschen mit einer Portion Entrüstung und Enthaltsamkeit.

Vor einigen Jahren gab es in den USA den Versuch, digitalen Selbstschutz mit Monetarisierung zu verbinden: Jeder User und jede Userin sollten ihre Daten selbst verwalten, diese aber gegen ein Salär Plattformen anbieten können. Was halten Sie von dieser sehr amerikanischen Form des Nudging?

Diese Idee ist keineswegs tot, sondern kam einfach zu früh. Es musste erst einmal genug Forschung betrieben werden, um diese Werte zu beziffern oder Austauschmechanismen zu definieren. Da haben wir große Fortschritte gemacht, etwa dank Blockchain.

Der Ruf danach, vom Nutzer erzeugte Daten zumindest als Golden Master bei ihm zu belassen (im Idealfall nur beim Nutzer) lebt weiter und ist dank technischem Fortschritt in greifbare Nähe gerückt. An der lokalen Speicherung und nur vom Nutzer gewährten Zugriff auf dessen Daten arbeiten u.a. deutsche Startups wie PolyPoly, DigiMe und viele mehr. 

Selbst in der GDPR/DGSVO ist vom Datenbestimmungsort die Rede — auch wenn da noch Formulierungs- und Handlungsbedarf besteht. Ich sollte in der Lage sein zu entscheiden, wo meine von mir generierten Daten abgelegt werden und wer darauf unter welchen Konditionen zugreifen kann. Mein Bewegungsprofil hat auf Googles Servern nichts verloren, auch wenn ich Google Maps benutze. 

Ob meine eigene Datenhoheit zwingend monetisiert werden muss, ist die zweite Frage. Wenn alle meine Daten bei mir in einem Datensafe (ähnlich einer eWallet) abgelegt sind, dann bietet es sich an. Firmen hätten einen finanziellen Anreiz, mich für die Erlaubnis zum freiwilligen Targeting zu belohnen, denn diese Daten sind akkurater und damit qualitativ hochwertiger als all der Datenmüll, den Datenmakler oder Facebook über uns sammeln und Dritten anbieten. 

Hierzulande beginnen ja auch erste Formen des digitalen Daten-Nudgings: Kfz-Versicherungen belohnen durch Rabatte Fahrverhalten oder wenige gefahrene Kilometer - was ja nur durch Tracking funktionieren kann. Das alles bekommt aber eine völlig andere Qualität und Quantität, wenn nicht ein Unternehmen, sondern ein Staatswesen Daten sammeln und im eigenen Sinn einsetzen, siehe China, aber auch die USA und andere. Haben Sie ein dystopisches 21. Jahrhundert vor Augen?

Tracking ohne wirklichen “informed consent” ist in jedem Falle schlecht. Wobei nicht jede solcher Transaktionen mit einer Versicherung schlecht sein muss — wenn die Konditionen des Deals klar definiert sind und keine Weitergabe der Daten stattfindet.

Wir haben es in der Hand, wie das 21. Jahrhundert aussehen soll. Auf der einen Seite das Modell des Überwachungsstaats China, der zum Zwecke der gesellschaftlichen Kontrolle das Gewaltmonopol als Datenmonopol neu definiert. Und auf der anderen Seite der Überwachungskapitalismus der USA oder des Silicon Valley, bei dem eine Handvoll übermächtiger Plattformen mehr oder weniger bestimmen, welche Transaktionen und Diskussionsthemen erlaubt bzw. online überhaupt auffindbar sind. Damit ist nicht nur Konsumenten-Tracking und -Manipulation gemeint, sondern auch, welche Datenbanken und Algorithmen Unternehmen nutzen können: Will ich als deutscher Mittelständler etwa, dass meine gesamte IP auf AWS lagert und läuft?

Europa hat momentan die Gelegenheit, einen dritten Weg zu gestalten, da sowohl Bürger als auch Unternehmen und Politiker alarmiert sind, in welche Abhängigkeiten wir uns mit Optionen 1 oder 2 begeben. Das schafft Handlungsdruck und gedankliche Freiräume. In diesem Sinne sehe ich nicht schwarz, sondern betrachte Dinge wie die GDPR/DSGVO, das Gaia X Vorhaben und europäische KI-Initiativen als erste Schritte auf diesem Weg. Datenethik und digitale Souveränität können und sollten zwei USP’s „made in Europe“ sein. Und digitale Selbstverteidigung ist der Beitrag jedes Einzelnen von uns bei diesem Prozess, denn so entsteht Bewusstsein und die Bereitschaft, sich zu engagieren.