#23/ 2019
3/9

ein paar worte zum geleit

Es ist auf den ersten Blick eine Meldung, die lediglich das Blut von E-Reading-Nerds in der Buchbranche in Wallung bringt: Nachdem Microsoft den eBook-Store für Windows 10 bereits dichtgemacht hat, verschwindet auch der EPUB-Reader von Microsofts Edge-Browser wieder vom Markt – die Firma setzt lieber bei ihrem Browser auf Google-Technologie (s. den Artikel von Fabian Kern). 

Gerade für Europa sind die Auswirkungen zunächst marginal, da der Marktanteil von Microsoft bei digitalen Büchern kaum messbar gewesen sein dürfte. Und doch hat die Meldung mit Blick auf das „big picture“ einen bitteren Beigeschmack, aus mehreren Gründen:

Verlust von Vielfalt: Microsoft reiht sich ein in die Phalanx der Unternehmen, die ihre Digitalbuchaktivitäten begraben oder in die Nähe des Abstellgleises gestellt haben. Der Tod von Nook (Barnes & Noble) & Co. bedeutet im Umkehrschluss: Amazons Oligopol wird noch verstärkt (dass ein weiterer Akteur wie hierzulande die vereinigte Buchhändler-Allianz Tolino dem Kindle in lokalen Märkten die Stirn bietet, ist auf internationaler Bühne eher selten).

Verlust von Innovationsimpulsen: Wegbrechende Konkurrenz führt oft dazu, dass die gestärkten Marktführer ihre Innovationsarbeit reduzieren, weil andere Baustellen mit mehr Wettbewerb wichtiger werden. Amazon – Wegbereiter, um nicht zu sagen: Retter des digitalen Buchs weltweit – baut das Kindle-Universum längst nicht mehr so aggressiv und innovativ aus. Die Tolinos scheinen mit ihrem vermeintlichen 40-Prozent-Marktanteil in Deutschland auch zufrieden zu sein und nehmen das Fuß vom Gaspedal – zumindest scheint die Internationalisierung nicht mehr so wichtig zu sein. Dieser Trend wiederum hat zur Folge, dass große Innovationen, von denen der gesamte E-Readingmarkt, inklusive Verlage profitieren würde, auf absehbare Zeit ausbleiben dürften. Fabian Kern erwähnt, dass die Publishing Working Group im World Wide Web Consortium (W3C) mangels Interesse der Browser-Hersteller ihre Arbeit am Konzept für die Web Publications de facto eingestellt hat. Vielleicht ist dies das Bitterste am E-Book-Rückzug von Microsoft. Die Öffnung digitaler Bücher ins Web galt als ein zentraler Hoffnungsträger, um dem digitalen Buch im Wettbewerb mit anderen Unterhaltungsmedien mehr Reichweite und so auch Attraktivität zu verleihen.

 

Ich wünsche dennoch eine halbwegs heitere und neugierige Lektüre

 

Daniel Lenz