#20/ 2019
8/10

„microsoft 365 ist ein hub für die digitalisierung“

interview mit marc reemers

Mit dem Beginn des Cloud-Computing sah es zwischenzeitlich so aus, als ob Microsoft seine beeindruckende Erfolgsgeschichte nicht würde fortschreiben können. Die mit Funktionen überfrachtete On premises Software schien ebenso aus der Zeit gefallen wie Karl Klammer (Clippy), der gnadenlos nervige MS Office Assistent.

Doch Satya Nadella, der 2014 vom Verantwortlichen für die Clouddienste zum CEO berufen wurde, machte sich eilig daran, den zuletzt wenig innovativen Supertanker Microsoft neu auszurichten.

Wo steht Microsoft heute mit seinen Produkten?

Marc Reemers: Mit Microsoft/Office 365 und Azure hat MS ein dynamisch wachsendes Angebot an Clouddiensten etabliert. Das Azure Cloudgeschäft hat allein in 2018 um mehr 80 % zugelegt. MS Teams ist laut Microsoft die am schnellsten wachsende Business-App in der Geschichte des Unternehmens. Eine neue Erfolgsgeschichte also, die aber gerade erst Ihren Anfang genommen haben dürfte.

Denn viele Unternehmen nehmen Office 365 bislang vor allem als Umstellung des Lizenzmodells wahr: Abo statt Kauf. Und auch die Anwender bekommen die neuen Möglichkeiten oft nur auszugsweise und verkürzt mit. So z.B., dass man mit Teams jetzt so „wie mit WhatsApp“ chatten kann oder dass Word jetzt (auch) im Browser läuft. Ein verändertes Nutzungsverhalten resultiert daraus erst einmal nicht. 

Was genau ist denn der innovative oder gar disruptive Ansatz von MS 365? 

Die Möglichkeit, Standard- und spezifische Aufgaben ohne Brüche in einem integrierten Prozess abzubilden. Simples Beispiel Dateiablage: Die Datenorganisation ist oft noch persönliches Herrschaftsgebiet. Erst im Prozess wird ein Dokument per E-Mail versendet, empfangen, wieder gespeichert, auf Plattformen hoch- und runtergeladen, ein- und ausgecheckt usw. In der Cloud wird daraus ein integrierter, kollaborativer Vorgang. Inhalte, Austausch, Aufgaben und Apps – alles an einem Ort.

Konkret: Per Mausklick wird aus einer Office-Gruppe ein Team, eine OneDrive-Bibliothek eine SharePoint-Teamsite, ein Wiki und ein OneNote-Notizbuch – mit synchronisierten Zugriffsrechten, mit der Möglichkeit, Externe kostenlos einzubinden sowie mit allen Geräten und von jedem Ort zugreifen zu können. So kann Kollaboration gelingen.

Welchen Nutzen kann die Publishing-Branche daraus ziehen?

Das Zeitalter der monolithischen Softwaresysteme geht zu Ende. Auch „klassische“ Redaktionssysteme sind zu groß, zu unflexibel, zu teuer. Die Zukunft gehört den Microservices, die

- in einem Cloud-basierten Ökosystem miteinander interagieren,

- flexibel „zusammengestöpselt“ werden können,

- auf allen Geräten lauffähig und

- skalierbar sind sowie

- aus einem Rechenzentrum kommen, das höchste Anforderungen an Sicherheit, Compliance etc. erfüllt.

Microsoft bietet aus unserer Sicht das beste Gesamtpaket.

Das hört sich nach einer einseitigen IT-Ausrichtung an.

Eine Plattform-Entscheidung muss jedes Unternehmen treffen. MS 365 ist ein Hub (Knotenpunkt), an den andere Dienste andocken. Viele Softwarehersteller haben das Potenzial erkannt und bieten ihre Software mit Office 365 Login (SSO), als Teams-App oder Connector an. So bietet z.B. auch Adobe einen Teams-Zugriff auf seine Creative Cloud inklusive passendem Bot.

Dazu kommen dann individuelle Erweiterungen – per Flow, PowerApps oder das
SharePoint Framework sind diese teils ohne Programmierung möglich, immer aber mit Zugriff auf alle Apps im Ökosystem. Und natürlich lassen sich auch Altsysteme anbinden.

Auf welche Herausforderungen darf man sich bei der Einführung von MS 365 einstellen? 

Culture eats strategy for breakfast. Die Beschlussfassung des Führungsteams „Wir machen jetzt Microsoft 365“ und der Link in der Mail des Admins „Du kannst jetzt auch OneDrive und Sharepoint nutzen" werden eingeschliffene Abläufe nicht nachhaltig ändern.

Besser also Start with a need, not a solution. Eine Implementierung der kleinen Schritte hat sich ebenfalls bewährt. Wenn es um Kollaboration geht, sollten am Ende eben auch alle mitmachen wollen.

Wie sieht Ihre Strategie aus?

Als Microsoft-Partner unterstützen wir bei der Einführung von Microsoft 365 und Azure. Publishern bieten wir passende Dienste, z.B. für die Herstellung: Word-Add-Ins, XML- und InDesign-Konverter sowie Satzautomaten. Dazu kommen maßgeschneiderte Bots, SharePoint-Lösungen und Apps.

Unser Schweizer Partner Edubase betreibt sehr erfolgreich eine E-Book-Plattform für Bildungsinstitutionen – mit unserer Digital Content-Lösung LookUP!. Auch in Schulorganisationen erfreut sich Teams for Education als Hub wachsender Beliebtheit. Edubase/LookUP! ist hier nun als App verfügbar.

Darüber hinaus entwickeln wir mit unserem Minsker Partner Silk Data Lösungen zum maschinellen Textverständnis – auf der Basis Künstlicher Intelligenz (KI). 

Was sagen Sie Microsoft-Skeptikern? 

Google, Amazon sind auch nicht netter und Open Source macht am Ende auch nicht unabhängiger.

Marc Reemers ist Inhaber des Verlagsdienstleisters Reemers Publishing Services. 2013 gründete er SilkCode und entwickelte mit zwei Geschäftspartnern die E-Publishing-Lösung LookUP!. Die Migration der eigenen IT zu Azure & MS 365 überzeugte sein Team und ihn von den Möglichkeiten des Microsoft-Ökosystems.

Vorträge von Reemers Publishing Services auf der Frankfurter Buchmesse