#2/ 2021
10/15

Buzzword des Monats: Innovation

Entdeckungen und Ideen sind noch keine Innovation

Im Jahre 1895 entdeckte Wilhelm Conrad Röntgen zufällig die Röntgenstrahlen. Dass er sie entdeckte und als etwas Neues erkannte, verdanken wir seiner Neugier und Offenheit. Zwei Voraussetzungen, die notwendig sind, um innovativ zu sein. Bereits einen Monat später berichtete er der Physikalisch-Medizinischen Gesellschaft von seiner Erkenntnis. Im Januar 1896 kam es zu einer ersten Demonstration seiner Entdeckung. Er erfüllte damit eine weitere Voraussetzung für innovatives Handeln: Er ergriff die Initiative und teilte sein Wissen. Die Entdeckung war eine Sensation. Aber selbst mit der öffentlichen Demonstration sprechen wir noch nicht von einer Innovation. Noch im selben Jahr wurden die ersten Röntgenapparate entwickelt und eingesetzt. Damit war dann die Innovation geschaffen. Sie ermöglichte es, wesentlich genauere Diagnosen zu stellen und Heilungsprozesse genauer zu überwachen. Wir sprechen dann von einer Innovation, wenn durch einen Veränderungsprozess unter Nutzung neuer Erkenntnisse und Technologien ein neuer Zustand entsteht, der den alten ablöst. Dann wird aus dem „analogen Scheißprozess“ kein „digitaler Scheißprozess“. Der alte Prozess wird nicht eins zu eins auf die digitalen Möglichkeiten übertragen. Er wird unter Berücksichtigung der Möglichkeiten, die die Digitalisierung bietet, neu gedacht. Hätte Edison über die fünfundzwanzigste Verbesserung der Kerze nachgedacht, wäre die Glühbirne vielleicht nicht zu seiner Zeit entstanden.

In der Verlagsbranche ist noch Luft nach oben

Das E-Book war keine Innovation. Ein E-Book ist nicht mehr als die Übertragung des traditionellen Buchkonzepts vom bedruckten Papier in ein lesbares Datenformat. Gut, man muss keinen Extrakoffer mit Urlaubslektüre mitnehmen, sondern hat seine Bibliothek auf dem Tablet oder dem E-Reader immer dabei. Dass keine Lesezeichen mehr herausfallen (Lesebändchen gibt es ja kaum noch), weil man ja nun bookmarken kann, geschenkt. Bleiben noch die Notizen und die Suche. Diese Vorteile nehmen sich angesichts der Möglichkeiten, die in digitalen Daten und Technologien stecken, doch eher bescheiden aus. Das liegt auch an dem strikten Festhalten an dem Konzept Buch, ohne dass darüber nachgedacht wird, welchen Mehrwert der Nutzer eines digitalen Buchs erhalten würde. Was wäre, wenn der Inhalt mit dem Wissen, was digital möglich ist, neu gedacht würde. Das Denken in traditionellen Schleifen ist der größte Blockierer!

Das deutsche Start-up INNOLIBRO fordert mit seinem neuen APPBOOK-Format Verlage geradezu heraus, mit einer neuen Brille darüber nachzudenken, wie mit Interaktivität und Multimedialität Kunden gewonnen werden können, die mit dem Smartphone in der Hand geboren wurden. Da entstehen dann auch neue Geschäftsmodelle und die Verlage gewinnen die Hoheit über die Kunden zurück. Die Verwendung des Buchs als Ausgangsmaterial ist bereits innovativ, wenn mit dem daraus erzeugten APPBOOK dem Nutzer die Funktionalitäten bereitgestellt werden, die, angepasst an Inhalt und Zielgruppe, den Möglichkeiten des neuen Formats gerecht werden. Dies natürlich in Bezug auf Inhalt und Zielgruppe. Die innovative Kür beginnt, wenn Themen von Anfang an als APPBOOK gedacht werden. Dann haben wir ein nativ digitales Format, das zur Verlagswelt passt und zu ihrer langfristigen Überlebensfähigkeit beiträgt.

Innovationsbereitschaft und Innovationsfähigkeit

 “You never change things by fighting the existing reality. To change something, build a new model that makes the existing model obsolete.” Dieser Satz von Richard Buckminster-Fuller, beschreibt das, worum es geht. Organisation, Produkte, Prozesse… neu denken. Dafür benötigen Verlage eine Unternehmenskultur, die Innovationen explizit will und fördert. Am Anfang steht immer der Wille, Veränderungen wirklich zu wollen. Das kann auf Druck von außen geschehen (Marktdominanz von Amazon, fortschreitende Digitalisierung bei den Kunden…) oder durch die Absicht, proaktiv die Zukunft gestalten zu wollen. In beiden Fällen ist es von Vorteil, wenn der Verlag sich darüber im Klaren ist, was denn seine Mission auch in fünf oder zehn Jahren noch sein wird und welchen Nutzen er seinen Kunden bieten will. Simon Sineks „Golden Circle“ liefert ein gutes Modell, um diese Frage zu beantworten. Innovationsbereit sein bedeutet, veränderungsbereit sein. Und das gilt für jeden einzelnen Mitarbeiter im Unternehmen. Um diese zu erzeugen, ist eine Vertrauenskultur unerlässlich. Sie muss von der Geschäftsführung und den Führungskräften gewollt und geschaffen werden. Die Mitarbeiter müssen darauf vertrauen können, an der Veränderung teilzunehmen und bei Bedarf unterstützt zu werden. Zur Botschaft gehört auch, dass das Risiko, das in jedem Innovationsprozess steckt, beherrschbar ist. Je größer der Einfluss der Veränderung ist, desto mehr werden auch Existenzängste wahrnehmbar und führen gegebenenfalls zur Ablehnung bis hin zur Verweigerung bei der Mitarbeit.

Die Innovationsfähigkeit ist zum großen Teil davon abhängig, wie Innovationen geplant und gesteuert werden. Das nennt sich dann Innovationsmanagement. Fragen in diesem Zusammenhang sind unter anderem:

  • Gibt es jemanden im Verlag, der für Innovationen verantwortlich ist?
  • Sind Innovationsprozesse festgelegt?
  • Welches Methodenspektrum steht zur Verfügung?
  • Wie werden die Ergebnisse gemessen und bewertet?
  • Neben diesen strukturellen und prozessualen Themen tritt wieder einmal die Unternehmenskultur auf den Plan:
  • Sind die Unternehmensziele allen bekannt (das ist Voraussetzung für die zielgerichtete Mitarbeit)?
  • Werden Freiräume für Kreativität geschaffen?
  • Ist der Umgang mit Fehlern darauf ausgerichtet, aus ihnen zu lernen?
  • Werden die Mitarbeiter motiviert und gefördert, wenn sie mal nicht vorankommen?

Auch hier lässt sich die Liste verlängern.

Erst die Haltung, dann die Methoden

„Lasst uns mal einen Innovations-Workshop machen. Wir haben da einen Design Thinking Experten. Und wir wollten ja schon immer mal so etwas machen.“ Das ist zwar gut für den Experten (hoffe ich zumindest). Ich bezweifle aber, dass „Innovieren aus der Hüfte“ funktioniert. Glückstreffer mags geben. 

Der Wille zu gestalten und die Bereitschaft zu verändern bilden das Fundament für ein innovationsfreudiges Unternehmen. Das Wissen muss da sein, dass eine offene, zukunftsorientierte Kultur die tragenden Säulen bildet. Wer Veränderungsbereitschaft und Beteiligung einfordert, muss dafür die Voraussetzungen erfüllen. Oder damit beginnen, sie zu schaffen. Danach erst stellt sich die Methodenfrage. 


Der neue Buzzword-Check

Buzzword-Check: In dieser Rubrik stellt Johannes Bertelmann künftig aktuelle Buzzwords, die Schlagwörter, die plötzlich auftauchen, Seminare füllen, Webinar-Themen werden und Präsentationen und Vorträgen eine höhere Bedeutung verleihen sollen. vor. Woher kommen sie, was bedeuten sie, wem nützen sie? Im Mittelpunkt stehen ihre Relevanz für die strategische Ausrichtung von Verlagen und/oder ihre Auswirkung auf den verlegerischen Alltag. Im ersten Artikel geht es jedoch um das Buzzword als eben solches.


Zum Autor

Johannes Bertelmann ist Systemischer Berater, Business Trainer, Coach und Scrum Master. Er hilft Unternehmen bei der digitalen Transformation und begleitet sie bei dem damit verbundenen Kulturwandel.

Johannes Bertelmann war 13 Jahre lang Inhaber einer Buchhandlung und führte dort bereits in den 80er-Jahren ein geschlossenes Warenwirtschaftssysteme ein. Als Produktmanager für „neue Medien“ in einem Verlag entwickelte er digitale Anwendungen und eine Computerbuchreihe. Als Sales Director Europe für die amerikanische Softwarefirma NextPage war er an zahlreichen internationalen Digitalisierungsprojekten namhafter Verlage beteiligt.

Seine Ausbildung zum Systemischen Berater am INeKO Institut an der Universität zu Köln und weitere Qualifikation ergänzen seine langjährige praktische Erfahrung in der Buchhandels- und Verlagswelt.

Johannes Bertelmann ist Mitglied im Beraternetzwerk Coaching Concepts

Johannes Bertelmann lebt und arbeitet in Köln.