#2/ 2021
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„Covid-19 hat E-Learning noch einmal einen ganz erheblichen Schub versetzt“

E-Learning in den unterschiedlichsten Formen wird ein wichtiger und selbstverständlicher Baustein sein, um Neues zu Lernen und die Kompetenzen zu erweitern

Wenn es um das Thema E-Learning geht, haben viele gleich den Schrecken des Homeschooling im Hinterkopf. Das ist die eine Seite der Medaille, in der viele Akteure das Thema Digitalisierung schlicht verschlafen haben. Die andere Seite ist die einer lernenden Gesellschaft, von didaktischen Tools, die schon lange Einsatz in der Aus- und Fortbildung finden, auch und vor allem im B2B-Bereich. Wie steht es um den Markt, welche Chancen eröffnen sich auch weiterhin Unternehmen? Fragen hierzu an Martina Steinröder, Expertin für strategische Konzeption und Entwicklung digitaler Angebote.

Vor rund zehn Jahren wurde das Thema E-Learning mit riesigen Markt-Volumina gehypt, brach prompt ein und nimmt seit etwa zwei Jahren wieder an Fahrt auf. Corona brachte einen weiteren Schub. Ist E-Learning aus dem Tal der überzogenen Hoffnungen jetzt auf dem berühmten Plateau der Produktivität angekommen?  

Zunächst einmal: Ich verstehe unter E-Learning jede Form des digitalen Lernens, also zum Beispiel Webinare, Live-Seminare, WebBasedTrainnigs oder Videolearnings.

Bitte beachten Sie auch das Webinar zum Thema am 25. Februar 2021.

Nach meinem Eindruck gibt es beim E-Learning seit Jahren ein sehr kontinuierliches Wachstum. Seit über 10 Jahren wächst der Umsatz jährlich im hohen einstelligen oder zweistelligen Prozent-Bereich, wie zum Beispiel der mmb-Branchen-Monitor „E-Learning-Wirtschaft“ zeigt. Einen Einbruch konnte ich in Deutschland nicht beobachten. Covid-19 hat dem E-Learning allerdings noch einmal einen ganz erheblichen Schub versetzt und für ein sehr dynamisches Wachstum im Jahr 2020 gesorgt. 

Die Zahl der Technologie-Anbieter scheint ja schon wieder zu explodieren - oder täuscht der Eindruck?

Das würde ich differenziert betrachten. Die Anzahl der Anbieter von Lernmanagement-Systemen ist relativ gleich geblieben, eher gibt es hier Tendenzen zu einer stärkeren Konsolidierung. Deutlich mehr Aufmerksamkeit gab es im Jahr 2020 aber für die Anbieter von Videokonferenz-Plattformen, wie Zoom, Microsoft-Teams oder WebToGo, die ihre Usability und Performance im letzten Jahr erheblich verbessert haben. Auch Open Source-Lösungen wie jitsi rückten mehr in den Fokus. Darüber hinaus gibt es neue, innovative Lösungen wie Spatial Chat für Networking Events oder interaktive Whiteboard-Lösungen wie Mural oder Miro, die für Online-Seminare kaum mehr wegzudenken sind. 

Viele Medienunternehmen sind im Bereich E-Learning noch zurückhaltend – oder täuscht der Eindruck?

Der Eindruck ist in der Tat falsch. Bei den acht größten E-Learning-Anbietern in Deutschland sind mit der Haufe Group und WEKA gleich zwei Fachmedienanbieter mit einem breiten E-Learning-Portfolio vertreten. Aber auch andere Verlage bieten seit vielen Jahren sehr erfolgreich E-Learnings an. Zum Beispiel hat die Thieme Gruppe mit physiofortbildung und CNE zwei sehr erfolgreiche Lernplattformen für Physiotherapeut*innen und Pflegeberufe. Auch im Publikumsmarkt bewegt sich viel. PenguinRandomhouse hat mit Sinnsucher.de eine sehr erfolgreiche Plattform für Video-E-Learning im Bereich Spiritualität und Persönlichkeitsentwicklung im Markt.

Durch Covid-19 haben im letzten Jahr auch viele Medienunternehmen, die bisher Präsenzfortbildungen angeboten haben, vermehrt E-Learning, vor allem Online-Seminare entwickelt. Hierzu zählen unter anderem der Beuth Verlag und die Vogel Communication Group, um zwei von Vielen zu nennen.

Medienunternehmen haben in vielen Kanälen den Vorteil, über Unmengen an Inhalten zu verfügen. Gilt das auch im Bereich E-Learning oder spielt hier Didaktik eine wichtigere Rolle als die reinen Inhalte?

E-Learning gibt es ja in den unterschiedlichsten Ausprägungen - von Webinaren, über Online-Seminare, Videolearnings bis hin zu umfassenden WebBased-Trainings. Die vorhandenen Inhalte sind in der Regel oft nicht geeignet, um 1:1 eingesetzt zu werden, allenfalls als Begleitmaterial. Aber Medienunternehmen haben natürlich den Vorteil, dass sie die Bedarfe der Zielgruppen sehr gut kennen, über das Fachwissen und die Marktkenntnisse verfügen und vor allem Zugang zu exzellenten Referent*innen und Autor*innen haben. Das ist schon mal eine gute Basis für die Konzeption von E-Learnings.

Welche Skills, welche Technologien, welche Teams benötige ich, wenn ich im Bereich E-Learning aktiv werden will? 

Meist läuft es ja so: Es wird eine E-Learning-Software bzw. Plattform gekauft und dann können die Referent*innen oder Autor*innen machen, was sie wollen. Das überfordert zum einen die Referent*innen bzw. Autor*innen und führt zum anderen oft zu wirklich schlechten Ergebnissen. Meines Erachtens ist der bessere Weg, ein strategisch durchdachtes E-Learning-Portfolio zu entwickeln und die Angebote zu konzipieren. Es braucht daher vor allem erst einmal Konzeptionsstärke und Kenntnisse darüber, was im E-Learning sinnvoll und möglich ist. Anhand dieser Anforderungen sollten dann im nächsten Schritt die passende Technologie ausgewählt werden. Dies wird je nach Angebot ein Lernmanagementsystem oder eine Videokonferenz-Software sein. Nicht selten muss aber auch eine eigene Plattform entwickelt werden, zum Beispiel bei Videolearnings oder komplexen E-Learning-Angeboten im professionellen Bereich. 

Einerseits reden alle vom "lebenslangen Lernen", andererseits scheitert Deutschland schon an der digitalen Schule. Wie sehen Sie die weitere Entwicklung im Bereich E-Learning?

Das Problem mit der digitalen Schule ist, insbesondere auch den Schulverlagen, schon seit langem bekannt. Es ist in erster Linie ein Infrastruktur- und Kompetenzproblem, dass natürlich auch mit den föderalen Strukturen in der schulischen Bildung zu tun hat. Zudem ist E-Learning im schulischen Kontext jenseits von Corona umstritten. Ich sehe den schulischen Bereich daher überhaupt nicht als Vorreiter für das digitale Lernen. Digitales Lernen findet vielmehr vor allem im beruflichen, aber auch vermehrt im privaten Kontext statt.

Wahrscheinlich werden wir uns alles sehr freuen, wenn Präsenzfortbildungen endlich wieder möglich sind und diese auch intensiv nutzen, denn die große Schwäche des digitalen Lernens ist, dass die Zwischentöne, der persönliche Austausch, die Gespräche in den Kaffeepausen, das Informelle verloren gehen. Andererseits haben wir gelernt, das digitales Lernen nicht nur möglich, sondern auch sehr zielorientiert und erfolgreich ist. E-Learning in den unterschiedlichsten Formen wird also ein sehr wichtiger und absolut selbstverständlicher Baustein sein, um Neues zu Lernen und die Kompetenzen zu erweitern.

Die Autorin

Martina Steinröder ist Gründerin von Steinröder | Publishing Consulting. Als Expertin für Digitale Transformation berät sie viele Unternehmen bei der Digitalisierung. Einer ihrer Beratungsschwerpunkte ist die strategische Konzeption und Entwicklung digitaler Angebote. Dr. Martina Steinröder verfügt über umfangreiche Erfahrungen in der Medienbranche und mit digitalen Projekten. Sie ist u.a. Lehrbeauftragte an der philosophischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Dozentin der Akademie der deutschen Medien.