#2/ 2021
12/15

„Wir werden niemals mehr in die ‚Alte Arbeitswelt‘ zurückkehren können“

Wie hat sich die Homeoffice-Situation in den Unternehmen verändert, wie klappt es mit Remote Work und der Distanz zu Kollegen, Kolleginnen und Führungskräften? Eine dpr-Umfrage liefert Antworten.

Als wir im August letzten Jahres unsere letzte dpr-Umfrage zum Thema Homeoffice und Remote Work veröffentlichten, waren der erste Schock und die Turbulenzen der Umstellung gerade erst verdaut, die Pandemie schien langsam auszuklingen. Im Kern war aber sehr deutlich der Wunsch der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen nach mehr Flexibilität herauszuhören, oft gegen den Willen des eigenen Unternehmens. Seit dem ersten Homeoffice-Schock ist jetzt fast ein ganzes Jahr vergangen, die pandemiebedingte Situation eher schlimmer geworden – für uns Grund, einmal genauer nachzuforschen, wie sich Medienschaffende mit der Situation arrangiert haben, wie es um die „Zoom-Fatigue“ steht, ob sich an den grundlegenden Einstellungen etwas verändert hat.

Unternehmen, Vorgesetzte und ihr Verhältnis zu Remote Work

Im Vergleich zur Umfrage des letzten Jahres hat sich wenig verändert – damals wie aktuell hatten wir gefragt, ob sich an der Einstellung der Unternehmen bzw. Führungskräfte zum Thema Homeoffice etwas geändert hatte. Eine große Mehrheit war hier offen bzw. positiv eingestellt, natürlich muss man aber auch im Auge behalten, dass vielen Arbeitsgebern mit Blick auf die Gesundheit der Angestellten und die Arbeitsfähigkeit der Organisation auch oft nichts anderes übrig blieb. Die Frage nach der Nachhaltigkeit lässt sich wohl wirklich erst in ein oder zwei Jahren zufriedenstellend beantworten, wenn beides optional ist, also zu Hause arbeiten respektive im Büro. 

Jemand zu Hause?

Im Vergleich zu anderen Industriebereichen und angesichts der Tatsache, dass es verwunderlicherweise immer noch allen Unternehmen freigestellt ist, ob sie ihre Angestellten daheim arbeiten lassen oder ins Büro zitieren, ist zumindest in der Medienbranche der Anteil an Homeoffice sehr hoch. Ein Beweis dafür, dass kreatives Arbeiten nicht zwingend einen festen Platz benötigt. Fast 60 % der Befragten befinden sich im Moment ausschließlich im Homeoffice, 22 % zu 70 %, weitere 10 % arbeiten zumindest die Hälfte ihrer Arbeitszeit zu Hause. Ganze 2 % befinden sich noch ihre ganze Arbeitszeit im Firmenbüro, was aber oft auch damit zu tun hat, dass eben doch nicht jeder eine adäquate Arbeitssituation zu Hause hat. Das Statement eines Umfrageteilnehmers dazu: „Ich persönlich bevorzuge die Arbeit im Büro, da ich hier produktiver bin. Seitens des Arbeitgebers wäre aber auch die Arbeit zu 100 % im Homeoffice erlaubt.“


Jedenfalls hätte solche Zahlen vor zwei Jahren und auf freiwilliger Basis sicher niemand jemals vermutet.

Wie sieht die Arbeitsrealität im Homeoffice aus?

Nachdem das Arbeiten zu Hause nach fast 12 Monaten sicher einiges an Glanz und Faszination verloren hat, wollten wir auch wissen, ob es hier zu ersten „Ermüdungserscheinungen“ gekommen ist. Gerade die Homeschooling-Situation stellt vor allem für viele weibliche Mitarbeiterinnen eine echte Herausforderung dar.  Wie steht das eigene Büro im Wohnzimmer im Vergleich zum gewohnten Arbeitsplatz, wenn es um konzentriertes Arbeiten geht?

Während noch 50 % der Befragten kein Zeichen von Homeoffice-Müdigkeit zeigen, sind es zumindest in Teilen 36 % und ganze 14 % sind schon gänzlich nicht mehr zufrieden mit der Situation. 

Ein erst durch Remote Work auftauchendes Problem ist die Trennung zwischen „Privat“ und „Arbeit“. Eine Befragte dazu: „Die klare Trennung zwischen Privat und Beruf hat mir sehr gutgetan. Jetzt ist sie verschwommen, das strengt an und ermüdet auf Dauer.“ Mit Sicherheit kein Einzelfall und hier müssen, wenn man das Thema ernst meint, sowohl seitens der Unternehmen als auch der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Vorkehrungen und Regelungen getroffen werden. Das Abschalten der firmeneigenen Mailserver außerhalb regulärer Arbeitszeiten, wie vor einigen Jahren teilweise proklamiert, ist vielleicht ein drastischer Schritt. Aber ohne Regeln wird es hier nicht gehen.

Interessanterweise haben diese Ermüdungserscheinungen anscheinend keinen oder kaum Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit. Befragt danach, ob sie im Büro oder im Homeoffice besser arbeiten könnten, sagen immerhin 56 %, dass sie zu Hause sogar besser und konzentrierter arbeiten könnten, 26 % empfinden keinen Unterschied zwischen den beiden Arbeitssituationen und gerade 18 % sind der Ansicht, sie würden im Homeoffice eher abgelenkt werden. Vermutlich läge letzterer Wert sogar niedriger, wenn die Themen Homeschooling und Kinderbetreuung zufriedenstellend gelöst wären.

Und was ist mit dem Teeküchen-Plausch?

Viele Industriebereiche haben schon vor langer Zeit viel in Prozess-Standardisierung investiert – salopp formuliert: wenn die einzelnen Arbeitsschritte an einem Fließband genau definiert sind müssen die einzelnen Mitarbeiter nicht mehr viel miteinander kommunizieren. Neben der Tatsache, dass viele Medienunternehmen noch weit von solcher Standardisierung entfernt sind und gerade im kreativen Bereich eben viel durch direkte, auch physische Kommunikation geschieht, ist der berühmtberüchtigte Teeküchen-Plausch bzw. Flurfunk auch etwas zutiefst Menschliches. Wie aber stellt sich die Situation dar, wenn die Austauschplattformen nicht mehr Teeküche, sondern Zoom oder Teams heißen?


Hier hält sich das Verhältnis die Waage: 51 % sind der Meinung, dass die Zusammenarbeit mit den Kollegen und Kolleginnen genauso gut funktioniert wie im Büro, aber 49 % der Befragten vermissen diese bzw. den physischen Kontakt und Austausch.

Hier stellvertretend ein Kommentar einer Teilnehmerin: „Was man positiv vermisst: Begegnung, direkte, spontanere Gespräche, Verortung, körperliches Erleben im Raum … gemeinsame Mittagspausen, der menschlich-emotionale Kitt, Identifikation, Gemeinschaft. Die Distanz hält aber auch weniger positive emotionale Ausschläge fern: Lästern, Streit, physisches auf die Pelle rücken. Sitzungen sind effektiver, pünktlicher, besser organisiert. Wenn keine Sitzung, kann man selbstbestimmter arbeiten; weniger Unterbrechung. Aber eben auch weniger Mensch.“

Einen Punkt, den Einige der Befragten noch anführten, könnte mal als „Zwei-Klassen-Informationsgesellschaft“ bezeichnen, will heißen: viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen fühlten sich von der Kommunikation ihrer Pendants im Unternehmen abgeschnitten.

Neben der horizontalen Austausch-Ebene gibt es aber auch eine vertikale. Will heißen: in den meisten Arbeitsprozessen kommen auch Führungskräfte vor, die Rahmenbedingungen schaffen und anleiten sollen.  Auch hier kommt es zu einem fast paritätischen Ergebnis: 49 % empfinden die Distanzkommunikation mit Vorgesetzten als besser, 51 % als schlechter. Es hat sicherlich Gründe, warum das Thema „Führung auf Distanz“ gerade ein zentrales Thema in vielen Unternehmen ist.

Back to Büro – oder daheim bleiben?

Eine Frage, die wir auch im August letzten Jahres stellten, bezog sich darauf, wie es eigentlich in Zukunft weitergehen soll – ist den Befragten, sobald einmal nicht mehr der Corona-bedingte Zwang zum Homeoffice gilt, die Arbeit im Büro lieber als das Homeoffice? Interessanterweise unterscheiden sich die Werte beider Umfragen, also August 2020 und Januar 2021, kaum: aktuell ziehen 27 % Homeoffice vor, 11 % würden lieber wieder in das Unternehmensbüro gehen und eine satte Mehrheit von 62 % sieht kaum verwunderlich den Vorteil in einer ausgewogenen Mischung.


Rechtsanspruch auf Homeoffice

Auch wenn die Meinung dazu nach wie vor gespalten ist – während im August des letzten Jahres 56 % für einen Rechtsanspruch waren ist dieser Wert aktuell immerhin auf 61 % gestiegen. 

Und jetzt?

Wie schon oben formuliert: es wird eigentlich erst so richtig spannend, wenn aus dem Zwang zu Homeoffice Freiwilligkeit wird und sich die Frage stellt, ob sich die „Büchse der Pandora“ wieder schließen lässt. Die Befragten zeigen in ihren Bemerkungen teilweise Skepsis: „Es wird auch ein Jahr nach der Zwangsdigitalisierung mehr über die Probleme und Herausforderungen gesprochen als sich über Möglichkeiten zur digitalen Mitarbeitermotivation, Möglichkeiten für ein digitales Miteinander ausgetauscht. Lieber weiter darüber beschweren, was man alles nicht darf, als sich lösungsorientiert damit auseinanderzusetzen, wie man die Mitarbeiter auch digital für einen Zusammenhalt motiviert und eine Identifikation mit dem Unternehmen zu schaffen. Meiner Meinung nach ist das Management nach wie vor ziemlich überfordert und wünscht sich „die alten Zeiten“ zurück.“ Andere berichten zwar von weiterer Skepsis seitens der Unternehmensleitung, aber ersten Schritten wie Betriebsvereinbarungen, der Ausstattung mit Hardware für das Homeoffice usw.

Stellvertretend für die Entwicklung sei hier der Kommentar einer Teilnehmerin, der die Situation vieler Befragter sehr gut umreißt, zitiert: „Tatsächlich waren wir vor 2 Jahren noch ein proklamiertes ‚Präsenz-Unternehmen‘. Technisch waren wir nicht vorbereitet und ausgestattet und es fehlte in Teilen die Vorstellung (auch bei mir zugegebenermaßen), was alles im Homeoffice gut funktionieren kann. Nun mussten wir. Und sehen, was alles möglich ist. Auch kulturell hat die Umstellung dazu geführt, dass wir niemals mehr in die ‚alte Welt‘ komplett zurückgehen werden, sondern an sehr flexiblen Arbeitsmodellen auch für die Zeit ‚nach der Pandemie‘ feilen müssen.“

 

Umfragebasis

An der Umfrage haben 613 Personen teilgenommen – 87 % aus Medienunternehmen, der Rest verteilt sich gleichmäßig auf Agenturen, Consulting und Dienstleistungsunternehmen.