#2/ 2021
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Es gilt das gesprochene Wort

Die Filterbubble gibt es jetzt auch zum Hören: Mit Clubhouse geht ein neues soziales Netzwerk an den Start, das für Marketing- und Kommunikationsverantwortliche noch zur Herausforderung wird – sofern sie dort tätig werden möchten. Sieben Tipps und vielleicht voreilige Handlungsempfehlungen.

Ich bin müde. Und Clubhouse ist schuld. Weit nach Mitternacht war es, als kürzlich in einer Nacht von Samstag auf Sonntag der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow den Chefredakteur der „Welt am Sonntag“ angeschrien hatte, noch später war es, als der gleiche Ministerpräsident und der CDU-Abgeordnete Philipp Amthor Heimatlieder sangen. Das alles geschah Stunden, nachdem die „besten Social Media Experten“ großzügig die besten Social Media-Tipps aller Zeiten an ein nach Weisheit dürstendes Publikum verteilten wie der Bachelor die Rosen, während in einem anderen Raum unglaublich eloquente Experten und Start-up-Gründer darüber diskutierten, ob Clubhouse wohl schon eine Milliarde US-Dollar wert sei. In die Höhe geschnellt sind dann die Nutzerzahlen, als Tesla-Gründer Elon Musk eines mitteleuropäischen Morgens über seine Sicht der Welt dozierte. Da war ich allerdings nicht dabei: Ich war ja noch müde von der vorangegangenen Nacht auf Clubhouse. 

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Ein bisschen „Zimmer frei!“, ein bisschen Domian

Seit Januar bin ich nun Teil dieser Community der Bekloppten und Beseelten, seit Wochen ist mir mental schwindelig ob des Parforce-Ritts, den Clubhouse bietet — ungefiltert, authentisch, immer live. Manchmal fühlt sich Clubhouse an wie jene Sonntagabende, als die bieder-spaßige Show „Zimmer frei!“ Prominente in dadaistische Spiele und lockere Plaudereien zwang, manchmal wie die Sendung des WDR-Talkmasters Domian, der nachts zuweilen allerlei psychische Verletzungen zu verarzten hatte.

Das Phänomen Clubhouse, von vielen als elitär – Zutritt nur auf Einladung und für iPhone-Nutzer – bezeichnet und manchen ein Datenschutz-Mordor, hat es mittlerweile gar in das Groß-Feuilleton geschafft: Die Hamburger „Zeit“ nahm Clubhouse gar zum Anlass, eine neue Macht der Mündlichkeit zu verorten, ein neues Zeitalter des Sprechens und des Hörens.

Persönlichkeiten, keine Logos

Die Unternehmenskommunikation , das Marketing insgesamt, steht mit Clubhouse vor neuen Herausforderungen: kann man andere Social Media-Kanäle weitgehend nach Belieben steuern und die Themen-Hegemonie über die eigenen Kanäle behaupten, so ist das bei Clubhouse eben kaum möglich: ein Talk auf Clubhouse lebt von den oft unerwarteten Wendungen der Diskussion, ein Stück weit von der Unplanbarkeit einer Debatte. Kommunikatoren müssen also bei aller berechtigter Hoffnung auf konstruktive Redebeiträge ein Stück weit Kontroverse zulassen. Das ist nicht jedermanns Sache. Und: Clubhouse ist vor allem eine Plattform für Persönlichkeiten, eher weniger eine für Unternehmen, die ihr Logo ins Profilfoto pressen möchten.

Dieses Authentizitätsdogma macht es auch schwierig, seine künftige Relevanz für das Content Marketing zu vermessen. Aber ein paar Thesen und Handlungsempfehlungen wage ich schon einmal: 

  1. Clubhouse ist die plattformgewordene Firewall gegen beliebigen Ego-Content. Auf keiner anderen Plattform wird – zumindest bis jetzt – so vehement der Versuch unternommen, Erkenntnis und Disput zu ermöglichen. Wer also kein potenziell kontroverses Thema besetzen kann, wird auf Clubhouse scheitern.
  2. Bisher gibt es Clubhouse nur für das iPhone. Das färbt wohl auch auf die Nutzer-Struktur ab. Auf Clubhouse tummeln sich meist Marketing-Expert*innen, Tech-Visionär*innen, Journalist*innen, Politiker*innen. Das könnte Clubhouse für Teile der Old Economy noch ein wenig irrelevant machen. Mit Diskussionen über neue Feldbussysteme und Fräsmaschinen wird es eher schwierig, sich auf Clubhouse eine Community aufzubauen.
  3. Clubhouse lebt von argumentativer Vielfalt und davon, dass sich Moderator*innen auch darauf einlassen, mit den Beiträgen des Publikums die Diskussion in eine vielleicht überraschende Richtung gelenkt zu sehen. Eine von Unternehmensinteressen geleitete Agenda durchzudrücken, wird rasch zum Misserfolg führen.
  4. Clubhouse kann eine geeignete Plattform sein für jenes thematische Umfeld, das Marketing-Expert*innen mit „Purpose“ umreißen – also Themen, die eine Haltung des Unternehmens zu bestimmten gesellschaftlich relevanten Fragen transportieren. Faire Arbeitsbedingungen etwa, Work Life-Balance, Integration. Bevor man sich allerdings auf dieses Spielfeld begibt, muss man wissen: man weiß bei einem Clubhouse-Meeting nie, wer da sonst noch aufs Spielfeld kommt.
  5. Clubhouse ist hervorragend für die Schärfung des Profils von Corporate Influencern geeignet. Wer Expert*innen zu Tech oder anderen gesellschaftlich heiß diskutierten Themen im Unternehmen hat, könnte sie auf der Plattform ins Rennen schicken. Aber bedenken Sie: Clubhouse ist Dialektik. Es geht nicht um Vorträge und Keynotes, sondern darum, mit anderen zu diskutieren. Es empfiehlt sich also, im Vorfeld ein Panel mit anderen Expert*innen zu organisieren – vor allem mit solchen außerhalb des eigenen Unternehmens.
  6. Clubhouse lebt von Menschen, nicht von Unternehmenspräsentationen. Halten Sie sich dran. Es geht nicht darum, Ihr Unternehmen auf Clubhouse zu bringen oder bei Rooms dann die die eigene Unternehmensgeschichte vorzutragen.
  7. Clubhouse kann hervorragend genutzt werden, um schon ausgespielten Content auf den eigenen Plattformen durch ein Diskussionsformat zu unterstützen. Sie können also etwa ein bestimmtes Thema, das Sie gerade auf Ihrem Blog spielen, noch einmal auf Clubhouse diskutieren und entsprechend darauf hinweisen.

P.S.: Ich hab noch ein Invite übrig für Clubhouse.


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