#2/ 2020
13/13

Kriterien für einen guten Podcast

Was macht einen gelungenen Podcast aus?

Man hat ihn ja schon ein paar Mal totgesagt, jetzt ist er lebendiger denn je: der Podcast. Nach welchen Kriterien beurteilen Sie die Qualität eines Podcasts? Welche Features sollte eine Podcast-App mitbringen? Welches sind derzeit meine Lieblingspodcasts zu Kommunikation, Digitalisierung und Gesellschaft?

Ob Sie für Ihr Unternehmen einen Podcast evaluieren, selbst einen starten wollen oder einfach nur mal ins Feld reinschmökern möchten: dieser Beitrag öffnet Ihnen die Tür. Treten Sie ein! Viel Spass bei der Lektüre. Und ganz besonders wünsche ich das natürlich Daniel, dem ich diesen Beitrag versprochen habe.

Es ist jetzt schon einige Jahre her, dass mich Alex Wunschel, bekannt als „der Podpimp“, mit seinem „kleinen Freunderadio“ wachgeküsst hat. Podpimp ist eine Wortkreation seiner Nichte Lara, entstanden aus „Podcast“ und „Pimp your Brain“. Alex hat sie zu seiner Marke gemacht: unverwechselbar, mit markiger Stimme und saftigem Wortschatz. Schön, bist du nach einer Sendepause wieder da, Alex! Ich grüsse dich!

Kriterien für einen guten Podcast

Einen Podcast zu produzieren ist mittlerweile ein Kinderspiel, würde man meinen. Die Technik ist erschwinglich geworden, Gespräche können auch „on the go“ aufgezeichnet werden. So hat mich zum Beispiel Jens Stoewhase für den Medienrot Swiss Podcast zum Newsroom in Hamburg in der Sonne auf der grünen Wiese interviewt. Wenn die Technik stimmt, läuft schon vieles gut, aber das reicht nicht. Ein Podcast ist mit einem Klick abonniert, und wenn er nervt, fliegt er genauso schnell wieder raus.

Was sind also die Qualitätsmerkmale eines Podcasts? Dazu gibt es einige Kriterien, die ich im Folgenden mit Beispielen verdeutliche. Alle erwähnten Podcasts sind am Ende des Beitrags verlinkt. Schlechte Beispiele zeige ich hier nicht, die finden Sie schon selber, keine Sorge!

Passende Länge

Eine der zentralen Fragen ist sicherlich jene nach der idealen Länge. Dafür gibt es keine pauschale Empfehlung. Kurz gesagt: „Es kommt darauf an“. Wie viel Zeit, wie viele Stimmen und wie viele Quellen benötigen Inhalte, damit sie anschaulich und verständlich vermittelt werden können? In welcher Konsumsituation befinden sich die Hörerinnen und Hörer? Beim Wandern, Reisen oder Gärtnern dürfen die Episoden gerne etwas länger sein. Für Überbrückungs- und Wartezeiten in Tram und Bus oder bis das nächste Treffen losgeht sind Episoden bis zu 15 Minuten ideal. Kurze Beiträge vermitteln das Thema in aller Regel fokussierter, längere Beiträge schaffen Atmosphäre und nutzen den Raum für Hintergründe.

Direkter Einstieg 

Nichts ist nerviger als belangloses Vorgeplänkel. Ich schätze Podcasts, die schnell zum Punkt kommen und mir zeigen, was mich erwartet. Denn auch bei Podcasts, die ich sehr gerne mag, spricht mich nicht jede Episode an. Tijen Onaran setzt im Business Punk Schlüsselzitate an den Anfang, ebenso Philipp Westermeyer vom OMR-Podcast. Jochen Witte führt im TripleM-Podcast zu Medien, Menschen, Meinungen seine Gesprächspartnerinnen ein, genauso wie Jens Stoewhase, der zusätzlich gleich zu Beginn auch das Thema der Episode und den Kontext umreißt. Bei allen fühle ich mich schon einmal gut abgeholt und eingeführt.

Freundliches Intro

Es gibt die Podcasts, bei denen der Jingle schon Laune macht. Ich weiß, das ist natürlich Geschmacksache. Wenn ich den ada-Podcast starte, das Modem-Verbindungsgeräusch des Medienrot Podcasts höre oder die Begrüßung von Alex im Blick über den Tellerrand, dann habe ich schon Lust dabei zu bleiben.

Da gibt es auch anderes: Mühe habe ich zum Beispiel mit Heavy-Metal-Einspielungen. Gut, darüber lässt sich streiten. Nicht aber, dass für den Jingle die Musik aufgedreht wird, bis fast das Trommelfell platzt, die Episode dann aber deutlich leiser gesprochen wird. Der Griff zum Smartphone zum Anpassen der Lautstärke nervt völlig unnötig – vor allem wenn man, wie ich, Podcasts bei der Gartenarbeit hört.

Aufmerksame Gastgeber

Es gibt Hosts, die schaffen es fachlich und mit viel Empathie, auf ihre Gesprächspartner einzugehen. Aus aufmerksamem Zuhören, sich nicht selbst ins Szene setzen und interessanten Fragen entstehen tolle Episoden, die ein Thema vertiefen und wirklich zum Kern der Sache vordringen. Tijen Onaran von Business Punk, aber auch Andrea Montua von Auf einen Tee mit Andrea Montua positionieren sich mit klugen Fragen in ihrem Thema als Expertinnen.

Leider gibt es immer wieder Hosts, die sich allzu sehr mit sich selbst beschäftigen, sich ihre überlangen Fragen gleich selber beantworten oder den Co-Host mit den ewig gleichen Zoten aufs Korn nehmen. Ich verstehe, dass es nicht einfach ist, sich das im isolierten Studio vorzustellen: Aber auf der anderen Seite des Podcasts sitzt eine Hörerin, vergessen Sie das bitte nicht!

Klare Aussprache und passendes Tempo

Nein, ich bin nicht der Meinung, dass jeder Podcaster über eine professionelle Sprecherausbildung verfügen muss. Der persönliche Stil macht die Episoden authentisch und verleiht ihnen das gewisse Etwas. Allerdings gibt es auch hier eine Schmerzgrenze: Ein zu hohes Sprechtempo, undeutliche Sprache oder verschluckte Vokale sind Hürden, die vom Inhalt ablenken. Da muss das Thema dann schon sehr interessant und inhaltlich gut aufbereitet sein, dass ich trotzdem dranbleibe – und ja, auch solche Podcasts gibt es.

Saubere Akustik

Ich habe es eingangs erwähnt: Man kann Gespräche „auf der grünen Wiese“ führen, wenn man die richtige Ausrüstung dabeihat: Diskrete Stimmen im Hintergrund können durchaus zum Ambiente beitragen. Gespräche hingegen, die über schlechte Telefonverbindungen aufgezeichnet werden, oder Episoden, in denen der Barista im Hintergrund die Hauptrolle spielt, verfehlen ihren Zweck.

Stimulation und Struktur

Gerade längere Beiträge leben von der Abwechslung und von Unterbrechungen. Das können wechselnde Gesprächspartner, Rubriken oder Anthems sein. Alex Wunschel ist ein Meister der Stimulation und bringt in jeder Episode ein wahres Feuerwerk an Soundeffekten. Etwas sachlicher geht es bei Computer und Kommunikation zu, der Podcast arbeitet mit Rubriken wie dem Info-Update, dem Digitalen Logbuch und Themenschwerpunkten.

Werbung mit Augenmaß

Podcasts sind kostenlos, darum ist es verständlich, wenn es nicht immer ohne Werbung geht. Wird diese vom Host eingesprochen und trägt sie den Charakter einer Empfehlung, ist sie tolerierbar. Philipp Westermeyer löst das zum Beispiel im OMR-Podcast gut.

Was definitiv nervt, ist Werbung, die vor jeder Episode mit der identischen Ankündigung lockt: „Hey, Marketing-School-Listeners, I have interesting stuff for you …“ Von den durchschnittlich acht Minuten Podcast ist damit eine Minute weg. Hört man sich mehrere Episoden an, fühlt man sich veräppelt.

Also bitte: Wenn Werbung, dann auch den Text und idealerweise die Produkte variieren. Dass immer mehr Podcasts Werbung einspielen, beobachtet auch Pokipsie, ein Podcaster der ersten Stunde. Er hat sich mit mir am Rande der Connecta 19 in Bern übrigens für eine Episode im Geektalk (einer seiner 12 Podcasts!) über das Thema Mitarbeiter als Botschafter unterhalten.

Tipps für die Podcast-App

Ich habe schon einige Podcast-Apps ausprobiert und sie immer wieder verworfen. Dann war ich jeweils froh, die Export-Funktion nutzen zu können, weil ich am neuen Ort nicht jeden Podcast wieder neu suchen und erfassen wollte. Schnell aufgesprungen bin ich bei Swoot, weil ich es reizvoll finde zu sehen, was andere aus meinem Netzwerk hören. Davon lasse ich mich noch heute inspirieren, meist durch die Info über den Newsletter, denn auf der App bin ich inzwischen selten.

Denselben Effekt bietet Spotify, allerdings entwickelt der Musikstreaming-Dienst das Segment erst noch, die Funktionen sind daher etwas basic. Aber das dürfte sich bald ändern, Spotify hängt sich derzeit ins Thema rein. Wer dazu mehr hören will, hört sich diese Episode von Eine Stunde was mit Medien von Daniel Fiene und Herrn Pähler an.

Aktuell ist die App meiner Wahl Castbox, hier leiste ich mir die Premiumfunktion. Die App nutze ich vor allem auf dem Smartphone, schätze aber auch die Möglichkeit, Podcasts auch auf dem Desktop zu verwalten. Das sind die Funktionen, auf die ich Wert lege:

  • Zuverlässiges Laden von neuen Episoden (Nicht alle Podcasts sind tot: wenn mal länger nichts kommt, könnte das auch an der App liegen)
  • Übersichtliche Darstellung des Kanals mit Name, Bild, Beschreibung und Shownotes
  • Ordnen in Kategorien / Playlists wahlweise nach Themen (Kommunikation, Digitalisierung, Gesellschaft) oder Hörgewohnheiten (Kochen, Joggen, Reisen)
  • Möglichkeit für einfaches Vor- und Rückspulen
  • Beschleunigtes oder verlangsamtes Abspielen
  • Ruhe unterdrücken
  • Möglichkeit, Podcasts auch offline zu hören
  • Benachrichtigung für neue Podcasts frei wählbar
  • Regelmässige Updates der App und schnelle Reaktion im App Store
  • Inspiration durch Entdecken von ähnliche Podcasts, die vorgeschlagen werden
  • Zuverlässige Suche und Autovervollständigung
  • Keine Werbung in der App (gegen Bezahlung)

Fortgeschrittene, Geeks und Freaks wünschen sich sicher auch die Kompatibilität mit Amazon Alexa, Apple Watch, CarPlay, Google Home, Android Auto usw.

Tipp: Bei Apps melde ich mich übrigens, wenn immer möglich, mit Mail-Login an und nicht über Facebook, Twitter oder Google. So bewahre ich meine Unabhängigkeit und vermeide den unnötigen Austausch von Nutzungsinformationen.

 

 

Marie-Christine Schindler ist Inhaberin der mcschindler.com gmbh in Zürich. Sie ist spezialisiert auf Online-Strategie, integrierte, crossmediale und vernetzte Kommunikation und Ausbildung. Sie bloggt zu Online-PR und ist Co-Autorin des Standardwerks PR im Social Web. Für ihre Kunden verbindet sie ihre langjährige PR-Erfahrung mit den neusten Entwicklungen der digitalen Kommunikation und sozialen Medien. www.mcschindler.com


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