#2/ 2019
12/12

„mit den leserbriefen machen wir im winter immer feuer“

wenn facebook-gruppen-beiträge in print-magazine wandern

Die Versuche, Print und Online zu verknüpfen, sind so alt wie das Internet. QR-Codes, individualisierte bit.ly-Links, Webcodes – alles schon dagewesen. Online first, Print second – auch nicht neu. Es wird verknüpft, kopiert, verwiesen. Aber es ist dann doch etwas ungewöhnlich, wenn in einem B2B-Magazin Nutzer-Beiträge aus Fach-Facebook-Gruppen abgedruckt werden. Zumal bei einem Magazin für Gartenbauer. Dass dies geht, spannend ist und auch noch gut aussieht, das beweist die neue DEGA Galabau, erschienen im Eugen Ulmer Verlag in Stuttgart. Tjards Wendebourg, Redaktionsleiter GaLaBau, im Interview. 

Warum druckt eine Print-Zeitschrift Beiträge und Verlinkungen zu Einträgen aus Facebook-Gruppen ab? Zu wenig Leserbriefe?

Mit den Leserbriefen machen wir im Winter immer Feuer, damit die Druckmaschine anspringt. Wenn man sie dann mal braucht, sind sie aus. Aber mal im Ernst – auch Magazine müssen sich verändern und haben sich verändert: Wir verfolgen schon lange das Konzept einer Fachzeitschrift als „analoger Plattform“. Wir bieten unseren Lesern Entschleunigung über das Magazin und die Gewissheit, das Wesentliche trotzdem nicht zu verpassen, weil wir die dynamischen Inhalte kuratieren und über Print-Online-Schnittstellen wieder verfügbar machen; und zwar moderiert. Der QR-Code ist die bei unseren Lesern eingeführte Schnittstelle für Bilder, Videos und Social-Media-Inhalte. Für PDF und Links – sofern sie größere Bildschirme benötigen - verwenden wir 4-stellige Webcodes, über die wir ganze Dossiers aus Artikeln und PDFs anbieten.

Die neue Serie ist auch ein Schritt dazu, das Magazin zu demokratisieren und zu entakademisieren. Machen wir uns nichts vor: Viele Bücher und Zeitschriften beschäftigen sich nicht wirklich mit den Alltagsproblemen ihrer Zielgruppen. Auf Facebook werden diese Probleme diskutiert. Für die Redaktionen ist das ein reicher Quell an Inspiration und eine Chance, die eigene Position zu Erden. Über DEGA GALABAU kommen die Leser in die Gruppen und die Gruppenmitglieder zu DEGA; eine Win-win-Situation also. Ganz nebenbei sind die Werbewirkung, der Kontakt zu den Admins und die Wirkung auf die Mitbewerber nicht zu verachten. Wir können jedenfalls jetzt schon mal resümieren: Der erste Serienteil war aus mehreren Gründen ein voller Erfolg.


Ist DEGA selbst in Facebook-Gruppen aktiv? Und wenn ja, in welcher Form, als Redakteure, als Zeitschrift?

Ja, wir sind als Redakteure präsent und profilieren uns auch durch moderierende und versachlichende Positionen, halten uns aber in Sachen Werbung zurück. Das ist ohnehin nicht notwendig, weil kein Mitbewerber so viel Raum bekommt. Unsere Teilnahme ist dabei nicht nur Marketing, sondern zu großem Teil Recherche. Durch unser Netzwerk aus Social-Media-Präsenzen und Google-Alerts haben wir einen Nachrichteneingang, der exponentiell über dem Aufkommen liegt, das uns früher zur Verfügung stand. Dabei hilft uns die Poolredaktion zehn zielgruppenrandscharf ausgerichtete Magazine zielgruppenspezifisch zu füttern und die Informationen genau so aufzubereiten, wie es die Zielgruppe verlangt; und das innerhalb einer Strategie und unter der Prämisse unserer Philosophie. Die Kernkompetenz wird für uns alle darin bestehen, schnell Relevanzen zu erkennen und die Nachrichten auf die entsprechenden Kanäle aufteilen zu können. Es ist durchaus eine Herausforderung, nicht in der Nachrichtenflut zu ertrinken.

Wieso eigentlich Facebook? DEGA ist doch eine B2B-Zeitschrift, wäre da nicht Xing naheliegender?

Im GaLaBau ist Facebook nach wie vor und mit Abstand der wichtigste SM-Kanal. Das liegt an der Struktur der Branche, aber auch daran, dass ein großer Teil unserer Leserschaft Privatkunden anspricht – und sich die eben auch noch über Facebook ansprechen lassen. Die Struktur und das Handling von Gruppen ermöglichen es außerdem, den Austausch zu demokratisieren. Dass entwickelt sich zwar gerade gesellschaftlich zum Boomerang, aber in den Gruppen lassen sich die daraus erwachsenden negativen Trends unter Kontrolle halten. Bei Facebook ist nach wie vor auch das höchste Maß an Interaktion. Während bei LinkedIn oder Xing die Inhalte der Postersteller im Vordergrund stehen und Diskussion kaum aufkommt, bietet Facebook den Austausch. Das ist für uns extrem wertvoll.

Könnte diese Art der Verknüpfung auch sinnvoll für andere Zeitschriften sein? 

Ganz bestimmt – wenn es authentisch ist und gut gemacht wird. Unser Konzept der analogen Plattformen sieht die Einbindung weiterer Inhalte vor. In Floristik und grünem Einzelhandel wird das auch mit Facebook-Inhalten funktionieren. Bei anderen Zielgruppen kann das ganz anders aussehen. Fest gesetzt sind bei uns Youtube-Filme. So stellen wir neue Image-Filme der Betriebe oder Verbände immer mit Screenshot und QR-Code vor, so dass man sich das Video direkt aus dem Heft aufrufen kann. Für Leser ist das absolut spannend – und selbst uns macht das Spaß. Bei unserem Landschaftsarchitektentitel FREIRAUMGESTALTER könnten es auch Instagram-Inhalte sein. Dort steht das Bild im Vordergrund; auch bei den Rezeptionsgewohnheiten.

Wie man sieht: Wir glauben in vielen Zielgruppen fest an das gedruckte Magazin, rechnen aber damit, dass sich der Markt bereinigen wird. Wir richten uns schon seit Jahren darauf ein, die zu sein, die übrig bleiben wollen – mit dem Angebot einer zielgruppenspezifischen Fachinformationsarchitektur (FIA) und einer großen (auch emotionalen) Bindung an unsere Zielgruppen. Mehrwert, Glaubwürdigkeit, Unterhaltungswert und emotionale Bindung werden die Währungen sein, die darüber entscheiden, ob Konzepte überleben oder verschwinden.

Übrigens gilt das auch für die Fachbücher. Wenn Sie sich mal unser „interaktives GaLaBau-Bilder-Wörterbuch“ (iGBW, www.ulmer.de/bilderwoerterbuch) ansehen, sehen sie den Prototyp eines als Werkzeug funktionierenden Printproduktes. Das iGBW vermittelt Fachsprache über kontextbezogen zusammengestellte Bilder und über mit QR-Codes verknüpfte Tondateien. Das Konzept ist in dieser Aufmachung und Funktionalität bisher einmalig – und dies trotz Einwanderungswelle und der Notwendigkeit, den Fachkräftebedarf in vielen Branchen über Ausländer zu decken. Das ist einigermaßen verwunderlich und ich bin mir sicher: Da geht noch was.

Tjards Wendebourg ist Diplom-Ingenieur Gartenbau und hat mit der "Planungsgruppe Digitalis" über Jahre Gartenbesitzer in Sachen Gartenplanung beraten. Seit 2001 ist er verantwortlicher Redakteur der führenden Landschaftsgärtner-Fachzeitschrift "DEGA GALABAU". Seit 2017 verantwortet er als Redaktionsleiter zusätzlich neun Magazine für Gartenbau, GaLaBau, Landschaftsarchitektur, Kommunen, Floristik und gärtnerischen Einzelhandel. Nebenbei schrieb Wendebourg über mehrere Jahre die monatliche Kolumne für Deutschlands meistverkaufte Gartenzeitschrift "Mein schöner Garten" und war schon gut 40-mal als Experte in der Sendung "MDR Garten" zu sehen.