#1_2/ 2024
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Schwarzbrot-versus-heißer-Scheiß-Paradox

In dieser Ausgabe präsentieren wir Ihnen das Ergebnis zweier Umfragen, die wir in den vergangenen Monaten mit verschiedenen Partnern durchgeführt haben. Das Spannende daran: Beide Themen sind für Publisher extrem relevant – und dennoch könnte das Ergebnis, wie diese damit bisher umgehen, kaum unterschiedlicher sein. Ich nenne dies einmal flapsig das Schwarzbrot-versus-heißer-Scheiß-Paradox. Fangen wir mit dem vermeintlichen Schwarzbrot an. Im Jahr 2025 muss jede digitale Publikation von Gesetzes wegen barrierefrei sein – seit Jahren bekannt, allein wir vom dpr haben dazu ein halbes Dutzend Webinare gemacht. „Ist Ihr Unternehmen darauf vorbereitet?“, wollten wir in einer Umfrage für unseren Publishing-Technologien-Channel (powered by Pagina und Sitefusion) wissen, wohlgemerkt mit Blick aufs kommende Jahr. Worauf rund zwei Drittel der Publisher erklärten, sich „noch nicht intensiv mit der Thematik beschäftigt“ zu haben. Gefragt nach konkreten Planungen zur Erfüllung der Anforderungen an barrierefreie Produktionen sagten 80 Prozent: „Wir haben noch kein Konzept.“ Für mich eines der klassischen „Schwarzbrot“-Themen der Branche: extrem wichtig (Gesetzes-Auflage!), nahrhaft und fruchtbar (Inklusion!) – aber es fehlt ein bisschen der Appetit. Und zwar nicht nur auf Seiten der Publisher, sondern auch der Dienstleister: Ein Publishing-Berater erklärte kürzlich, dass es aktuell beispielsweise kaum jemanden gibt, der sich damit beschäftigt hat, wie man barrierefreie Epubs aus Indesign heraus erzeugen kann. An der Stelle überrascht es auch kaum, dass auch wir vom DIGITAL PUBLISHING REPORT uns bisher viel zu wenig um die Barrierefreiheit unserer eigenen Publikationen Gedanke gemacht haben. Geschenkt. 

Also kaum Appetit auf Schwarzbrot, dafür umso größeren Heißhunger auf Künstliche Intelligenz. So ist ein Ergebnis unserer Umfrage, die wir gemeinsam mit Berlin Consulting gemacht haben (Teil 1 in der vorangegangenen Ausgabe, Teil 2 in dieser Ausgabe): Für 2024 planen 71 Prozent der Publisher zusätzliche Ressourcen und Budgets ein und geben dem Thema einen hohen strategischen Stellenwert; und auch die Anbieter/Dienstleister haben sich erfolgreich auf den Weg gemacht. Klar, KI ist seit spätestens einem Jahr der – Sorry für die Wortwahl – heiße Scheiß, über den jeder spricht. Tools wie ChatGPT versprechen unmittelbare Bedürfnisbefriedigung bzw. Instant-Sättigung – „Schreib mir mal diesen Text um“ liefert halt direkte Ergebnisse. Die Publisher stehen gern Schlange am Buffet, neugierig ihre Dienstleister drängelnd. – Obwohl da doch eigentlich gar ein Druck herrscht. Noch ein Jahr länger die Marketing-Texte mit HI (Human Intelligence) schreiben, Bilder aus Real-Life-Datenbanken ziehen wäre kein Ding. Und doch treibt’s der Appetit hinein. Bei uns übrigens genauso wie bei Ihnen. Paradox, oder? Gut, dass bald – ab 14. Februar – Fastenzeit ist. Können wir ja alles nochmal überdenken, unsere Prioritäten.

Dennoch: Bleiben Sie hungrig!

 

Daniel Lenz

DIGITAL PUBLISHING REPORT