#19/ 2018
4/21

ein paar worte zum geleit

Digitalisierungsskeptiker machen sich einen Spaß daraus, Studien aus der Frühphase digitaler Bücher herauszukramen und die darin prognostizierten Marktanteile von E-Books mit dem Status quo abzugleichen – das Delta sorgt immer wieder für Erheiterungen. Und doch mag selbst unter den größten Print-lebt-Verfechtern und Haptik-Fetischisten nicht so richtig Freude aufkommen, führt man sich die viel diskutierte (aber gar nicht oft genug zu diskutierende) GfK-Studie vor Augen, nach der der Publikumsbuchmarkt seit 2013 über sechs Millionen Käufer verloren hat – ein Minus von 18 Prozent, und das ausgerechnet schwerpunktmäßig bei den jüngeren Käufern zwischen 20 und 49 Jahren. Auf dem Pressemarkt gibt es ähnlich verstörende Signale: Im ersten Halbjahr 2018 sank der Presseabsatz um zehn Prozent, der Umsatz um sieben Prozent – was Frank Nolte, Chef des Bundesverbandes Presse-Grosso, gegenüber Turi als „mittelschwere Katastrophe“ bezeichnet hat.

So weit, (vielen) so bekannt. Was haben diese für Verlage durchaus katastrophalen Tendenzen mit der neuen dpr-Ausgabe zu tun? Wir meinen: Vor dem geschilderten Hintergrund ist es umso wichtiger, sich wieder verstärkt mit Prognosen zum Verlagsgeschäft zu beschäftigen, auch wenn diese oft daneben liegen mögen. In diesem Magazin geschieht dies in Form einer Dystopie. Der PR-Experte und Buchblogger Tobias Nazemi entwirft ein Szenario für den Buchmarkt im Jahr 2030. Für die meisten Leser sicher zunächst erschreckend, da der Markt bis dahin 50 Prozent der Verlage und zwei Drittel der Buchhandlungen und mit ihnen auch den goldenen Schutzzaun der Preisbindung verloren hat. Doch, und deshalb ist es keine porentief reine Dystopie, der radikal geschrumpfte Markt zeigt wieder Aufwärtstendenzen. Videostreamingportale haben nicht alles platt gemacht. Es werden wieder verloren geglaubte Zielgruppen ans Buch geführt. Angetrieben wird dieser neu erfundene Buchmarkt nicht mehr von einer längst verlorenen Bildungsmission, sondern von rein kommerziellen Interessen. Edeka und Kamps haben das Buch für sich (wieder)entdeckt, Literatur wird in den „Book’n go“-Fillialen der Bäckereikette zur reinen Dienstleistung, Coffee to go plus Kurzgeschichte 4,95 Euro. Alles ganz schlimm? Was denken Sie? Schreiben Sie uns gerne an info@digital-publishing-report.de oder über Social Media.


Die restliche Ausgabe widmet sich, wie gehabt, sehr praxisnah dem Hier und Jetzt der Verlagsbranche: Stephanie Hauer empfiehlt Medien-Podcasts. Kai Weber macht sich Gedanken über zeitgemäße Dialog-Plattformen für Hersteller. Die Datenschutzexpertin Simone Rosenthal entlarvt DSGVO-Mythen – zum Beispiel den Mythos, dass Einwilligungen zur Verarbeitung von personenbezogenen Daten, die vor Geltung der DSGVO eingeholt wurden, per se hinfällig sind. Hans-Peter Neeb bringt Beispiele, wie Smart Data im Vertrieb genutzt werden kann. Und Wolfgang Zehrt erklärt, warum Roboterjournalismus nicht der Untergang des Medienlandes ist.

Eine angenehme Lektüre wünscht


Daniel Lenz