#17/ 2019
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der babelfisch der verlage

inhalte in vielen sprachen ausspielen – automatisiert und on the fly

Mehrsprachiger Content steht schon immer auf der Agenda vieler Verlage, scheitert aber meist an finanziellen und zeitlichen Budgets, dem Handling mit Übersetzern und Übersetzerinnen, der Implementierung des übersetzten Contents usw. Die Stämpfli Verlag AG im schweizerischen Bern, einerseits klassischer Fachverlag mit juristischen Büchern und Zeitschriften, andererseits Mitinhaberin und Zulieferin der in der Schweiz führenden juristischen Datenbank Swisslex, geht jetzt einen neuen, automatisierten Weg, um Inhalte mehrsprachig anzubieten. Wir befragten Stephan Kilian, Programmleiter Juristische Medien beim Stämpfli Verlag.

Was waren denn die strategischen Gründe, das Thema Mehrsprachigkeit von Inhalten voranzutreiben?

Wir haben in der Schweiz die Herausforderung unsere (juristischen) Inhalte in den Landessprachen Deutsch, Französisch und Italienisch anzubieten. Bei Themen wie Pharmarecht oder Finanzmarktrecht ist häufig auch eine englische Übersetzung wichtig, da in den großen, internationalen Firmen in Basel oder Zürich eben Englisch gesprochen wird. In der Praxis bedeutet das, dass wir bei den Zeitschriften viele Beiträge professionell übersetzen lassen und in der Zeitschrift (zumindest die Abstracts) in mehreren Sprachen abdrucken. Aus Kundensicht bedeutet das, dass man, je nach Sprachkenntnissen, denselben Inhalt mehrsprachig findet. Ein eigentlich 4-seitiger Aufsatz ist dann eben 8 oder mehr Seiten lang, von denen der Kunde aber nur die Hälfte konsumieren wird.


Aus Verlagssicht ist das teuer und unzufriedenstellend. Von unseren Kunden wissen wir, dass sie die Internetarchive unserer Zeitschriften im Wesentlichen zur schnellen Recherche verwenden und deshalb auch mit einer automatisierten und nicht zitierfähigen Übersetzung der Aufsätze vollends zufrieden sind. Und genau das bieten wir jetzt an. Mit einem Klick hat man den interessanten Aufsatz in Deutsch, Französisch, Italienisch oder Englisch übersetzt. Dadurch gewinnt man den schnellen Überblick. Wenn man sich im Detail mit dem Thema auseinandersetzen möchte, oder wissenschaftlich zitieren möchte, muss man die Originalversion des Beitrags (digital oder print) verwenden.

Partner zu finden, mit denen nicht nur technologische, sondern auch inhaltlich überzeugende Lösungen umzusetzen sind, ist ja nicht einfach. Meistens fällt einem Google Translate ein, was aber in der Übersetzungsqualität oft mangelhaft ist. Wieso gerade das Kölner Unternehmen DeepL?

Schweizer Autoren/Leser/Lektoren sind in Übersetzungsfragen erprobt und unsere französischsprachigen Kollegen aus der Romandie haben uns auf die Qualität von DeepL hingewiesen. Die KI von DeepL übersetzt nicht Wort für Wort (wie andere Tools), sondern erfasst Sinnzusammenhänge innerhalb von ganzen Sätzen und Textblöcken. Und das führt zu meist richtig guten Übersetzungen. Das kann jeder testen: www.deepl.com

Eine Herausforderung ist, dass man nicht einfach den gesamten Text zu DeepL zur Übersetzung schicken kann, sondern bestimmte Textteile wie Literaturlisten oder Autorennamen herausfiltern muss. Sonst würde aus der Autorin Frau Pflaume in der französischen Version Mme Prune werden – und diese würde dann keiner kennen. Es ist sogar möglich, DeepL zu sagen, welche Begriffe er wie übersetzen soll. Das ist jedoch sehr heikel, denn man kann ja nicht alle Zusammenhänge voraussehen, in denen die Begriffe auftauchen werden. 

Welche Projekte werden denn im Moment mit DeepL umgesetzt? Und wie kann man sich das ganz praktisch vorstellen, sowohl von der Implementierung als auch seitens der Nutzer?

Im Moment bieten wir die Funktion den registrierten Abonnenten von sieben unserer Zeitschriften an. Wer also eine juristische Stämpfli Zeitschrift abonniert hat, kann den Service ohne Zusatzkosten nutzen. Wir bewerben die Funktion im Internet, auf unseren Sozialen Medien und in gedruckten Zeitschriften. Wir versprechen uns eine stärkere Nutzung der Online-Archive, eine stärkere Bindung der Kunden an das Produkt und auch neue Kunden, die bislang mit einem Abo wegen der Sprachbarriere gezögert haben.

Technisch gesehen müssen wir jeden Beitrag, der auf die Plattform soll im HTML so auszeichnen, dass DeepL versteht, was übersetzt werden soll und was nicht. Dabei steuert die Browsersprache die Sprache der weiteren Benutzerführung.

Man kann aber auch ohne Abo testen: Unter www.staempfliverlag.com/testen kann jeder ein kostenloses Testabo eröffnen, das nach 30 Tagen oder nach dem Download von 10 Dokumenten automatisch beendet wird.

Wie sehen die weiteren Planungen aus?

Ziel ist es, unseren Content dem Nutzer in der Form und Sprache anzubieten, die er wünscht. Im digitalen Bereich liegt jetzt die Latte der Sprachbarriere niedriger.

Wir werden die Zeitschriftenplattform zuerst auf alle Zeitschriften aus dem Stämpfli Verlag ausbauen und dann auch andere thematisch passende Inhalte aus unserem Hause hinzufügen.

Wir würden DeepL gerne dabei helfen, in der Übersetzung der „juristischen Sprache“ noch besser zu werden. Wie gesagt lernt DeepL in logischen Zusammenhängen – und hier ist die juristische Sprache besonders exakt, aber eben auch abstrakt. Unsere Erfahrungen (und die Leserhinweise) würden wir gerne an die DeepL-Trainer weiterleiten.

Eine andere Schwäche der Fachzeitschriften, wegen der Herausgabe-Rhythmen nicht schnell auf Aktualität reagieren zu können, haben wir ebenfalls behoben: Unsere Zeitschriften haben jetzt eine „Online first“-Komponente. Wenn ein Herausgeber findet, dass ein wichtiges Gerichtsurteil schnell der Leserschaft zur Kenntnis gebracht werden soll, dann muss er nicht Wochen auf das Erscheinen der nächsten Printausgabe warten. Innerhalb von 5 Arbeitstagen (für Lektorat, Satz und Freigabe) hatten wir diese Meldung online: https://szs.recht.ch/de/artikel/01szsonlinefirst0219/verwendung-von-observationsmaterial-im-rahmen-von-psychiatrischen

Diese Beiträge schalten wir wegen der Suchmaschinen-Auffindbarkeit auf „Free Access“ – sie können also auch von Nicht-Abonnenten gefunden, heruntergeladen, gelesen und über die Share-Funktion an Freunde und Kollegen weitergeleitet werden.

Ist ein solches Modell auch auf andere Medienunternehmen übertragbar?

Alle Fachinformationsanbieter kennen die Sprachbarriere. Überall dort, wo es darum geht, ein rasches Verständnis über einen Inhalt zu gewinnen (und nicht um exaktes Zitieren), werden es Leser (aber auch Autoren) lieben, auf den DeepL-Button zu klicken. Und wenn sich die DeepL-Qualität weiterentwickelt – und davon gehen wir aus – wird eine Online Übersetzung schon in naher Zukunft „normal“ sein und erwartet werden. 

 

Stephan Kilian ist seit 2017 Programmleiter Juristische Medien beim Stämpfli Verlag in Bern. Davor war er 10 Jahre Produktmanager und Projektleiter E-Business beim C.H. Beck Verlag und Vahlen Verlag in München.