#16/ 2019
7/9

mit dem autor im glaskasten

early access publishing

Dem Autor über die Schulter schauen beim Kreativprozess, vorab schon einen Blick in Neuerscheinungen werfen – all das sind Dinge, die interessierte Leser gerne machen. Schaut man sich die bisherigen Angebote an, konzentrieren sich diese auf einzelne Aspekte, etwa Wattpad und Lovelybooks, wenn es um den Austausch geht. Oder eher werblich orientierte Reinschnupper-Angebote wie vorablesen.de. Vor allem im Bereich der IT-Literatur gab es hier immer wieder Ansätze, so richtig gezündet hat am Ende bis auf die Ausnahme „The pragmatic Bookshelf“ (https://pragprog.com) wenig bis nichts.

Jetzt geht der Münchner Hanser Fachbuch-Verlag mit seinem Pilotprojekt HANSERearlyreading (https://hanser-earlyreading.de/) an den Start: „Als einer der ersten deutschen Fachinformationsverlage bietet HANSER damit nun auch Early Access Publishing an. Mit diesem Angebot bekommt der Kunde nach Erwerb des Titels noch während des Schreibprozesses elektronischen Zugang zum Buch.“ Wir haben mit den Verantwortlichen gesprochen.


Wie ist die Idee zum Projekt HANSERearlyreading eigentlich entstanden?

Der Autor Axel Schröder wollte sein Buch „Der Agile Coach“ nach den agilen Methoden schreiben. Das bedeutet: Das Manuskript sollte nach Abgabe sofort dem Leser zugänglich gemacht werden, um zeitnah Feedback zu erhalten. Die Vorschläge der Leser können dann bis zum Erscheinen vom Autor ggf. noch berücksichtigt werden. Also ganz im Sinne einer agilen Rückkopplung.

Die Herausforderung für den Verlag war es dann, eine geeignete Plattform zu entwickeln und zur Verfügung zu stellen. Das Ergebnis ist die nun online gegangene Website hanser-earlyreading.de.

Was genau beinhaltet das Angebot?

Der Leser bekommt bereits deutlich vor dem Erscheinen des Buches Zugang zu allen bereits geschriebenen Inhalten. Das Ganze zum normalen Buchpreis. Er kann sich zwischen dem reinen eBook und einem Bundle aus eBook und gedrucktem Buch entscheiden, das er dann automatisch nach Erscheinen erhält.

Zusätzlich stellen wir eine Möglichkeit zur kontextbezogenen Kommentierung der Inhalte zur Verfügung. Anders gesagt: Jeder kann seinen Senf dazugeben und so direkt mit den Autoren in Kontakt treten.

Ist es nicht enorm aufwendig, wenn Nutzerkommentare erst durch eine Moderatorenprüfung müssen?

Moderiert wird nur der erste Beitrag eines Lesers. Sobald der erste Kommentar freigegeben ist, erscheinen alle weiteren Beiträge sofort. Wir lesen natürlich mit – das ist ja ein Teil des Gags –, moderieren aber nur bei Verstoß gegen die Kommentarregeln. 

Die meisten Versuche in der Vergangenheit waren sehr auf technische Literatur fokussiert, der erste Titel bei Hanser dreht sich um Agilität – welche Titel sind aufgrund ihrer Struktur für das Projekt am besten geeignet, welche gar nicht?

Zunächst war, ehrlich gesagt, der Autor der Initiator des Projekts, weil sich die agile Vorgehensweise sehr gut anbietet, um auf diese Weise ein Buch entstehen zu lassen. Wir können uns natürlich auch andere Themen sehr gut vorstellen, die eine breitere Zielgruppe ansprechen, einen hohen Aktualitätsbezug haben und besonders „heiß“ sind. 

Wie steht denn der Autor des Prototyp-Buchs zum Angebot?

Er findet es natürlich super, es war ja seine Idee, die bei uns auf fruchtbaren Boden gefallen ist. 

Er hat unseren Vorschlag, über die Kommentarfunktion mit den Lesern in Dialog zu treten, begeistert aufgenommen. Der zusätzliche Mehrwert, während der Erstellung des Buches den Abstimmungsprozess unter den Autoren zu unterstützen, hat den Herausgeber auch gleich überzeugt. Immerhin rechnen wir mit ca. 20 Autoren.  

Wie kann ein solches Angebot in den Produktionsprozess eines Verlages integriert werden?  Irgendwann muss ja ein verkaufbares fertiges Produkt entstehen. 

Mit den notwendigen technischen Mitteln und angepassten Prozessen lässt sich dieses Angebot mit vertretbarem Aufwand integrieren. Wir warten das Ergebnis des Versuchsballons ab. Bei Erfolg werden wir natürlich weitere Projekte auf diese Weise veröffentlichen.

Neben der Produktion ist auch das Marketing ein ganz entscheidender Aspekt, den wir im Auge behalten müssen. Klassische Vertriebswege führen hier nicht immer zum Ziel.

Verlangsamt die Integration von Nutzern nicht enorm den Produktionsprozess?

Diese Gefahr besteht natürlich. Wenn aber viele gute Kommentare zur Verbesserung des Inhaltes führen, dann wäre das durchaus eine kleine Verzögerung wert. Bei weiteren Projekten kann man mit mehr Vorlauf arbeiten, um dieses Problem immer besser in den Griff zu kriegen. Das ist natürlich auch ein Lernprozess. 

Wie sieht die weitere Planung bei HANSERearlyreading aus?

Möglichst viele User gewinnen, möglichst viele Kommentare generieren, möglichst viele Verbesserungen sammeln und umsetzen und dann möglichst bald neue Projekte über Hanser Earlyreading realisieren.

leseprobe „der agile coach“