#16 / 2018
6/12

„medien-start-ups gehören zu den am schlechtesten finanzierten start-ups in deutschland“

jan thomas (nkf media) über die deutsche gründerszene

Sie haben Ihren auf die Start-up-Szene spezialisierten Verlag NKF Media mit dem Vorbild des US-Magazins „Red Herring“ gegründet. Was hat den Ausschlag gegeben?

Als ich Ende 2013 die erste Ausgabe von The Hundert veröffentlicht habe, hatte ich nicht die konkrete Absicht, einen richtigen Verlag zu gründen. Es war eher das zufällige Zusammenspiel glücklicher Umstände. Ursprünglich bin ich nach Berlin gekommen, um ein eigenes Start-up zu gründen. Ich war von meiner Geschäftsidee derart überzeugt, dass ich dafür mein vorheriges Unternehmen – eine Branding-Agentur in Frankfurt/Main – an den Nagel gehängt habe und kurzerhand nach Berlin gezogen bin. Hier kam dann schnell die Ernüchterung, denn mir fehlte das notwendige Know-how für die Gründung. Long story short: Ich habe den Blog Whats-up-in-Berlin-Valley ins Leben gerufen, um Zugang zu den schlauen Köpfen der Berliner Gründerszene zu bekommen, was auch gelungen ist. Die wichtigsten einhundert habe ich dann aus einer Laune heraus in einem Magazin vorgestellt. Der Erfolg hat mich ermutig, weitere Magazine zu produzieren. Heute ist daraus ein kleines Medienhaus mit mehreren Printtiteln, Webseiten, Konferenzen und Newslettern rund um die Start-up-Szene entstanden.

Wie ist es um die deutsche Start-up-Szene im internationalen Vergleich bestellt?

Es gibt in Deutschland herausragende Gründer, die sich im internationalen Vergleich nicht verstecken müssen. Allerdings sind die deutschen Startups vergleichsweise unterfinanziert. Das Digital-Business ist ein internationaler Wettbewerb, und Venture Capital ist das Benzin im Motor. Hier muss Deutschland dringend nachlegen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Und natürlich gibt es das ewige Trauerspiel der fehlenden Digitalkompetenz in der Politik. Der letzte Schildbürgerstreich ist die DSGVO. Das spricht für sich.

Es wird oft über die Tatsache diskutiert, dass es kaum ein größeres deutsches Digitalunternehmen gilt, das international eine Rolle spielt, Zalando einmal ausgenommen. Ist das so?

Die Frage ist, mit wem man sich vergleicht. Es ist richtig, dass die weltweiten Unicorns primär außerhalb von Deutschland entstehen. Im europäischen Vergleich steht Deutschland nicht ganz so schlecht da – beispielsweise gehört Auto Group 1 aus Berlin zu den Top3 Unternehmen. Und mit BioNTech und NuCom gibt es weitere Unternehmen unter den Top10 des aktuellen Dealroom Rankings. Andererseits waren die größten Börsengänge in letzter Zeit nicht Delivery Hero, sondern Spotify und Adyen.

Wo liegen strukturelle Ursachen?

Wenn Sie die FDP fragen, dann liegt die Ursache teilweise in der „German Angst“, also dem typisch deutschen Bedenkenträgertum. Da mag etwas dran sein, denn der klischeebehaftete Deutsche ist nun mal zögerlich und wenig euphorisch für neues. Ein Morgenmuffel gegenüber Veränderungen. Und der typische Start-up-Unternehmer ist das genaue Gegenteil: furchtlos, begeisterungsfähig, offen und er brennt für Neues. Unabhängig dessen hat es Deutschland nicht geschafft, seine Stärken in der digitalen Welt auszuspielen. Das sieht man am besten im Mobility-Bereich, wo wir zwar (noch) Weltmarktführer sind, wo aber die neuen Geschäftsmodelle im Ausland erdacht werden.

Deutschland hat sich noch nicht darauf eingestellt, dass sämtlichen etablierten Geschäftsmodelle auf dem Prüfstand stehen und nur die wenigsten überleben werden. Das ist einer der Gründe, sich um die Renten zu sorgen und auch einer der Gründe, warum wir unsere Digitalkonferenz NKF Summit ins Leben gerufen haben.

In welchen Gebieten sind Start-ups aus Deutschland heute weltweit vorne? (Blockchain?)

Die deutschen Start-ups sind teilweise von herausragender Qualität. Während wir in vielen Deep-Tech-Bereichen noch starken Nachholbedarf haben, sind wir in ingenieursnahen Bereichen wie IoT recht gut aufgestellt. Eine international herausragende Position haben deutsche Start-ups im Bereich Blockchain. Hier gehört insbesondere Berlin zu den führenden Hotspots der Welt. Das ist schon besonders, vor allem wenn man bedenkt, dass Blockchain die wahrscheinlich disruptivste Technologie der letzten Dekade ist.

Mit welchen KPIs messen Sie, ob ein Start-up erfolgversprechend ist?

Da kommt natürlich auf das Modell an. Und auch auf die Phase des Unternehmens. Für viele Unternehmen geht es um Wachstum. In diesem Fall muss man andere KPIs ansetzten als bei Unternehmen, die auf Profitabilität setzen. Grundsätzlich ist der NPS eine spannende KPI. Allerdings ist er nicht offen einsehbar, weswegen wir uns meistens an anderen Parametern orientieren. Unterm Strich ist es aber so, dass wir nicht nur auf Daten, sondern auch auf die analytischen Qualitäten der Redaktion setzen. Wir bringen ja inzwischen Erfahrung aus fünf Jahren Start-up-Analyse mit und sind recht fix beim Erkennen von Potenzialen.

Wo sehen Sie bei Start-ups im Medien-Bereich interessante Trends?

Die Medienbranche ist ein weites Feld – und zeitgleich ist es ja die Branche, deren Unabhängigkeit essentiell für das nachhaltige Funktionieren einer Gesellschaft ist. Schließlich sprechen wir von der vierten Gewalt, den Entertainment-Bereich mal außen vorgelassen. Spannend ist hier in Zeiten eines Donald Trump vor allem die weiterhin fehlende Bereitschaft des Konsumenten, für hochwertigen Journalismus zu bezahlen. Das gibt einem schon zu denken. Das ist eine schlechte Grundvoraussetzung für Startups, weshalb Medien-Start-ups wahrscheinlich zu den am schlechtesten finanzierten Start-ups in Deutschland gehören.

Welches Medien-Start-up beeindruckt Sie besonders?

Es gibt viele kleinere, teilweise aufstrebende Unternehmen, die spannend sind. Opinary aus Berlin gehört dazu. Oder auch Highsnobiety. Und natürlich muss man auch Correctiv erwähnen, die einen tollen Job machen. Aber trotzdem muss man konstatieren, dass es noch keinem Start-up gelungen ist, eine durchdringende Relevanz aufzubauen. Leider.

Für etablierte Unternehmen gibt es ja zwei Wege, an Start-ups zu partizipieren: Kaufen/übernehmen oder selbst aufbauen. Wie lautet Ihr Ratschlag?

Das ist am Ende des Tages eine Frage der Zielsetzung. Wenn ich mir Startup-Mindset ins Unternehmen holen möchte, ist es schwer, aus einem langjährigen Mitarbeiter plötzlich einen Unternehmer zu machen. Das gelingt in den wenigsten Fällen. Meistens holen sich Unternehmen, die etwas selbst aufbauen möchten, Experten von außerhalb mit einem gewissen Track-Record. Die Kunst liegt dann darin, diese Experten in die Unabhängigkeit zu entlassen. Kettet man sie an die Unternehmensstrukturen, ist das Scheitern vorprogrammiert. Und zeitgleich darf man nicht vergessen, dass ohnehin ein Großteil der Startups scheitert. Ein CEO, der vor einer Make-or-Buy-Entscheidung steht, muss sich also genau überlegen, ob er sattelfest ist und das Scheitern von Startups auch verargumentieren kann. Kauft man stattdessen ein Start-up, ist dieses zumeist am Markt etabliert und birgt weniger Risiken. Man kürzt also den Entwicklungszeitraum ab, minimiert das Ausfallrisiko, zahlt dafür aber einen deutlich höheren Preis und hat immer noch die ergebnisoffene Frage der kulturellen Integration. Auch das kann natürlich scheitern.

Wo ist die größte Herausforderung dabei, im eigenen Unternehmen Start-ups aufzubauen?

Kurz gesagt, das fehlende Start-up-Mindset in den etablierten Unternehmen. Für die meisten etablierten Unternehmen klingt der Begriff Start-up mit all seinen Assoziationen zwar irgendwie sexy, ohne aber genau zu wissen, was sich dahinter tatsächlich verbirgt. Wir vergleichen es gerne mit Dschungel vs. Zoo. Nur weil man mal ein Nashorn im Gehege gesehen hat, heißt das nicht, dass man wirklich eine Ahnung hat, wie es sich in freier Wildbahn verhält.


Jan Thomas ist seit 2010 von der Start-up-Szene infiziert. Er ist Geschäftsführer von NKF Media und Herausgeber der Start-up-Magazine Berlin Valley und The Hundert, des täglichen Startup-Newsletters Venture Daily sowie Veranstalter der Konferenzreihe NKF Summit – Corporates meets Startups. In seinem früheren Leben war er Inhaber einer Marketing-Agentur und einer Branding-Agentur, beide in Frankfurt/Main.