#13 / 2018
11/12
© Fifteen Seconds / Niki Pommer

community first. in echt.

leander wattig über veranstaltungen im publishing und darüber hinaus

Es gibt eine interessante Berufsgruppe, die sich Futurist nennt. Diese Menschen sind zu bewundern. Bringen sie doch den Mut auf, mehr oder weniger weitreichende und konkret werdende Prognosen für die Zukunft zu wagen und das in einer Zeit, da sich der Wandel speziell auch in den Medienbranchen immer weiter beschleunigt. 

Nicht weniger hilfreich ist es zu fragen, was sich trotz aller Umbrüche auch künftig gerade nicht ändern wird. Dazu gehört all das, was zwischen Menschen entsteht, wenn sie sich physisch-real – also „in echt“ – begegnen. Da entsteht eine Bindekraft, auf die wir durch zehntausende Jahre Evolution hin ausgerichtet sind. Die „Conversion“ ist sozusagen unübertroffen. Social Media und andere digitale Kommunikationsmittel vermögen das nicht zu ersetzen, sind sie doch immer nur eine, wenn auch inzwischen beeindruckend gute, Annäherung an die physisch-reale Kommunikation. Allerdings müssen diese „echten“ Begegnungen und Verknüpfungen regelmäßig erneuert werden, um ihre Bindekraft nicht zu verlieren. Das ist wohl auch der Grund, warum digital geprägte und verlinkte Menschen in Berlin, Hamburg und andernorts meist diejenigen sind, die sich am häufigsten bei Meetups und Veranstaltungen aller Art treffen – sie kennen den Unterschied.

Die große Neuerung des Internets war ja, dass jeder hineinschreiben kann, und so wurden alle Unternehmen zu Medienunternehmen. Da Aufmerksamkeit aber flüchtig ist und es immer schwerer fällt durchzudringen, kommt nun ein zweiter Effekt hinzu, dass eben alle Medienunternehmen beginnen, sich zu Teilzeit-Veranstaltern auf eigenen oder fremden Plattformen zu wandeln. Man möchte digital unterstützt die erwähnten Effekte physisch-realer Begegnungen nutzen, die eben unübertroffen sind. Entsprechend wachsen vielerorts die Eventmarketing-Budgets.

So ist es kein Zufall, dass beispielsweise in der Buchbranche in den letzten zehn Jahren zahlreiche neue Veranstaltungsformate entstanden sind. Dazu gehören Konferenzen wie die future!publish in Berlin, aber auch Kundentage wie der Publishers Day von Bookwire, die sich immer mehr zu klassischen und medienbegleiteten Konferenzen wandeln. Hinzu kamen Inhouse-Konferenzformate wie die der Bonnier-Gruppe mit unter anderem dem „Carlsen Creative Campus“ und der „Ullstein Uni“. Die Idee ist, dass alle Mitarbeiter die Möglichkeit erhalten, sich an einem Tag im Jahr komplett einer hauseigenen Tagung mit auch externen Speakern zu widmen. Ullstein ist auch insofern ein gutes Beispiel, als dass sie weitere Formate pflegen wie die öffentliche Diskussionsreihe „Resonanzraum“ ebenfalls im Berliner Verlagsgebäude. Das eigene Haus und damit gewissermaßen die Blackbox Verlag zu öffnen, ist auch das Anliegen von „lit.Love“, bei der sich zahlreiche Random-House-Verlage wie Heyne, Goldmann und Penguin zusammenschließen, Leser einladen und dafür zahlreiche Autoren zu Gast haben. Ganz ähnlich läuft es bei der „LitBlog Convention“, bei der sich die fünf Verlage Diogenes, DuMont Buchverlag, DUMONT Kalenderverlag, Kiepenheuer & Witsch und Bastei Lübbe zusammenschließen, um in diesem Fall Buchblogger zu begrüßen und somit letztlich Influencer Marketing zu betreiben. Auf (Un-)Konferenzseite haben sich ausgehend vom „BuchCamp“ in Frankfurt über die Zeit auch diverse BarCamp-Format entwickelt, wovon beispielsweise das „eBookCamp“ in München nach wie vor beliebt ist. Nicht zuletzt sind frei organisierte Meetup-Formate gefragt, die mithilfe von Vorträgen über die klassischen Stammtische hinausgehen. Hier war das „#MXSW-Treffen“ in Stuttgart ein Treiber und ich selbst bin mit meiner „#pubnpub“-Reihe auch beteiligt, die inzwischen schon in 16 Städten und 7 Ländern stattgefunden hat.

Bei ORBANISM pflegen wir ein umfassendes Eventverzeichnis, wofür wir das ganze Veranstaltungsfeld beobachten. Dabei fällt auf, dass die meisten Events immer noch so organisiert und beworben werden, als ob es das Internet nicht gäbe. So wird meist mit den Speakern und der Location geworben. Gute Inhalte sind zweifelsohne sehr wichtig, um Teilnehmer anzuziehen, aber sie entwickeln sich zunehmend zum Hygienefaktor. Es fällt also auf, wenn sie fehlen, aber mit ihnen allein kann man langfristig noch nicht ausreichend punkten. Schließlich gibt es gute Inhalte überall – dafür muss man heute nur den Laptop aufklappen. Noch dazu bieten viele Events mittlerweile einen Livestream. Viel wichtiger ist hingegen, was auf Basis von geeignetem Input zwischen den Teilnehmern passiert. Der Teilnehmeraustausch untereinander ist nicht kopierbar und wird immer einen Wert haben. Nur leider wird dieser Austausch bisher selten aktiv gestaltet und gesteuert. Häufig ist es sogar so, dass die Veranstaltungen mit Top-down-Formaten wie Vorträgen und Panels ausgefüllt werden und dabei nur ein paar Pausen vorgesehen sind, die Raum für Austausch ließen, welche aber sogleich gekürzt werden, wenn wie so oft zu spät gestartet wurde oder die Speaker überziehen.

Bei Barcamps, auch „Unkonferenz“ genannt, stellen die Teilnehmer zum Start des Veranstaltungstags ein gemeinsames Programm auf, bei dem alle Anwesenden eingebunden werden.

Stichwort Teilnehmeraustausch: Viele Veranstaltungen sind heute implizit auf eher extrovertierte Charaktere hin designt. Unsere ORBANISM-Leitfigur bei der Gestaltung von Eventformaten ist hingegen die schüchternste denkbare Person, die niemanden vorher kennt. Was müsste man tun, damit sie sich wohl fühlt und ein erfolgreiches Erlebnis hat? Wie gesagt, gute und relevante Inhalte sind immer die Basis. Die Wasserglas-Lesung wird deshalb nie aussterben. Das kann aber ebenso ein innovatives Format wie das der „Launchpad Meetups“ bedeuten, welches Springer Nature 2017 gestartet hat. Diese drehen den bekannten Ablauf von Pitching-Events um, die sonst eher in die Breite gehen, und starten mit der Formulierung konkreter Bedarfe durch das Unternehmens, woraufhin die Pitches dann zielen. Ein Beispiel für relevante Inhalte. Auf diese aufbauend bedarf es für erfolgreiche Veranstaltungen aber zweier Faktoren: gute Integrations- und gute Interaktionsformate.

Je breiter wir Menschen einbeziehen, desto erfolgreicher ist in der Regel auch unsere Veranstaltung. Dazu gehören vor allem Themen wie Barrierefreiheit und Diversität auf der Bühne. Es gelingt leichter, Menschen als Teilnehmer zu akquirieren, wenn sie ihre Peers auf der Bühne sehen. Viele Veranstalter investieren hier inzwischen gezielt Ressourcen, was sich mindestens langfristig in konkreten Zahlen auszahlt. Das lässt sich weltweit bei Konferenzen beobachten wie beispielsweise bei der „Media Evolution Conference“ in Malmö, die damit massiv gewachsen ist und nicht umsonst mit diesem Slogan wirbt: „Diverse perspectives and the opportunities in between“. Integrationsformate können aber auch intelligente Matchingansätze via App oder Offline sein, die Neudeutsch gern „Braindates“ genannt werden. Ein Format, das mir persönlich sehr gut gefällt, ist das des „Dinner with a stranger“. Hier kann man sich zum Essen in einem Restaurant nach persönlichem Geschmack anmelden und wird dort zufällig zu anderen Gästen am Tisch gruppiert, woraufhin ein intensives Kennenlernen stattfindet. Bei manchen Events findet genau das aber auch in einer Gondel oder in einem anderem Gefährt statt. Die Mittel sind da unterschiedlich, die Ziele aber gleich.

Neben der möglichst breiten Einbeziehung von Menschen ist ein weiterer Ansatz, eine möglichst hohe Interaktion zu erzeugen. Das vertieft nicht nur die Kontakte, sondern führt letztlich der Social-Media-Logik auch zu höherer Sichtbarkeit vor Ort und im Netz. Kaum eine große Konferenz kommt heute bekanntlich ohne Bällebad aus und auch weitere Beispiele wie Fotoboxen, Hashtag-Livestreams, Like-Contests und ähnliche sind bekannt. Gerade bei Internet-affinen Menschen erzeugt Interaktion unmittelbar Content, was letztlich die Reichweite der eigenen Veranstaltung erhöht. All das sollte aber möglichst kein Selbstzweck, sondern auf natürliche Art und Weise einprogrammiert sein. Nicht umsonst habe ich beispielsweise bei der Leipziger Autorenrunde eine ganze Konferenz mit dem passend-interaktiven Format der Table Session konzipiert, das für unmittelbaren Austausch mit den Referenten und zugleich mit den anderen Teilnehmern sorgt. Das interaktive Format trägt wesentlich dazu bei, dass wir seit sechs Jahren ausverkauft sind.

Am Ende muss aber das Ziel sein, nicht nur einzelne Instrumente aneinander zu reihen, sondern ein echtes Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. Wie herausfordernd das ist, wenn es fehlt und wie schwer es fällt, dieses zu erzeugen, lässt sich aktuell bei der Umgestaltung der CEBIT beobachten, die nun wie so viele Messen auch ein Festival sein möchte. Wer hätte in den 1990ern gedacht, wie zukunftsträchtig die Leipziger Buchmesse tatsächlich positioniert ist. Wenn es um Community und Gemeinschaftsgefühl geht, kann ich jedem nur empfehlen, sich einmal das „Fifteen Seconds Festival“ in Graz anzuschauen, das in Sachen Veranstaltungsdesign und Communitypflege aus meiner Sicht mit führend ist im deutschsprachigen Raum. Dort wird auf viele Kleinigkeiten geachtet und es lässt sich viel lernen und fürs eigene Tun übertragen.

Mich persönlich interessiert das ganze Feld der Veranstaltungs- und Begegnungsformate sehr, gerade weil ich aus einer Contentbranche komme. Veranstaltungen sind aus meiner Sicht die konsequente Verlängerung aller Erfolgsfaktoren, die wir von dort und aus den Social Media kennen, weshalb ein Zeitungshaus wie der Tagesspiegel in Berlin inzwischen alle größeren redaktionellen Themen mit eigenen Veranstaltungen fortsetzt. Andersrum braucht es eben immer auch Content, was sich zurzeit beispielhaft an der Neuausrichtung der „dmexco“ beobachten lässt. Dort sollen die jährlichen Messen nun ganzjährig mit einer eigenen Contentplattform und unterschiedlichen Formaten zielgruppengenau verbunden werden.

Kurzum: Back to the Basics. Community First. Der Rest lässt sich schnell lernen.








Leander Wattig ist Eventkonzepter und Publisher. Daneben engagiert er sich als Dozent an der Humboldt-Universität zu Berlin und als Vorstandsmitglied der Theodor Fontane Gesellschaft. Ausgezeichnet ist er als Fellow des Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes.