Lars Claßen
Gründen in Teilzeit
Wie zwei Verleger einen nachhaltigen Verlag gründeten
Nachhaltig, neugierig, unabhängig lautet das Motto des neu gegründeten Kjona Verlags in München. Verantwortungsvolles literarisches Verlegen lautet die Devise des Literatur und Sachbuch Verlags. Gründer Lars Claßen beantwortet im Interview spannende Fragen rund um den Entstehungsprozess.
Wie ist die Idee des Kjona Verlags entstanden?
Flo Keck und ich sind unser halbes Leben lang Freunde – und wir lieben Bücher. Im ersten Lockdown haben wir uns viel darüber ausgetauscht, wie sich aus dieser sehr besonderen Situation der Begrenzung plötzlich neue Freiheiten ergaben. Zum Beispiel konnten wir Arbeit und Familie besser miteinander vereinbaren als vorher. Herausforderungen stellten sich uns auf einmal als Möglichkeiten dar, Dinge zu verändern, und zwar nach den eigenen Vorstellungen. Da war der Schritt nicht weit, sich auch unternehmerische Fragen zu stellen: Welche neuen Wege könnten man einschlagen, um Bücher an die Leser:innen zu bringen? Wie könnte ein Verlag aussehen, der nicht nur gute Bücher veröffentlicht, sondern auch darauf achtet, dass sie auf eine nachhaltige Weise produziert werden, die nicht auf Kosten der Menschen und der Umwelt geht.
Laut einer durch ClimatePartner beauftragten Verbraucher:innenumfrage zu Einkaufsverhalten und Klimaschutzbewusstsein sieht der Großteil der Bevölkerung Klimaschutz als wichtig bis sehr wichtig an. Vielen dient die Produktionsweise beim Einkauf inzwischen sogar als Entscheidungshilfe. Trotzdem wird dieses Bedürfnis auf dem Buchmarkt in den Segmenten Belletristik und Sachbuch bislang nicht befriedigt – dabei ließe sich so Gutes tun und gleichzeitig auch noch eine Marktlücke schließen. Genau das wollen wir mit Kjona tun.
Nebenher gründen ist mutig. Was waren die größten Herausforderungen?
Insbesondere in diesen Tagen scheint mir die größte Herausforderung das Erkältungskarussell unserer Kinder zu sein, die ja noch klein sind und zurzeit eigentlich immer krank. Gründer zu sein ist in meinen Augen oft wie Vater sein. Ob man seine Sache gut macht, ergibt sich womöglich nicht etwa daraus, wie gut man einen Plan machen und diesen dann einhalten kann, sondern aus der Fähigkeit, möglichst einfallsreich und nachhaltig auf den Ausnahmezustand zu reagieren.
Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie?
Nachhaltigkeit ist für uns die Chance, einen Beitrag dazu zu leisten, dass unsere Welt, die so schön und so reich an Geschichten ist, für unsere Kinder und deren Kinder erhalten bleibt. Wir produzieren all unsere Bücher nach höchstem sozial-ökologischen Standard cradle-to-cradle und all unsere Autor:innen erhalten dieselbe gleichberechtigte Beteiligung – unabhängig von Herkunft, Geschlecht und Bekanntheitsgrad.
Ist Nachhaltigkeit auch inhaltlich ein Schwerpunkt?
Ich meine, sie spiegelt sich vor allem in der Art, wie wir Programm machen, wider. Wir wählen unsere Autor:innen und Bücher sehr sorgfältig aus und nehmen uns dafür viel Zeit. Wir zielen nicht auf die schnellen Hypes von heute, wir investieren in langfristige wertschätzende Beziehungen und fördern Autor:innen mit Werken, die auch morgen noch aussagekräftig sind.
Ist das eBook im Vergleich nicht die ökologischere Variante?
Das würde man erst mal vermuten. Aber zum einen sind die Ressourcen, die für die Produktion eines E-Readers benötigt werden, erheblich. Und zum anderen wissen wir für eine seriöse Einschätzung zu wenig darüber, auf welchen Servern die eBooks dieser Welt gespeichert werden, mit welcher Energie die Server betrieben, wie sie gekühlt werden, wem sie gehören, wo die Steuern gezahlt werden etc. Für uns sind das alles Fragen der Nachhaltigkeit.
Auf welches Programm dürfen sich Leserinnen und Leser kommendes Jahr freuen?
Für mich persönlich ist ein gutes Buch der Unterschied zwischen dem Menschen, der ich vor der Lektüre war, und dem, der ich danach geworden bin. Ein gutes Buch hat die Kraft, seine Leser:innen zu verändern. In unserem ersten Programm haben wir fünf davon.
Sam, die Heldin in Dana Spiottas Roman Unberechenbar, tut mit 53 das, was sich viele Frauen in ihrem Alter wünschen: Sie ändert ihr Leben. Als sie sich in ein heruntergekommenes Haus im Problemviertel von Syracuse, New York verliebt, kauft sie es kurzerhand. Und bemerkt erst zwei Atemzüge später, dass sie somit wohl ihre Familie verlassen wird.
Zain Khalid erzählt in seinem Debütroman Bruder die Geschichte dreier Adoptivbrüder, die sehr unterschiedlich sind und einander doch innigst lieben. Ein unerschrockenes, aber auch zartes Buch von einem aufsehenerregenden jungen Autor.
Von Isabel Wilkerson, die als erste Schwarze Frau mit einem Pulitzer Preis für Journalismus ausgezeichnet wurde, veröffentlichen wir eine, wie das TIME Magazin schrieb, „wirkungsmächtige neue Betrachtungsweise, um Identität und Ungerechtigkeit auf der Welt zu verstehen“. Kaste. Die Ursprünge unseres Unbehagens analysiert die gesellschaftliche Grammatik, die Rassismus, Sexismus und Klassismus gleichermaßen zugrunde liegt.
Ganz besonders freuen wir uns darauf, im Februar 2023 mit unserer Reihe Briefe an die kommenden Generationen an den Start zu gehen. Zugespitzt handelt es sich dabei um Visionen für eine bessere Welt von morgen auf gerade mal 80 Druckseiten – mit dieser Reihe bauen wir also nach und nach eine kleine Bibliothek der möglichen Zukünfte auf. Die Eröffnungsbände kommen von Linus Giese und Markus Gabriel. Ich glaube, es wird ein spannendes Frühjahr!
Das Interview führte Carina Drost.
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Lars Claßen war 13 Jahre lang als Lektor und Programmleiter für führende Publikumsverlage (u. a. Suhrkamp und dtv) tätig. Er hat beispielsweise James Baldwin für den deutschen Buchmarkt wiederentdeckt und Bestseller-Autor:innen wie Alex Schulman, Celeste Ng, Graham Swift und Claire Lombardo betreut.